Startseite Allgemeines KI-Frust bei Softwareentwicklern: Sechs von zehn versuchen künstliche Intelligenz zu vermeiden
Allgemeines

KI-Frust bei Softwareentwicklern: Sechs von zehn versuchen künstliche Intelligenz zu vermeiden

Innovalabs (CC0), Pixabay
Teilen

Ausgerechnet Softwareentwickler gehörten zu den ersten Berufsgruppen, die künstliche Intelligenz intensiv in ihren Arbeitsalltag integrierten. Doch inzwischen zeigt sich ein überraschend differenziertes Bild: Einer neuen internationalen Befragung zufolge versuchen sechs von zehn befragten Beschäftigten aus der Technologiebranche, den Einsatz von KI zu vermeiden. Gleichzeitig nutzen viele Entwickler KI-Werkzeuge weiterhin. Das Problem ist offenbar weniger die grundsätzliche Ablehnung der Technologie als die Frage, wie zuverlässig und sinnvoll sie im beruflichen Alltag tatsächlich eingesetzt werden kann.

30.000 Entwickler aus 169 Ländern befragt

Die Ergebnisse stammen aus einer umfangreichen Befragung der Entwicklerplattform Stack Overflow.

An der Untersuchung mit 103 Fragen beteiligten sich rund 30.000 Softwareentwickler aus insgesamt 169 Ländern.

Das Ergebnis zeichnet kein einfaches Bild von Zustimmung oder Ablehnung.

Einerseits nutzen viele Entwickler KI bereits intensiv. Andererseits bestehen erhebliche Zweifel daran, ob die Technologie den hohen Erwartungen tatsächlich gerecht wird.

Sechs von zehn befragten Tech-Beschäftigten erklärten demnach, dass sie versuchen, den Einsatz von KI zu vermeiden.

Gleichzeitig gaben 65 Prozent der Befragten an, Coding-Assistenten oder KI-Agenten einzusetzen.

Diese scheinbar widersprüchlichen Zahlen zeigen, wie ambivalent das Verhältnis vieler Entwickler zur neuen Technologie inzwischen ist.

KI wird genutzt – aber nicht blind vertraut

Dass KI in der Softwareentwicklung längst angekommen ist, steht außer Frage.

Technologiekonzerne und Start-ups setzen entsprechende Systeme zunehmend zur Erstellung von Programmcode ein.

Auch andere Untersuchungen zeigen eine hohe Verbreitung. Eine im Ausgangsbericht erwähnte Befragung der Forschungsabteilung von Google unter 5.000 Technologie-Fachkräften weltweit ergab, dass 90 Prozent KI bei ihrer Arbeit einsetzen. Gegenüber 2024 entsprach dies einem Anstieg um 14 Prozentpunkte.

Die hohe Nutzungsquote bedeutet jedoch nicht automatisch, dass Entwickler mit den Ergebnissen zufrieden sind.

Entwickler kritisieren fehlenden Kontext

Softwareentwicklerin Laura Housh begann 2024 damit, KI als Unterstützung beim Programmieren und bei anderen Aufgaben einzusetzen.

Zwei Jahre später beschreibt sie ihr Verhältnis zur Technologie als zwiespältig.

KI könne durchaus Orientierung geben oder wie ein zusätzliches Paar Augen bei der Überprüfung einer Aufgabe helfen. Für eine wirklich umfassende Unterstützung fehle den Systemen jedoch häufig der notwendige Kontext.

Genau darin sehen auch andere erfahrene Entwickler ein Problem.

Ein KI-System kennt möglicherweise Programmiersprachen, Frameworks und allgemeine Entwicklungsmethoden. Es verfügt aber nicht automatisch über das Wissen, das ein Mitarbeiter nach Jahren der Arbeit mit einer bestimmten Softwarearchitektur, einem Unternehmen oder einem konkreten Projekt aufgebaut hat.

Erfahrung lässt sich nicht einfach ersetzen

Auch die Softwareentwicklerin Audrey Eschright, die über rund 20 Jahre Berufserfahrung verfügt, sieht Grenzen.

