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Norwegische Insel wollte die Zeit abschaffen – doch dann kam der Bus um 11.30 Uhr

TheDigitalArtist (CC0), Pixabay
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Auf einer kleinen Insel nördlich des Polarkreises wollte man sich von der Tyrannei der Uhr befreien. Keine festen Zeiten, kein hektischer Alltag, keine lästigen Termine. Die Welt war begeistert. Nur die Bewohner wussten teilweise nichts von ihrer angeblichen Revolution. Am Ende stellte sich heraus: Die Abschaffung der Zeit war vor allem eine brillante Idee der Tourismuswerbung. Und selbst im zeitlosen Paradies sperrt das Hotel irgendwann die Rezeption zu.

Eine Insel erklärt der Uhr den Krieg

Auf der norwegischen Insel Sommarøy, rund 56 Kilometer westlich von Tromsø, hatte man 2019 eine vermeintlich revolutionäre Idee: Warum sollte man sich eigentlich nach der Uhr richten, wenn die Sonne im Sommer ohnehin 69 Tage lang nicht untergeht?

Eine durchaus berechtigte Frage. Schließlich ist es schwierig, Kindern zu erklären, dass sie um 21 Uhr ins Bett müssen, während draußen die Sonne so hell scheint, als hätte der Nachmittag gerade erst begonnen.

Also machte die Nachricht die Runde, die Inselbewohner wollten Sommarøy zur weltweit ersten zeitfreien Zone erklären.

Uhren wurden demonstrativ an eine Brücke gehängt, eine Petition überreicht und die internationale Presse jubelte.

Endlich ein Ort, an dem niemand zu spät kommen konnte.

Wer um drei Uhr morgens frühstückte, war einfach seiner Zeit voraus. Wer mittags noch schlief, hatte sich lediglich für eine alternative Tagesgestaltung entschieden.

Und wer die Arbeit versäumte, konnte argumentieren, dass es ohne Zeit schließlich auch keinen Arbeitsbeginn geben dürfe.

Ein Paradies für Langschläfer, philosophische Freigeister und notorische Zuspätkommer.

Leider hatte man vergessen, die Bevölkerung zu informieren

Die Geschichte hatte allerdings einen kleinen Schönheitsfehler.

Die angebliche Volksbewegung war gar keine richtige Volksbewegung.

Wie sich herausstellte, hatte die staatliche Tourismusagentur Innovation Norway die Kampagne organisiert, um mehr Aufmerksamkeit auf die Insel zu lenken.

Einige Bewohner machten mit, andere wussten offenbar nicht einmal, dass sie gerade Teil einer historischen Rebellion gegen die Zeitmessung geworden waren.

Die Behörden hatten also gewissermaßen die Zeit abgeschafft, ohne vorher einen Termin für eine Bürgerversammlung festzulegen.

Als die Sache aufflog, musste sich die Leitung der Tourismusagentur öffentlich entschuldigen.

Eine bemerkenswerte Leistung: Man hatte eine Revolution erfunden, die internationale Medienlandschaft begeistert und anschließend festgestellt, dass die Revolutionäre davon nichts wussten.

Die Uhren verschwanden wieder von der Brücke.

Geblieben war eine ausgezeichnete Werbekampagne – wenn auch nicht unbedingt für die Glaubwürdigkeit staatlicher Öffentlichkeitsarbeit.

Die Realität kennt leider Öffnungszeiten

Sieben Jahre später wollte ein BBC-Reporter wissen, wie sich das Leben auf der vermeintlich zeitlosen Insel entwickelt hatte.

Schon die Anreise brachte eine erste Ernüchterung.

Der Bus fuhr nämlich um exakt 11.30 Uhr.

Wer ihn verpasste, musste bis zum nächsten Tag warten.

Offenbar hatte die norwegische Verkehrsgesellschaft noch nichts von der Revolution erfahren.

Auch auf Sommarøy selbst erwies sich das zeitlose Leben als überraschend zeitabhängig.

Restaurants schlossen zu bestimmten Uhrzeiten, Geschäfte hatten Öffnungszeiten, und die Hotelrezeption war nachts keineswegs rund um die Uhr besetzt.

Eine polnische Touristin, die gerade wegen der Geschichte von der zeitfreien Insel angereist war, zeigte sich zunächst enttäuscht.

Sie hatte sich einen Ort vorgestellt, an dem Zeit keine Rolle spielte, musste aber feststellen, dass auch dort ein Restaurant nicht automatisch um vier Uhr morgens ein Mittagessen serviert.

Die Freiheit von der Uhr endete also spätestens dort, wo jemand für seine Arbeit bezahlt werden wollte.

Ein schwerer Schlag für die internationale Bewegung zur Abschaffung sämtlicher Verpflichtungen.

