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Solarenergie für Kolumbien: Was die Mittelverwendungskontrolle Anlegern wirklich sagt

rawpixel (CC0), Pixabay
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Der Bericht der Rödl Treuhand Hamburg GmbH über die Mittelverwendung beim Crowdinvesting-Projekt „Solarenergie für Kolumbien“ liefert Anlegern zunächst eine gute Nachricht: Die bislang freigegebenen Gelder wurden nach Angaben des Mittelverwendungskontrolleurs entsprechend den vorgesehenen Verträgen und dem Basisinformationsblatt verwendet.

Doch daraus sollte niemand den Schluss ziehen, das Investment sei damit geprüft, abgesichert oder wirtschaftlich ungefährlich. Gerade aus Anlegersicht lohnt sich ein genauer Blick auf die Konstruktion hinter dem Projekt.

Bis zum 9. März 2026 hatte die schweizerische Ongresso Energy AG über die Crowdfunding-Plattform bettervest insgesamt 373.076,44 Euro eingesammelt. Davon wurden 248.564 Euro für die Solarprojekte freigegeben, weitere 28.136 Euro entfielen auf Vermittlungsprovisionen, Organisations- und Managementgebühren sowie die Mittelverwendungskontrolle. 96.326,44 Euro waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht investiert, wobei sich 32.061 Euro davon noch innerhalb der Widerrufsfrist befanden.

Damit waren zum Stichtag rund zwei Drittel des eingesammelten Kapitals tatsächlich projektbezogen weitergeleitet worden. Etwa 7,5 Prozent der gesamten bis dahin eingesammelten Summe waren bereits für Kosten verwendet worden.

Das ist zunächst weder ungewöhnlich noch automatisch problematisch. Anleger sollten aber wissen: Jeder Euro, der für Vermittlung, Plattform und Kontrolle ausgegeben wird, steht zunächst nicht für den Bau der Solaranlagen zur Verfügung.

Anleger investieren nicht direkt in die Solaranlagen

Der wichtigste Punkt liegt in der Struktur des Investments.

Die Anleger erwerben weder Solarmodule noch einen unmittelbaren Anteil an einer kolumbianischen Solarfarm. Sie vergeben vielmehr ein Nachrangdarlehen mit vorinsolvenzlicher Durchsetzungssperre an die Ongresso Energy AG in der Schweiz.

Ongresso wiederum gibt die Nettoeinnahmen als Gesellschafterdarlehen an die kolumbianische Projektgesellschaft Brillo Renovables S.A.S. E.S.P. weiter. Diese Gesellschaft gehört zu jeweils 50 Prozent Ongresso Energy und EDF Colombia. Erst auf dieser Ebene wird das Geld für Entwicklung und Bau der Photovoltaikanlagen verwendet.

Der Geldfluss sieht also vereinfacht so aus:

Anleger → Ongresso Energy AG → Gesellschafterdarlehen an Brillo Renovables → Solarprojekte in Kolumbien → Stromerlöse → Brillo Renovables → Ongresso Energy → Anleger

Damit hängt die Rückzahlung nicht allein davon ab, ob irgendwo in Kolumbien Solarmodule Strom produzieren. Mehrere Gesellschaften und Vertragsbeziehungen müssen über Jahre funktionieren.

Das Nachrangdarlehen ist der entscheidende Risikopunkt

Besonders wichtig ist der Begriff „Nachrangdarlehen mit vorinsolvenzlicher Durchsetzungssperre“.

Er klingt technisch, ist für Anleger aber von erheblicher Bedeutung.

Das Produkt ist gerade kein gewöhnliches Bankdarlehen, bei dem ein Gläubiger seine fällige Forderung ohne Weiteres durchsetzen kann. Gerät die Emittentin wirtschaftlich in Schwierigkeiten, kann die Durchsetzung von Anlegerforderungen eingeschränkt sein.

Die Projektseite selbst weist ausdrücklich darauf hin, dass mit der Anlage erhebliche Risiken verbunden sind und ein vollständiger Verlust des eingesetzten Kapitals möglich ist.

Die angebotene Verzinsung von bis zu 8,5 Prozent pro Jahr bei einer Laufzeit von drei Jahren muss deshalb im Zusammenhang mit diesem deutlich erhöhten Risiko gesehen werden.

Hohe Zinsen sind hier nicht einfach ein Geschenk an den Anleger. Sie sind vor allem die Vergütung dafür, dass der Investor erhebliche Projekt-, Unternehmens- und Auslandsrisiken übernimmt.

