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„Tankstellen-Heroin“ Kratom: Warum ein pflanzliches Mittel in den USA immer mehr Behörden alarmiert

8926 (CC0), Pixabay
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Es stammt aus Südostasien, wird aus den Blättern eines Baumes gewonnen und klingt zunächst nach einem gewöhnlichen pflanzlichen Präparat. Doch Kratom kann opioidähnliche Wirkungen entfalten, abhängig machen und bei hohen Dosierungen schwere gesundheitliche Folgen haben. In den USA ist die Substanz vielerorts problemlos an Tankstellen, in kleinen Läden und Vape-Shops erhältlich. Nach dem Fund von Kratom bei zwei verstorbenen Studenten ist die Diskussion über strengere Regeln erneut entbrannt. Experten sehen das größte Problem allerdings nicht allein in der Pflanze, sondern in hochkonzentrierten Produkten, deren Zusammensetzung für Verbraucher schwer einzuschätzen ist.

Kaffee an der Tankstelle?

Normal.

Energydrink?

Auch normal.

Ein pflanzliches Präparat mit Wirkungen, die in höheren Dosen einem Betäubungsmittel ähneln können?

Willkommen in der amerikanischen Kratom-Debatte.

In den vergangenen Jahren hat sich Kratom in den USA von einem weitgehend unbekannten Pflanzenprodukt zu einem verbreiteten Mittel entwickelt. Es wird unter anderem als Pulver, Flüssigkeit oder in Kapseln verkauft und ist in zahlreichen Bundesstaaten legal.

Manche Konsumenten schwören darauf. Andere warnen inzwischen eindringlich davor.

Was ist Kratom überhaupt?

Kratom stammt vom Kratombaum, der in Ländern Südostasiens wie Thailand, Malaysia und Indonesien heimisch ist.

Die Blätter werden dort seit Jahrhunderten verwendet. Traditionell wurden sie unter anderem zermahlen und ähnlich wie Tee konsumiert. Dabei spielten insbesondere ihre stimulierenden Eigenschaften eine Rolle.

In den USA entwickelte sich daraus jedoch ein anderes Geschäft.

Etwa ab 2016 verbreitete sich Kratom dort zunehmend als Nahrungsergänzungsmittel. Statt traditioneller Zubereitungen werden häufig stark konzentrierte Produkte angeboten – als Pulver, Kapseln oder Flüssigkeiten.

Und kaufen kann man sie teilweise erstaunlich einfach.

Kratom findet sich in Convenience-Stores, Vape-Shops und sogar an Tankstellen.

Daher stammt auch die zugespitzte Bezeichnung „gas station heroin“ – „Tankstellen-Heroin“.

Sie ist allerdings kein medizinischer Fachbegriff und kann irreführend sein: Kratom ist nicht Heroin. Der Vergleich bezieht sich auf seine opioidähnlichen Wirkungen und die niedrigschwellige Verfügbarkeit bestimmter Produkte.

Warum nehmen Menschen Kratom?

Die Gründe sind unterschiedlich.

Kratom-Produkte werden unter anderem mit Schmerzlinderung sowie Hilfe bei Angstzuständen oder depressiven Beschwerden beworben.

In niedrigeren Dosierungen kann die Wirkung nach Darstellung des Mediziners Shane Speights eher stimulierend sein – vergleichbar mit einem Koffein-Kick.

Aufgrund seiner opioidähnlichen Eigenschaften wird Kratom außerdem von manchen Menschen eingesetzt, um den Konsum von Opioiden wie Fentanyl zu reduzieren oder Entzugssymptome zu bewältigen.

Ein Beispiel dafür ist der 58-jährige ehemalige Holzarbeiter Jeffrey Deaver aus dem US-Bundesstaat Washington.

Er leidet unter starken chronischen Schmerzen in Hüfte und Knien und nimmt Kratom nach eigenen Angaben seit vier Jahren. Ärzte hätten ihm zuvor keine ausreichende Linderung verschaffen können, während er auf Operationen wartete.

