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Die Zeitumstellung – wenn die Politik nicht einmal die Uhr im Griff hat

obpia30 (CC0), Pixabay
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Zweimal im Jahr drehen Millionen Europäer an ihren Uhren, verlieren wahlweise eine Stunde Schlaf oder gewinnen eine Stunde Verwirrung. Seit Jahren verspricht die EU, diesen kollektiven Zeigerzirkus abzuschaffen. Doch während man in Brüssel noch darüber nachdenkt, ob es künftig früher oder später hell werden soll, zeigt ein britisches Experiment: Wer an der Zeit dreht, riskiert nicht nur verschlafene Bürger, sondern auch einen politischen Sonnenuntergang.

Es ist wieder passiert. In der Nacht auf Sonntag wurden die Uhren um eine Stunde zurückgestellt. Europa ist damit offiziell in der Normalzeit angekommen – ein Zustand, von dem die europäische Politik selbst nur träumen kann.

Millionen Menschen dürfen sich über eine zusätzliche Stunde Schlaf freuen, die sie anschließend damit verbringen, sämtliche Uhren im Haushalt zu kontrollieren. Besonders beliebt sind Backöfen, deren Digitalanzeigen noch bis Weihnachten tapfer die Sommerzeit verteidigen.

Dabei sollte mit dem ganzen Theater längst Schluss sein. Bereits 2019 sprach sich das EU-Parlament für ein Ende der halbjährlichen Zeigerwanderung aus. Seither wird darüber beraten. Und beraten. Und noch einmal beraten. Die Zeit vergeht, nur die Entscheidung bleibt stehen.

Die Briten waren schon einmal ihrer Zeit voraus – leider im Dunkeln

Was die EU seit Jahren nicht zustande bringt, versuchte Großbritannien bereits 1968. Die Labour-Regierung unter Premierminister Harold Wilson beschloss, die Sommerzeit einfach dauerhaft beizubehalten.

Ein revolutionärer Gedanke: Warum zweimal jährlich die Uhr umstellen, wenn man auch einmal die Bevölkerung dauerhaft umstellen kann?

Das Projekt erhielt den klangvollen Namen „British Standard Time“. Praktischerweise blieb sogar die Abkürzung BST erhalten. Ein Meisterstück britischer Verwaltungsökonomie: dieselben Buchstaben, eine neue Bedeutung und Millionen Menschen, die plötzlich morgens die eigene Haustür nicht mehr fanden.

Drei Jahre sollte das Experiment dauern. Danach wollte man wissenschaftlich feststellen, ob die neue Zeitordnung sinnvoll sei.

Die Antwort fiel ungefähr so eindeutig aus wie eine Wettervorhersage für den britischen Sommer.

In London klingelte die Kasse, in Schottland der Wecker mitten in der Nacht

Während sich Londoner Banker über besser abgestimmte Handelszeiten mit Paris und Frankfurt freuten, blickten die Menschen im Norden zunehmend finster drein.

Was allerdings weniger an ihrer Stimmung lag als an der Tatsache, dass es dort bis gegen zehn Uhr morgens tatsächlich finster blieb.

Schottische Schulkinder marschierten durch die Dunkelheit zum Unterricht, Bauarbeiter suchten ihre Baustellen im Schein der Taschenlampe, und Landwirte mussten sich vermutlich von ihren Kühen erklären lassen, dass Tiere keine Zeitzonen kennen.

Die Londoner Finanzwelt dagegen war begeistert. Endlich konnte man mit europäischen Geschäftspartnern gleichzeitig Geld verdienen, während im Norden noch darüber diskutiert wurde, ob der Tag überhaupt schon begonnen hatte.

Kritiker vermuteten deshalb, dass die ewige Sommerzeit weniger der Bevölkerung als vielmehr der Londoner Geschäftswelt nützte.

Eine geradezu ungeheuerliche Unterstellung: Dass politische Entscheidungen vor allem jenen zugutekommen könnten, die ohnehin schon bestens versorgt sind, wäre schließlich ein historisch völlig einmaliger Vorgang.

Wissenschaftliche Erkenntnis: Es gibt Vor- und Nachteile

1970 legte die Regierung ihre Untersuchungsergebnisse vor.

Die Wissenschaft hatte festgestellt, dass die dauerhafte Sommerzeit sowohl Vorteile als auch Nachteile hatte.

Am Morgen passierten wegen der Dunkelheit mehr Verkehrsunfälle, am Abend wegen des längeren Tageslichts weniger. Insgesamt ergaben sich sogar Vorteile für die Verkehrssicherheit.

Das Problem war nur: Wer morgens im Dunkeln auf vereisten Straßen unterwegs war, ließ sich schwer damit trösten, dass irgendwo anders am Abend statistisch weniger Unfälle passierten.

Auch die Bevölkerung war gespalten. Rund die Hälfte fand die dauerhafte Sommerzeit gut, die andere Hälfte weniger.

Für die Politik eine nahezu unerträgliche Situation. Schließlich sind Politiker besonders dann handlungsfähig, wenn sie sich sicher sein können, dass sich hinterher niemand beschwert.

