Am Donnerstag blickt die gesamte Automobilbranche nach Wolfsburg. Der Volkswagen-Aufsichtsrat entscheidet über einen verschärften Sparkurs, der nach Medienberichten bis zu 100.000 Arbeitsplätze weltweit betreffen könnte. Für Sachsen geht es dabei um weit mehr als Zahlen. Es geht um die Zukunft einer ganzen Industrieregion.
Sollte das Werk in Zwickau tatsächlich auf der Schließungsliste stehen, wäre das nicht nur ein schwerer Schlag für Tausende Beschäftigte und ihre Familien. Es wäre ein Einschnitt für eine Region, die sich über Jahrzehnte als Herzstück der deutschen Automobilindustrie etabliert hat. Auch zahlreiche Zulieferer würden in einen gefährlichen Strudel geraten.
Dass die IG Metall gemeinsam mit den Betriebsräten nun bundesweit protestiert und an allen Standorten – von Wolfsburg über Chemnitz bis Zwickau – ein deutliches Zeichen setzen will, ist nachvollziehbar. Gewerkschaften haben den Auftrag, Arbeitsplätze zu verteidigen. Genau dafür sind sie da.
Trotzdem gehört zur Wahrheit auch eine andere Seite.
Volkswagen muss heute Entscheidungen treffen, die man vor zehn oder zwanzig Jahren vielleicht hätte früher diskutieren müssen. Der Konzern steht unter einem enormen internationalen Wettbewerbsdruck. Chinesische Hersteller drängen mit hoher Qualität und oftmals deutlich niedrigeren Produktionskosten auf die Weltmärkte. Gleichzeitig verschlingen Elektromobilität, Softwareentwicklung und Digitalisierung Milliardenbeträge.
Vor diesem Hintergrund genügt es nicht mehr, sich allein auf die Erfolge der Vergangenheit zu verlassen.
Man wird deshalb auch die Tarifpolitik der vergangenen Jahrzehnte kritisch hinterfragen dürfen. Die IG Metall hat zweifellos hervorragende Arbeit für ihre Mitglieder geleistet. Hohe Einkommen, umfangreiche Sozialleistungen und weitgehende Beschäftigungssicherungen sind keine Selbstverständlichkeit. Millionen Beschäftigte verdanken der Gewerkschaft einen erheblichen Teil ihres Wohlstands.
Doch jede Medaille hat zwei Seiten.
Aus Sicht vieler Unternehmen ist über die Jahre ein Kostenapparat entstanden, der sich unter den heutigen globalen Wettbewerbsbedingungen immer schwerer finanzieren lässt. Überspitzt formuliert könnte man sagen: Die Gewerkschaft hat Volkswagen jahrzehntelang erfolgreich verteidigt – gleichzeitig aber auch Stück für Stück immer mehr vom wirtschaftlichen Spielraum des Konzerns beansprucht. Solange Milliarden verdient wurden, fiel das kaum auf. Heute, in einem völlig veränderten Markt, wird jede zusätzliche Belastung plötzlich sichtbar.
Das macht die Gewerkschaft nicht zum Schuldigen. Ebenso wenig entbindet es das Management von seiner Verantwortung. Denn auch auf Vorstandsebene wurden strategische Fehler gemacht, Marktveränderungen unterschätzt und Chancen teilweise zu spät erkannt.
Jetzt allerdings geht es nicht mehr um Schuldzuweisungen, sondern um das Überleben der Wettbewerbsfähigkeit.
Wenn Volkswagen tatsächlich Werke schließen sollte, wäre das dramatisch. Aber noch dramatischer wäre es, wenn notwendige Anpassungen aus politischen oder emotionalen Gründen vollständig blockiert würden und der Konzern dadurch in einigen Jahren noch tiefere Einschnitte vornehmen müsste.
Für Sachsen bedeutet diese Entwicklung vor allem eines: Die wirtschaftliche Zukunft darf nicht ausschließlich an Volkswagen hängen. Die Politik muss jetzt beginnen, Alternativen aufzubauen. Neue Industrieansiedlungen, Zukunftstechnologien, Batteriefertigung, Robotik, Halbleiter oder künstliche Intelligenz müssen stärker in den Fokus rücken.
Und ja – dazu könnten durchaus auch Investoren aus China gehören.
Viele werden diesen Gedanken kritisch sehen. Doch wirtschaftliche Realität kennt keine Nationalität. Wenn ein chinesischer Hersteller in Sachsen investieren möchte, Arbeitsplätze schafft und moderne Produktion mitbringt, sollte man zumindest zuhören. Allerdings dürfte genau dort das nächste Problem beginnen: Auch chinesische Unternehmen werden sehr genau kalkulieren. Hohe Lohnkosten, steigende Energiepreise, umfangreiche Regulierung und langwierige Genehmigungsverfahren machen Deutschland nicht automatisch zu einem attraktiven Produktionsstandort.
Damit schließt sich ein beinahe tragischer Kreis.
Wir wollen gute Löhne. Wir wollen starke Arbeitnehmerrechte. Wir wollen soziale Sicherheit. All das sind wichtige Errungenschaften, die niemand ernsthaft infrage stellen sollte.
Aber wir brauchen ebenso Unternehmen, die diese Löhne dauerhaft erwirtschaften können.
Die kommenden Tage werden deshalb weit mehr sein als ein Streit zwischen Vorstand und Gewerkschaft. Sie könnten zum Wendepunkt für die deutsche Automobilindustrie werden. Für Sachsen entscheidet sich möglicherweise, ob das Land auch künftig Automobilstandort bleibt – oder ob es gezwungen sein wird, seine wirtschaftliche Zukunft völlig neu zu erfinden.
Eines steht jedenfalls fest: Proteste allein schaffen keine Wettbewerbsfähigkeit. Genauso wenig lösen Sparprogramme allein die strukturellen Probleme. Es braucht Mut zur Veränderung, wirtschaftliche Vernunft und den Willen aller Beteiligten, ideologische Gräben zu überwinden.
Denn am Ende nützt der schönste Tarifvertrag nichts, wenn es das Werk, für das er abgeschlossen wurde, irgendwann nicht mehr gibt.
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