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Hannover 96: Vielleicht sollten wir zur Abwechslung mal die Spieler rauswerfen

jorono (CC0), Pixabay
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Ach, Hannover 96.

Es ist wieder so weit.

Drei Niederlagen in fünf Spielen, vier Punkte auf dem Konto, 1:2 in Nürnberg verloren – und schon wird die traditionsreichste deutsche Krisenfrage aus dem Schrank geholt:

Wann fliegt der Trainer?

Natürlich.

Wer sonst?

Christian Titz hat schließlich in Nürnberg persönlich die Zweikämpfe verloren, Fehlpässe gespielt, Torchancen vergeben und vermutlich kurz vor Schluss auch noch heimlich den Ball ins Seitenaus geschossen.

Moment.

Hat er gar nicht?

Ach richtig.

Der Trainer steht ja überhaupt nicht auf dem Platz.

Immer dieselbe Nummer

Versteht mich nicht falsch: Ein Trainer trägt Verantwortung.

Er stellt die Mannschaft auf. Er bestimmt das System. Er trainiert Abläufe. Er entscheidet über Wechsel. Und wenn eine Mannschaft dauerhaft nicht funktioniert, muss selbstverständlich irgendwann auch über den Trainer gesprochen werden.

Aber mich nervt dieser Automatismus inzwischen gewaltig.

Mannschaft spielt schlecht.

Trainer wackelt.

Mannschaft spielt noch einmal schlecht.

Trainer fliegt.

Neuer Trainer kommt.

Spieler erklären anschließend, dass jetzt „neue Impulse“ da seien.

Zwei Spiele werden gewonnen.

Alle sind glücklich.

Und dieselben Herren, die vorher über den Platz geschlichen sind, dürfen sich gegenseitig erzählen, dass es offenbar tatsächlich nur am Trainer gelegen hat.

Was für ein Bullshit.

Der perfekte Persilschein für die Mannschaft

Denn was sagt man einer Mannschaft eigentlich, wenn nach fünf Spieltagen schon wieder der Trainer geopfert wird?

Im Grunde doch:

Jungs, alles gut. Ihr wart es nicht. Der Trainer war schuld.

Herzlichen Glückwunsch.

Persilschein ausgestellt.

Einmal durchwaschen, schleudern, fertig.

Die Spieler bleiben.

Der Trainer geht.

Und in ein paar Monaten stellen wir erstaunt fest, dass manche Probleme immer noch da sind.

Vielleicht liegt das gelegentlich daran, dass Fußballspieler keine Schachfiguren sind.

Ein Trainer kann ihnen erklären, wohin sie laufen sollen.

Laufen müssen sie schon selbst.

Er kann erklären, wie man presst.

Pressen müssen sie selbst.

Er kann Standards trainieren.

Den Kopfball fünf Meter neben das Tor setzen müssen sie ebenfalls ganz alleine.

Und er kann vor dem Spiel Leidenschaft einfordern.

Wenn anschließend elf Herren auftreten, als hätten sie gerade gemeinsam einen Betriebsausflug mit anschließendem Verdauungsspaziergang gebucht, kann der Trainer an der Seitenlinie auch Handstand machen.

Vielleicht einmal die Stammspieler diskutieren?

Deshalb hätte ich einen revolutionären Vorschlag:

Bevor wir wieder den Trainer rauswerfen, könnten wir vielleicht einmal über die Spieler reden.

Ich weiß.

Völlig verrückte Idee.

Vielleicht müsste man dem einen oder anderen etablierten Stammspieler deutlich machen:

Dein Platz in der Startelf ist kein Erbhof.

Wer nicht läuft, sitzt.

Wer nicht kämpft, sitzt.

Wer glaubt, sein Name reiche für die Startelf, sitzt ebenfalls.

Und wer nach fünf Spieltagen immer noch nicht verstanden hat, dass Hannover 96 Punkte und keine guten Trainingsberichte braucht, darf sich das nächste Spiel vielleicht einmal aus einer hervorragenden Perspektive anschauen:

von der Bank.

Schaut doch einmal nach Berlin

Genau deshalb finde ich den Gedanken interessant, den andere Vereine immer wieder praktizieren: Wenn die etablierten Kräfte nicht liefern, bekommen eben junge Spieler ihre Chance.