Positiv: Es gibt konkrete Projekte und nachvollziehbare Rechnungen

Auf der positiven Seite steht, dass der Bericht konkrete Verwendungen dokumentiert.

Für die beiden ersten Solarparks Las Bateas und Las Delicias wurden Rechnungen aus EPC-Verträgen vorgelegt. Der Mittelverwendungskontrolleur bestätigt zudem, dass Zahlungsbestätigungen vorhanden waren. Zwei Freigaben über 146.628 Euro und 101.936 Euro ergeben zusammen die dokumentierten 248.564 Euro.

Das unterscheidet das Projekt von Konstruktionen, bei denen Anleger kaum nachvollziehen können, wohin das Geld überhaupt geflossen ist.

Auch die Finanzierung weist eine gewisse Risikoteilung auf. Nach Darstellung des Berichts soll der Joint-Venture-Partner 50 Prozent der EPC-Kosten tragen. Der Anteil der durch die Nachrangdarlehen finanzierten Mittel an den Kosten der ersten beiden Projekte wird mit 34 Prozent angegeben, weitere 16 Prozent sollen aus Eigenmitteln der Emittentin stammen.

Anleger stehen damit zumindest nicht allein für die gesamte Projektfinanzierung ein.

Aber: Geldverwendung ist nicht gleich Projekterfolg

Genau hier liegt häufig ein Missverständnis bei Mittelverwendungskontrollen.

Rödl Treuhand bestätigt, dass Geld entsprechend den vorgesehenen Verträgen freigegeben wurde.

Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Solaranlagen fertiggestellt werden, rechtzeitig ans Netz gehen, die prognostizierte Stromproduktion erreichen oder genügend Einnahmen erwirtschaften werden.

Der Bericht ist keine technische Bauabnahme.

Er ist auch keine Bonitätsprüfung der Ongresso Energy AG, keine Garantie für die Zahlungsfähigkeit von Brillo Renovables und keine Prognose darüber, ob die Anleger nach drei Jahren tatsächlich Kapital und Zinsen vollständig erhalten.

Das ist aus Anlegersicht die wichtigste Grenze dieses Dokuments.

Stromabnahmeverträge sind ein Pluspunkt – aber keine Garantie

Positiv sind die beschriebenen langfristigen Stromabnahmeverträge.

Die Projektgesellschaft will die Rückzahlung ihres Gesellschafterdarlehens an Ongresso aus Stromerlösen finanzieren. Genannt werden Verträge mit Nitro Energy S.A.S. E.S.P. und Cencosud S.A. Der Vertrag mit Nitro Energy soll eine Laufzeit von 15 Jahren haben, jener mit Cencosud zehn Jahre. Die Preise sollen an die kolumbianische Inflation gekoppelt sein.

Aus Finanzierungssicht kann eine solche langfristige Abnahmevereinbarung erhebliche Vorteile besitzen. Statt Strom ausschließlich zu schwankenden Marktpreisen verkaufen zu müssen, bestehen vertraglich definierte Erlösquellen.

Aber auch hier gilt: Ein Vertrag ist nur so wertvoll wie seine tatsächliche Erfüllung.

Es bleiben Gegenparteirisiken, lokale Rechtsrisiken und das Risiko, dass Anlagen später oder mit geringerer Leistung als vorgesehen in Betrieb gehen.

Hinzu kommt: Der einzelne deutsche Anleger besitzt keinen direkten Stromabnahmevertrag mit Cencosud oder Nitro Energy. Sein Schuldner bleibt die schweizerische Ongresso Energy AG.

Kolumbien bringt zusätzliche Risiken

Das Projekt ist international über mindestens drei Rechts- und Wirtschaftsräume verteilt: Anleger in Deutschland, eine Emittentin in der Schweiz und die eigentlichen Projekte in Kolumbien.

Diese Konstruktion schafft zusätzliche Risiken, die bei einem rein deutschen Projekt nicht in gleichem Umfang vorhanden wären.

Dazu gehören politische und regulatorische Veränderungen in Kolumbien, mögliche Probleme bei Genehmigungen und Netzanschlüssen, steuerliche Veränderungen sowie Währungsrisiken zwischen Euro, US-Dollar und kolumbianischem Peso.

Auch die Rechtsdurchsetzung wird komplizierter, wenn wesentliche Projektgesellschaften, Vermögenswerte und Vertragspartner mehrere Tausend Kilometer vom deutschen Anleger entfernt sitzen.