Nach ihrer Einschätzung besitzen KI-Agenten weder das breite Erfahrungswissen eines langjährigen Entwicklers noch automatisch den spezifischen betrieblichen Kontext eines erfahrenen Mitarbeiters.

Das kann zu zusätzlicher Arbeit führen.

Wer KI-generierten Code verwendet, muss schließlich verstehen, überprüfen und gegebenenfalls korrigieren, was das System produziert hat.

Für Entwickler entsteht dadurch ein grundlegendes Spannungsfeld: Programmieren ist nicht ausschließlich das Schreiben von Code, sondern gleichzeitig ein Prozess, mit dem Probleme analysiert und Systeme verstanden werden.

Wird ein Teil dieses Prozesses an eine KI delegiert, besteht die Gefahr, dass Entwickler weniger unmittelbar an der Entstehung der Lösung beteiligt sind.

Nur 6,6 Prozent vertrauen KI bei wichtigen Entscheidungen

Besonders deutlich wird die Skepsis beim Thema Verantwortung.

Mehr als 74 Prozent der Befragten halten KI für hilfreich bei der Implementierung von Programmcode.

Rund 72 Prozent sehen einen Nutzen beim Debugging, also beim Aufspüren und Beheben von Fehlern.

Außerhalb dieser klassischen Programmieraufgaben sinkt die Zustimmung jedoch deutlich.

Nur 34,4 Prozent betrachten KI bei anderen beruflichen Tätigkeiten wie Kommunikation und Design als hilfreich.

Noch auffälliger ist das Ergebnis bei wichtigen Entscheidungen: Lediglich 6,6 Prozent der Befragten erklärten, KI dabei zu vertrauen.

Auch die Herkunft von Informationen spielt eine wichtige Rolle.

Rund 78 Prozent halten Quellenangaben für wichtig, wenn sie von KI erzeugten Programmcode überprüfen.

Unzufriedenheit im Beruf nimmt zu

Parallel zum Aufstieg der KI zeigt die Stack-Overflow-Befragung eine wachsende Unzufriedenheit unter Entwicklern.

Fast jeder dritte Befragte erklärte, mit seiner derzeitigen beruflichen Situation nicht zufrieden zu sein.

Im Vorjahr lag dieser Anteil bei 28,4 Prozent.

Rund 45 Prozent beschrieben ihre Haltung zur eigenen Arbeit als eher gleichgültig beziehungsweise wenig begeistert.

Nur 22,3 Prozent bezeichneten sich als zufrieden.

Als wesentliche Belastungsfaktoren werden Burnout, technologische Ermüdung, wirtschaftliche Unsicherheit und fehlende Klarheit über berufliche Aufstiegsmöglichkeiten genannt.

Diese Probleme sind nicht ausschließlich auf KI zurückzuführen. Der schnelle technologische Wandel verstärkt nach Einschätzung von Stack-Overflow-Chef Prashanth Chandrasekar jedoch einige der bestehenden Sorgen.

Entwickler müssen ihre Arbeit neu lernen

Die Veränderungen gehen nach seiner Einschätzung weit über die einfache Frage hinaus, ob KI Arbeitsplätze ersetzen wird.

Viele Beschäftigte müssten ihre Arbeitsweise grundlegend neu ausrichten.

Dabei entstehe Unsicherheit darüber, welcher Anteil ihrer bisherigen Tätigkeiten künftig automatisiert werden könnte.

Für erfahrene Programmierer ergibt sich daraus ein besonderes Problem: Fähigkeiten, die über viele Jahre aufgebaut wurden, könnten plötzlich weniger relevant erscheinen.

Bei Berufseinsteigern zeigt sich der Druck auf andere Weise.

Von ihnen werde aufgrund der verfügbaren KI-Werkzeuge teilweise ein Leistungsniveau erwartet, das früher erst nach mehreren Jahren Berufserfahrung vorausgesetzt worden wäre.

Die Anforderungen steigen damit möglicherweise schneller als die praktische Erfahrung der Beschäftigten.