Junge Kerle, die vielleicht technisch noch nicht alles können.

Die vielleicht Fehler machen.

Die vielleicht manchmal den falschen Laufweg nehmen.

Aber die anschließend wenigstens Grasflecken auf der Hose haben.

Spieler, für die ein Einsatz in der ersten Mannschaft noch etwas Besonderes ist.

Die nicht denken:

„Mal schauen, wer nächste Woche Trainer ist.“

Sondern:

„Verdammt, das ist meine Chance!“

Mir ist ein hungriger 19-Jähriger, der 90 Minuten rennt und dabei zwei Fehler macht, manchmal lieber als ein etablierter Profi, der taktisch alles verstanden hat und anschließend 90 Minuten darüber nachdenkt.

Titz trägt Verantwortung – aber nicht alleine

Natürlich darf Christian Titz jetzt nicht aus jeder Kritik herausgenommen werden.

Vier Punkte nach fünf Spielen sind zu wenig.

Drei Niederlagen sind zu viel.

Und wenn Sportchef Jonas Boldt sagt, dass Hannover Spiele herschenkt und so nicht weitermachen könne, dann hat er vollkommen recht.

Aber warum führt diese Erkenntnis automatisch zum Trainer?

Vielleicht sollte Boldt tatsächlich mit den Spielern sprechen.

Und zwar nicht nur gemütlich bei Kaffee und isotonischem Kaltgetränk.

Vielleicht sollte die Botschaft lauten:

Der Trainer steht zur Diskussion? Wunderbar. Ihr ab sofort auch. Jeder Einzelne.

Das wäre doch einmal ein interessanter neuer Impuls.

Der einfachste Knopf heißt immer „Trainer raus“

Einen Trainer zu entlassen ist einfach.

Es ist die große rote Taste im Profifußball.

Drücken.

Pressekonferenz.

„Neue Impulse.“

„Mannschaft erreichen.“

„Negativtrend stoppen.“

„Gemeinsam nach vorne schauen.“

Wir kennen sämtliche Formulierungen inzwischen auswendig.

Viel schwieriger ist es, einer Mannschaft zu sagen:

Nein, Freunde. Diesmal wechseln wir nicht sofort den Trainer. Diesmal ändert ihr euch.

Vielleicht würde das bei dem einen oder anderen Profi plötzlich ungeahnte körperliche Reserven freisetzen.

Ich will Spieler sehen, die für 96 brennen

Als 96-Fan kann ich mit Niederlagen leben.

Was bleibt einem über die Jahre auch anderes übrig?

Ich kann sogar damit leben, wenn eine junge Mannschaft Fehler macht.

Aber womit ich zunehmend Schwierigkeiten habe, ist dieses Gefühl, dass nach schlechten Leistungen reflexartig der Mann an der Seitenlinie zum Hauptschuldigen erklärt wird.

Fußball wird immer noch auf dem Rasen gespielt.

Nicht in der Coaching-Zone.

Also, bevor Hannover 96 Christian Titz vor die Tür setzt, würde ich gerne sehen, was passiert, wenn man zunächst ein paar vermeintlich gesetzten Spielern die Komfortzone wegnimmt.

Setzt zwei oder drei auf die Bank.

Gebt jungen Spielern eine Chance.

Lasst diejenigen ran, die unbedingt wollen.

Und dann schauen wir einmal, ob plötzlich etwas passiert.

Denn möglicherweise braucht Hannover 96 gar keinen neuen Trainer.

Vielleicht braucht Hannover 96 einfach ein paar Spieler, die wieder begreifen, was für ein Privileg es ist, für diesen Verein auf dem Platz zu stehen.

Und wenn das nicht funktioniert, können wir immer noch über Christian Titz diskutieren.

Aber bitte nicht wieder nach dem alten deutschen Fußballgesetz:

Elf Mann spielen Mist – einer im Trainingsanzug wird entlassen.

Irgendwann ist auch dieser Witz nicht mehr lustig.

Selbst für einen Hannover-96-Fan nicht.

Und wir sind nun wirklich einiges gewohnt.

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