Das bedeutet nicht, dass das Projekt deshalb schlecht sein muss. Es bedeutet aber, dass ein höherer Zinssatz wirtschaftlich nachvollziehbar ist.

Interessant ist auch, was der Bericht noch nicht beweist

Anleger sollten nicht nur lesen, was im Bericht steht, sondern auch darauf achten, was dort nicht bestätigt wird.

Der Bericht zum 9. März 2026 beweist nicht, dass sämtliche elf vorgesehenen Solaranlagen bereits fertiggestellt sind.

Er bestätigt auch keine vollständige technische Inbetriebnahme der Anlagen, keine tatsächlich erzielte Stromproduktion und keine bereits daraus geflossenen langfristigen Einnahmen.

Bei den ersten Projekten Las Bateas und Las Delicias geht es vielmehr um Rechnungen aus den EPC-Verträgen und deren Finanzierung.

Das ist ein wesentlicher Unterschied.

Zwischen einer bezahlten Baurechnung und einem über viele Jahre profitabel arbeitenden Solarpark liegen noch Bau, Netzanschluss, Inbetriebnahme, technischer Betrieb und Stromverkauf.

Die Gebühren verdienen ebenfalls Aufmerksamkeit

Bis zum Berichtszeitpunkt wurden 28.136 Euro für Nebenkosten freigegeben.

Darin enthalten waren unter anderem eine dreiprozentige Funding-Fee für bettervest und eine Vermittlungsvergütung von fünf Prozent an Effecta sowie 6.000 Euro für die Mittelverwendungskontrolle.

Solche Kosten sind transparent ausgewiesen und damit grundsätzlich nachvollziehbar.

Aus Anlegersicht bedeutet dies trotzdem: Ein Teil des Kapitals muss erst einmal durch die späteren Erträge des Projektes mitverdient werden, bevor wirtschaftlich ein positiver Gesamteffekt entsteht.

Was Anleger jetzt beobachten sollten

Für Investoren sind die kommenden Berichte deshalb deutlich wichtiger als der erste Mittelverwendungsnachweis.

Entscheidend wird sein, ob die Anlagen tatsächlich planmäßig fertiggestellt und ans Netz angeschlossen werden, ob die Stromabnahmeverträge wie vorgesehen funktionieren und ob Brillo Renovables Zinsen und Tilgung auf das Gesellschafterdarlehen an Ongresso leisten kann.

Ebenso wichtig sind die wirtschaftliche Entwicklung der Ongresso Energy AG und die Frage, ob Anleger ihre vertraglich vereinbarten Zinszahlungen pünktlich erhalten.

Warnsignale wären insbesondere Verzögerungen bei Bau oder Netzanschluss, Veränderungen der Stromabnahmeverträge, ausbleibende Zinsen, wiederholte Laufzeitverlängerungen oder Schwierigkeiten bei der Kommunikation mit Emittentin und Plattform.

Fazit aus Anlegersicht

Der Mittelverwendungsbericht ist zunächst positiv zu bewerten.

Er dokumentiert, dass die kontrollierten Anlegergelder nicht beliebig verwendet wurden, sondern entsprechend der vorgesehenen Projektstruktur in konkrete Solaranlagen und transparent ausgewiesene Kosten geflossen sind. Rechnungen und Zahlungsbestätigungen lagen nach Angaben des Kontrolleurs vor.

Das ist allerdings kein Sicherheitssiegel für die Geldanlage.

Der Anleger besitzt ein nachrangiges Darlehen gegen eine schweizerische Gesellschaft. Diese finanziert wiederum über ein Gesellschafterdarlehen eine Projektgesellschaft in Kolumbien. Die Rückzahlung hängt letztlich davon ab, dass die Solaranlagen fertiggestellt werden, zuverlässig Strom produzieren, die Abnehmer ihre Verträge erfüllen und die daraus entstehenden Zahlungsströme über mehrere Gesellschaftsebenen tatsächlich beim Anleger ankommen.

Der Bericht beantwortet deshalb die Frage „Wurde das Geld bisher entsprechend dem vorgesehenen Zweck verwendet?“ mit einem weitgehenden Ja.

Die für Anleger wesentlich wichtigere Frage „Bekomme ich mein Kapital plus Zinsen in drei Jahren sicher zurück?“ beantwortet er dagegen nicht.

Genau darin liegt der Unterschied zwischen einer ordnungsgemäßen Mittelverwendung und einer sicheren Kapitalanlage.

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