Das Parlament dreht durch – und die Uhr zurück

Am Ende entschieden die britischen Abgeordneten mit überwältigender Mehrheit: 366 zu 81 Stimmen für die Rückkehr zur alten Zeitumstellung.

Damit war bewiesen, dass ein Parlament durchaus rasch entscheiden kann – vorausgesetzt, es geht darum, wieder alles so zu machen wie früher.

Die Befürworter der dauerhaften Sommerzeit waren empört. Immerhin hatte sich etwa die Hälfte der Bevölkerung für das Experiment ausgesprochen.

Doch im Parlament genügte eine wesentlich kleinere Gruppe entschlossener Gegner, um die Zeiger wieder in Bewegung zu setzen.

Seit März 1971 stellen die Briten ihre Uhren deshalb wieder zweimal jährlich um.

Das Experiment war beendet. Die Debatte selbstverständlich nicht.

Ein zweiter Versuch scheitert an einem Mann mit sehr viel Redezeit

2012 wollten einige britische Abgeordnete die Sache noch einmal ausprobieren.

Diesmal sollte ein neuer dreijähriger Test zeigen, ob die dauerhafte Sommerzeit vielleicht doch Vorteile hätte.

Doch sie hatten die Rechnung ohne Jacob Rees-Mogg gemacht.

Der erzkonservative Tory-Politiker, später begeisterter Brexit-Verfechter, gehörte zu jenen Parlamentariern, die den Vorschlag mit ausufernden Redebeiträgen so lange blockierten, bis keine Zeit mehr für eine Entscheidung blieb.

Eine gewisse Ironie lässt sich dabei nicht leugnen: Ausgerechnet bei einer Debatte über die Zeitumstellung wurde die Zeit selbst zum entscheidenden politischen Kampfmittel.

Der Mann bewies, dass man keine Uhr zurückdrehen muss, um Fortschritt aufzuhalten. Man muss nur lange genug reden.

Brüssel entdeckt die Unendlichkeit der Zeit

Während Großbritannien inzwischen die EU verlassen hat und seine Uhren weiterhin nach eigener Tradition verstellt, beschäftigt sich Brüssel noch immer mit derselben Frage.

2018 schlug die EU-Kommission die Abschaffung der Zeitumstellung vor. 2019 stimmte das Europäische Parlament dafür.

Eigentlich hätte alles ganz einfach sein können.

Doch dann kamen die Mitgliedstaaten ins Spiel.

Die einen möchten dauerhaft Sommerzeit, die anderen Normalzeit. Manche fürchten dunkle Wintermorgen, andere frühe Sommerabende. Wieder andere möchten zunächst wissen, was die Nachbarländer machen, bevor sie selbst entscheiden, was sie eigentlich wollen.

So wurde aus einer simplen Zeitfrage eine europäische Grundsatzdiskussion.

Immerhin über 40 EU-Abgeordnete aus 15 Ländern und sechs Fraktionen forderten die Verkehrsminister erneut auf, endlich tätig zu werden.

Das ist ungefähr so, als würde man eine Gruppe Feuerwehrleute schriftlich daran erinnern, dass das Haus seit sieben Jahren brennt.

Die EU-Kommission kündigte deshalb eine weitere Studie an.

Diese soll endgültig klären, was frühere Studien, jahrzehntelange Erfahrungen und Millionen verschlafener Europäer offenbar noch nicht ausreichend beantworten konnten.

Die Ergebnisse wurden bereits im vergangenen Jahr als „bald“ angekündigt. Nun sollen sie noch in diesem Jahr erscheinen.

„Bald“ ist übrigens eine besonders beliebte europäische Zeiteinheit. Sie liegt irgendwo zwischen „demnächst“, „nach eingehender Prüfung“ und „in der nächsten Legislaturperiode“.

Die einzige Zeit, die garantiert stehen bleibt, ist die politische Entscheidungszeit

Großbritannien hat gezeigt, dass man die Sommerzeit dauerhaft einführen kann – und sich anschließend jahrelang darüber streitet, ob das eine gute Idee war.

Die Europäische Union geht einen eleganteren Weg: Sie streitet lieber jahrelang, bevor überhaupt etwas eingeführt wird.

Das erspart unangenehme Experimente, verärgerte Wähler und vor allem die Gefahr, Verantwortung für eine Entscheidung übernehmen zu müssen.

Bis dahin bleibt alles beim Alten.

Im Frühjahr drehen wir die Uhren vor, im Herbst zurück. Die Bürger stellen sich um, die Wirtschaft passt sich an, und die Politik verspricht weiterhin eine endgültige Lösung.

Vielleicht sollte man den europäischen Institutionen einfach eine eigene Zeitzone einrichten: die MEZ – Mitteleuropäische Entscheidungsverzögerung.

Dort bleibt es unabhängig von Sommer und Winter immer fünf Minuten vor der nächsten Entscheidung.

Und wenn diese fünf Minuten irgendwann vorbei sind, wird vorsichtshalber eine neue Studie in Auftrag gegeben.

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