Lernen nach Feierabend

Hinzu kommt die Geschwindigkeit, mit der neue KI-Werkzeuge auf den Markt kommen.

Entwickler verbringen laut den im Ausgangsbericht geschilderten Erfahrungen teilweise ihre Freizeit damit, neue Coding-Tools kennenzulernen.

Laura Housh berichtet beispielsweise, dass sie Videos zu KI-Themen ansieht und Dokumentationen von Plattformen liest, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben.

Trotzdem empfindet sie es als schwierig, mit der Entwicklung Schritt zu halten.

Der permanente Eindruck, das nächste Werkzeug lernen zu müssen, um beruflich nicht zurückzufallen, kann damit selbst zu einer zusätzlichen Belastung werden.

Unternehmen bringen KI gleichzeitig aus der Testphase

Der Druck dürfte weiter steigen, denn Unternehmen beginnen zunehmend damit, KI-Systeme aus Pilotprojekten in den regulären Betrieb zu übernehmen.

Eine im Ausgangsbericht angeführte Deloitte-Untersuchung unter mehr als 3.200 Führungskräften aus Wirtschaft und IT ergab, dass 54 Prozent damit rechneten, innerhalb der kommenden drei bis sechs Monate mindestens 40 Prozent ihrer KI-Experimente in den Produktivbetrieb zu überführen.

Damit steigen zugleich die Anforderungen an Zuverlässigkeit und Kontrolle.

Ein Fehler in einem experimentellen KI-Projekt hat schließlich eine andere Bedeutung als ein Fehler in einem System, das von Kunden oder innerhalb kritischer Geschäftsprozesse tatsächlich genutzt wird.

KI verändert den Entwicklerberuf – aber anders als erwartet

Die Ergebnisse zeichnen deshalb weniger das Bild einer Technologie, die Softwareentwickler einfach ersetzt.

Stattdessen verändert KI bereits die Anforderungen an ihren Beruf.

Entwickler müssen lernen, wann KI sinnvoll eingesetzt werden kann, wann ihre Ergebnisse kontrolliert werden müssen und wann eine Aufgabe besser ohne automatisierte Unterstützung gelöst wird.

Gleichzeitig müssen sie beurteilen können, ob generierter Code tatsächlich zum jeweiligen Projekt und dessen Architektur passt.

Die entscheidende Kompetenz könnte deshalb künftig nicht nur darin bestehen, KI möglichst häufig einzusetzen.

Mindestens ebenso wichtig dürfte die Fähigkeit sein, zu erkennen, wann man ihr besser nicht vertraut.

Die Stack-Overflow-Befragung zeigt jedenfalls einen bemerkenswerten Widerspruch: KI-Werkzeuge sind unter Softwareentwicklern bereits weit verbreitet, während gleichzeitig ein erheblicher Teil der Beschäftigten versucht, ihren Einsatz zu begrenzen.

Die erste Berufsgruppe, die besonders früh mit der KI-Revolution konfrontiert wurde, liefert damit einen Vorgeschmack darauf, wie kompliziert die Integration künstlicher Intelligenz in den Arbeitsalltag tatsächlich sein kann.

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Berliner Energiedienstleister unter Druck? Wie Preisgarantien und teurer Stromeinkauf zu Millionenverlusten führen können

Ein Energiedienstleister verkauft seinen Kunden Strom zu einem garantierten Preis. Doch was...

Allgemeines

Strafe falsch gefunden, falsch bezahlt: Bayer legt Blüte auf den Tisch

Satirischer Kommentar Ist doch logisch, Mensch: Wer eine Strafe falsch findet, bezahlt...

Allgemeines

Elvis Revival oder so

Elvis-Rechteinhaber verklagen Anthropic: Mehr als 41 Millionen Dollar gefordert Der KI-Entwickler Anthropic...

Allgemeines

Anthropic plant Börsengang: Milliardenumsätze treffen auf enorme Verluste

Der KI-Entwickler Anthropic bereitet den Gang an die US-Börse vor. Nach den...