300 Menschen, 69 Tage Sonne und Millionen falscher Vorstellungen

Sommarøy ist ein kleines Fischerdorf mit rund 300 Einwohnern, bunten Holzhäusern, malerischen Häfen und einer Landschaft, die aussieht, als hätte die norwegische Tourismuswerbung sie persönlich entworfen.

Zwischen dem 18. Mai und dem 26. Juli geht die Sonne dort nicht unter.

Das bringt gewisse Besonderheiten mit sich.

Kinder bleiben länger wach, Menschen gehen spätabends angeln, und ein Mitternachtsschwimmen findet bei strahlendem Sonnenschein statt.

Der Unterschied zwischen Tag und Nacht wird dabei zur philosophischen Auslegungssache.

Im Winter herrscht wiederum wochenlang Polarnacht.

Dann geht die Sonne überhaupt nicht auf.

Die Insel bietet damit gewissermaßen das komplette Jahresangebot einer schlecht eingestellten Zeitschaltuhr: Im Sommer bleibt das Licht an, im Winter funktioniert der Schalter nicht.

Die Einheimischen haben sich längst daran gewöhnt.

Was sie allerdings weniger begeistert, sind Journalisten und Touristen, die ständig wissen wollen, wie man ohne Uhr lebt.

Denn die Antwort lautet meistens: genauso wie überall sonst, nur mit ungewöhnlichen Lichtverhältnissen.

Der größte Feind der Zeitfreiheit ist die Hotelrechnung

Eine besonders interessante Erkenntnis lieferte der Hotelaufenthalt des BBC-Reporters.

Um die zeitlose Lebensweise hautnah zu erleben, stellte er sich seinen Wecker auf 3.30 Uhr morgens.

Man muss sich diese Situation vorstellen.

Ein Journalist reist Tausende Kilometer, um herauszufinden, wie es sich ohne Zeit lebt – und stellt dafür einen Wecker.

Pünktlich um halb vier verlässt er das Hotel, spaziert durch die menschenleeren Straßen und erlebt bei strahlendem Sonnenschein einen Moment beinahe grenzenloser Freiheit.

Plötzlich scheint die Uhrzeit tatsächlich bedeutungslos.

Bis man sich daran erinnert, dass das Frühstück vermutlich trotzdem erst zur festgelegten Zeit serviert wird.

Auch die Hotelrechnung dürfte kaum mit dem Hinweis zu begleichen sein, dass Geld und Zeit bekanntlich eng miteinander verbunden seien und man daher beides abschaffen möchte.

Die Zeit wurde nicht abgeschafft, aber die Insel wurde berühmt

Für die Bewohner brachte die Kampagne zunächst vor allem zusätzliche Fragen, neugierige Besucher und eine gewisse mediale Erschöpfung.

Heute sieht man die Angelegenheit gelassener.

Denn auch wenn das Experiment mit der Zeitfreiheit nie wirklich stattgefunden hat, erreichte die Werbeaktion ihr eigentliches Ziel.

Die Welt kennt Sommarøy.

Touristen reisen an, um eine Insel zu besuchen, auf der angeblich niemand auf die Uhr schaut.

Dort entdecken sie, dass die Einheimischen durchaus Uhren besitzen, Busfahrpläne beachten und ihre Geschäfte irgendwann schließen.

Anschließend genießen sie die Natur, vergessen für ein paar Stunden ihr Smartphone und stellen fest, dass Entspannung tatsächlich möglich ist.

Dafür hätte man allerdings nicht unbedingt eine internationale Kampagne organisieren müssen.

Ein ausgeschaltetes Mobiltelefon hätte vermutlich gereicht.

Vielleicht sollte Brüssel von Norwegen lernen

Während Norwegen mit einer erfundenen Zeitrevolution weltweit Schlagzeilen machte, ringt die Europäische Union seit Jahren um die wesentlich bescheidenere Frage, ob die Uhren künftig noch zweimal jährlich umgestellt werden sollen.

Die Norweger bewiesen immerhin, dass man die Abschaffung der Zeit verkünden kann, ohne sie tatsächlich abzuschaffen.

Die EU geht den umgekehrten Weg: Sie verkündet seit Jahren, die Zeitumstellung abschaffen zu wollen, schafft aber vor allem eines – zusätzliche Beratungszeit.

Vielleicht sollten sich beide Seiten zusammentun.

Norwegen übernimmt die Öffentlichkeitsarbeit, Brüssel die Arbeitsgruppen und Sommarøy stellt die Uhren für die Pressefotos zur Verfügung.

Bis zur endgültigen Entscheidung könnten noch einige Jahrzehnte vergehen.

Aber das wäre kein Problem.

Auf Sommarøy spielt die Zeit schließlich keine Rolle. Und in Brüssel offenbar auch nicht.

Der einzige Unterschied: Auf der norwegischen Insel geht im Sommer die Sonne nicht unter.

In der europäischen Bürokratie geht manchen dagegen selbst nach sieben Jahren noch kein Licht auf.

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