Sie verkaufte rund 750 Millionen Bücher und gehört damit zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Literaturgeschichte. Trotzdem dürfte es heute erstaunlich schwerfallen, in einer normalen Buchhandlung einen Roman von Barbara Cartland zu finden. Dabei wurde die britische Autorin nur von Größen wie William Shakespeare und Agatha Christie übertroffen.
Vielen ist Cartland heute weniger wegen ihrer Bücher als wegen ihres extravaganten Auftretens in Erinnerung geblieben. Rosa Kleider, auffällige Wimpern, kleine Hunde unter dem Arm und ein nahezu perfekt inszeniertes öffentliches Bild gehörten zu ihrem Markenzeichen. Sie soll täglich Dutzende Vitamintabletten genommen haben und sorgte regelmäßig mit pointierten Auftritten und Streitgesprächen für Schlagzeilen. Gleichzeitig war sie die Stiefgroßmutter von Prinzessin Diana, die ihre Romane selbst gern gelesen haben soll.
Cartland schrieb im Laufe ihres Lebens unglaubliche 723 Bücher. Vor allem ihre historischen Liebesromane folgten einem klaren Erfolgsrezept: junge, meist unschuldige Frauen, aristokratische Männer, große Gefühle, Hindernisse – und am Ende fast immer das erwartete Happy End.
Ihre Karriere begann allerdings deutlich anders. Cartland wurde 1901 geboren und arbeitete zunächst als Klatschkolumnistin. 1925 erschien ihr erster Roman „Jigsaw“. Einige ihrer frühen Werke waren für ihre Zeit überraschend provokant. Ein Theaterstück wurde wegen seines freizügigen Inhalts zunächst verboten, ein Roman aus dem Jahr 1935 behandelte eine illegale Abtreibung, und ein weiteres Werk setzte sich bereits Mitte der 1930er-Jahre mit dem aufkommenden nationalsozialistischen Antisemitismus auseinander.
Ihren gewaltigen kommerziellen Durchbruch erlebte Cartland in den 1960er-, 70er- und 80er-Jahren, als günstige Taschenbücher einen riesigen Massenmarkt eroberten. Zeitweise produzierte sie ungefähr alle zwei Wochen ein neues Buch. Schreiben musste sie dafür nicht einmal selbst: Cartland diktierte ihre Geschichten von einer Chaiselongue aus einer Sekretärin.
Gerade diese Wiederholbarkeit wurde Teil ihres Erfolgs. Die Leserinnen wussten, was sie bekamen: Romantik, Glamour, schöne Kleider, aristokratische Welten und Männer, die ihren Frauen Aufmerksamkeit schenkten. Cartland selbst erklärte einmal sinngemäß, ihre Leserinnen wollten nicht über den grauen Alltag lesen – den hätten sie schließlich selbst zu Hause. Sie wolle ihnen stattdessen Eskapismus und Glamour bieten.
Dabei war ihr eigenes Leben voller Widersprüche. Cartland lehnte die Frauenbewegung ihrer Zeit entschieden ab, war gleichzeitig aber selbst eine äußerst selbstständige und geschäftstüchtige Frau. Sie engagierte sich politisch als konservative Kommunalpolitikerin für Krankenschwestern, Pflegeheimbewohner und benachteiligte Bevölkerungsgruppen. Besonders überraschend war ihr Engagement für die Rechte der Roma. Ihr Einsatz trug sogar zur Einrichtung eines dauerhaften Stellplatzes bei, der den Spitznamen „Barbaraville“ erhielt.
Auch beim Thema Frauen war sie schwer einzuordnen. Einerseits äußerte sie sich ausgesprochen konservativ, andererseits forderte sie beispielsweise, dass Hausarbeit von Frauen staatlich bezahlt werden sollte. Genau diese Gegensätze machen sie für Biografen bis heute interessant.
Schon lange vor Instagram und Influencern beherrschte Cartland zudem die Kunst der Selbstvermarktung. Sie kontrollierte Interviews, wollte Texte vor Veröffentlichung genehmigen und arbeitete konsequent an ihrem öffentlichen Image. Als sie auf einer USA-Reise wegen Quarantänebestimmungen ihre Hunde nicht mitnehmen durfte, soll sie kurzerhand einen ausgestopften Pekinesen unter den Arm genommen haben, damit das Bild der „Barbara Cartland“ vollständig blieb.
Heute erlebt das Genre der Liebesromane erneut einen Boom, besonders bei jungen Leserinnen und Lesern. Cartlands eigene Bücher spielen dabei jedoch kaum noch eine Rolle. Literaturwissenschaftler vermuten, dass ihre Geschichten sehr stark für die Bedürfnisse ihrer damaligen Leserschaft geschrieben wurden – und diese gesellschaftliche Welt heute weitgehend verschwunden ist.
Ihr Einfluss bleibt trotzdem enorm. Barbara Cartland war nicht nur eine außergewöhnlich produktive Schriftstellerin, sondern auch eine der ersten Autorinnen, die aus ihrem Namen eine weltweite Marke machten.
Vielleicht erklärt gerade das, warum man sich heute eher an die Frau in Rosa erinnert als an die Titel ihrer 723 Bücher.
Vergessen sollte man ihre Leistung deshalb trotzdem nicht: Rund 750 Millionen verkaufte Exemplare verschwinden nicht einfach aus der Literaturgeschichte.
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