Deaver begann nach eigener Darstellung vorsichtig mit kleinen Mengen und erhöhte die Dosis, bis seine Schmerzen nachließen.

Für ihn war die Wirkung enorm: Er könne wieder schlafen und seinen Alltag bewältigen.

Genau solche Erfahrungen erklären, warum die Debatte nicht einfach in „gute Pflanze“ und „gefährliche Droge“ aufgeteilt werden kann.

In höheren Dosen verändert sich die Wirkung

Problematischer wird Kratom nach Angaben von Experten bei höheren Dosierungen.

Dann kann die Wirkung stärker der eines Betäubungsmittels ähneln. Euphorische Zustände und ein ausgeprägtes Rauschgefühl sind möglich, ebenso Halluzinationen.

Besonders gefährlich kann eine Dämpfung des zentralen Nervensystems werden.

Im schlimmsten Fall können dadurch Atmung und Herz-Kreislauf-System beeinträchtigt werden. Der Mediziner Speights bringt schwere beziehungsweise tödliche Verläufe insbesondere mit dieser Wirkung in Verbindung.

Hinzu kommt das Risiko einer Abhängigkeit.

Jana Wu, die in einer amerikanischen Einrichtung für Suchtbehandlung arbeitet, berichtet von Patienten, bei denen der Konsum erhebliche Auswirkungen auf Beziehungen, Ehen, Arbeit und Finanzen hatte.

Einige Betroffene hätten monatlich Tausende Dollar für entsprechende Produkte ausgegeben.

Das Problem mit der Toleranz

Wie bei anderen psychoaktiven Substanzen kann sich eine Toleranz entwickeln.

Die bisherige Menge erzeugt irgendwann nicht mehr dieselbe Wirkung.

Also wird mehr genommen.

Und dann möglicherweise noch mehr.

Wu berichtet von Menschen, die schließlich bis zu 20 Tabletten täglich konsumiert hätten.

Damit kann ein Mittel, das ursprünglich vielleicht gegen Schmerzen oder zur Bewältigung anderer Probleme eingesetzt wurde, selbst zu einem neuen Problem werden.

Das größte Risiko könnte allerdings in der Verpackung stecken

Mehrere von der BBC befragte Fachleute sehen einen entscheidenden Risikofaktor in der mangelnden Regulierung.

Kratom-Produkte unterliegen in den USA keiner umfassenden bundesweiten Kontrolle durch die Food and Drug Administration.

Für Verbraucher kann deshalb schwer nachvollziehbar sein, welche Inhaltsstoffe tatsächlich enthalten sind und in welcher Konzentration.

Speights geht deshalb bei der Frage nach einer allgemein sicheren Dosis besonders weit.

Er wolle keine solche Dosis nennen, solange nicht zuverlässig bekannt sei, was sich tatsächlich in einem jeweiligen Produkt befinde.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Die gesundheitliche Diskussion dreht sich nicht ausschließlich um die traditionelle Kratompflanze, sondern ebenso um industriell hergestellte und teilweise hochkonzentrierte Produkte.

Zwei tote Studenten – aber bislang kein nachgewiesener Zusammenhang

Neue Aufmerksamkeit bekam Kratom nach dem Tod zweier Studenten der University of Mississippi.

Ermittler fanden bei den Verstorbenen verpackte Kratom-Produkte.

Entscheidend ist allerdings: Nach den vorliegenden Informationen wurden die Todesfälle nicht auf Kratom zurückgeführt.

Allein der Fund der Produkte ist also kein Beleg dafür, dass Kratom die Todesursache war.

Die Fälle haben Behörden dennoch veranlasst, erneut vor möglichen Risiken des Konsums zu warnen.

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil eine zeitliche oder räumliche Verbindung zu einer Substanz noch keinen medizinischen Kausalzusammenhang beweist.

