Sie ist winzig, durchsichtig und besitzt eine außergewöhnliche Fähigkeit: Die Qualle Turritopsis dohrnii kann unter bestimmten Bedingungen in ein früheres Entwicklungsstadium zurückkehren. Statt ihren Lebenszyklus nur vorwärts zu durchlaufen, beginnt sie gewissermaßen erneut. Forschende untersuchen, welche zellulären Mechanismen dahinterstecken – und ob sich daraus langfristig Erkenntnisse für die regenerative Medizin gewinnen lassen.
Die sogenannte „unsterbliche Qualle“ kann beispielsweise auf Nahrungsmangel oder Verletzungen mit einer grundlegenden Verwandlung reagieren. Die ausgewachsene Meduse verliert ihre typische Schirmform und bildet eine kompakte Zellstruktur. Daraus entstehen Polypen, aus denen später wieder neue Quallen hervorgehen können.
Bemerkenswert ist dabei die Wandlungsfähigkeit ihrer Zellen. Bereits spezialisierte Zellen können ihre bisherige Funktion verändern und zur Bildung anderer Gewebe beitragen. Genau diese biologische Umprogrammierung interessiert die Wissenschaft: Wie gelingt ein solcher Umbau, und welche Gene steuern ihn?
Ein Forschungsteam verglich 2022 das Erbgut von Turritopsis dohrnii mit dem einer verwandten Quallenart. Dabei fanden sich unter anderem zusätzliche Kopien von Genen, die mit der Reparatur von DNA-Schäden und der Erhaltung der Chromosomenenden zusammenhängen. Diese sogenannten Telomere schützen das Erbgut und spielen auch bei menschlichen Alterungsprozessen eine Rolle.
Weitere Untersuchungen beschäftigen sich damit, welche Gene während der Rückverwandlung besonders aktiv sind. Neben bekannten Reparaturmechanismen fallen dabei auch Gene auf, deren Aufgaben bislang kaum verstanden werden. Die Ergebnisse liefern Ansatzpunkte, aber noch keine vollständige Erklärung.
Die Hoffnung richtet sich auf eine mögliche spätere Anwendung an einzelnen Zellen oder Geweben. Langfristig könnten Erkenntnisse über solche Regenerationsprozesse helfen, altersbedingte Schäden besser zu verstehen oder neue Behandlungsansätze zu entwickeln. Ob sich Mechanismen der Qualle sicher auf menschliche Zellen übertragen lassen, ist jedoch offen. Eine daraus abgeleitete Verjüngungstherapie steht bislang nicht zur Verfügung.
Auch die Bezeichnung „unsterblich“ verlangt Zurückhaltung. Die Tiere können gefressen werden, an ungünstigen Umweltbedingungen zugrunde gehen oder ihre Regenerationsfähigkeit verlieren. Im Labor gelingt die Rückverwandlung keineswegs bei jedem Exemplar. Ob sie sich tatsächlich unbegrenzt wiederholen lässt, ist nicht abschließend geklärt.
Der wissenschaftliche Wert dieser Qualle liegt deshalb nicht in einem Versprechen ewigen Lebens. Sie zeigt vielmehr, wie erstaunlich flexibel biologische Entwicklungsprozesse sein können. Für die Forschung ist das eine wichtige Spur: Wer verstehen möchte, warum Gewebe altern und ihre Funktion verlieren, kann von einem Organismus lernen, der seinen Lebenszyklus auf ungewöhnliche Weise zurückdreht.
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