Elf US-Bundesstaaten haben Kratom verboten

Die Rechtslage in den Vereinigten Staaten gleicht inzwischen einem Flickenteppich.

In elf Bundesstaaten ist Kratom nach dem Stand des vorliegenden Berichts verboten: Alabama, Arkansas, Connecticut, Indiana, Kansas, Louisiana, Massachusetts, North Dakota, Tennessee, Vermont und Wisconsin.

Massachusetts hatte zuletzt im August eine vorläufige Notfallregelung für ein Verbot erlassen.

Andere Bundesstaaten gehen andere Wege.

Arizona beispielsweise ging juristisch gegen ein Unternehmen vor, das Kratom-Getränke verkauft.

Auf Bundesebene gab es schon vor rund zehn Jahren einen Versuch, wesentlich härter durchzugreifen.

Die US-Drogenbehörde DEA wollte Kratom damals in die strengste Kategorie kontrollierter Substanzen einordnen und bezeichnete es als unmittelbare Gefahr für die öffentliche Sicherheit.

Nach erheblichem öffentlichen Widerstand wurde dieses Vorhaben jedoch nicht umgesetzt.

Selbst Kratom-Befürworter wollen bestimmte Produkte verbieten

Interessanterweise verläuft die Auseinandersetzung nicht einfach zwischen Befürwortern völliger Freiheit und Anhängern eines Totalverbots.

Organisationen, die Kratom grundsätzlich verteidigen, unterscheiden teilweise zwischen der traditionellen Pflanze und synthetischen beziehungsweise stark veränderten Produkten.

Die American Kratom Association setzt sich beispielsweise dafür ein, synthetische Produkte zu verbieten, die ihrer Ansicht nach lediglich als natürliches Kratom vermarktet werden.

Damit entsteht eine wesentlich kompliziertere Regulierungsfrage:

Soll Kratom insgesamt verboten werden?

Oder sollten stattdessen Konzentrationen, Herstellung, Kennzeichnung und bestimmte Wirkstoffe streng kontrolliert werden?

International gibt es völlig unterschiedliche Regeln

Auch außerhalb der USA existiert keine einheitliche Linie.

In Großbritannien ist Kratom verboten. Innerhalb Europas unterscheiden sich die gesetzlichen Regelungen je nach Land.

Bemerkenswert ist auch Malaysia.

Obwohl der Kratombaum dort heimisch ist und die Pflanze eine lange Tradition besitzt, sind Konsum und Verkauf nach den im Bericht genannten gesetzlichen Bestimmungen untersagt.

Das zeigt, wie unterschiedlich Staaten Nutzen und Risiken bewerten.

Zwischen traditioneller Heilpflanze und moderner Hochkonzentration

Vielleicht liegt genau darin der Kern der amerikanischen Kratom-Debatte.

Eine Pflanze, die seit Jahrhunderten verwendet wird, ist nicht automatisch harmlos.

Umgekehrt wird aus einer traditionell genutzten Pflanze auch nicht automatisch „Heroin“, nur weil bestimmte Inhaltsstoffe opioidähnliche Wirkungen besitzen.

Das entscheidende Problem scheint vielmehr die Kombination aus pharmakologischer Wirkung, hoher Konzentration, möglicher Abhängigkeit und teilweise unklarer Produktzusammensetzung zu sein.

Wer an einer amerikanischen Tankstelle eine Kratom-Flasche kauft, erwirbt eben nicht zwangsläufig das Äquivalent zu einem traditionellen südostasiatischen Kräutertee.

Und genau deshalb dürfte die politische Diskussion in den USA weitergehen.

Die entscheidende Frage lautet nicht mehr nur, ob Kratom gefährlich sein kann. Sondern ob eine psychoaktive Substanz mit opioidähnlicher Wirkung tatsächlich so verkauft werden sollte wie ein gewöhnliches Nahrungsergänzungsmittel.

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