Eigentlich soll eine Sparkasse dafür sorgen, dass Geld sicher verwahrt wird. In Mönchengladbach-Rheydt wurde dieses bewährte Geschäftsmodell nun offenbar kurzfristig um eine neue Dienstleistung ergänzt:
Schließfach-Selbstbedienung während der Öffnungszeiten.
Zwei mutmaßliche Täter sollen in einer Sparkassenfiliale 29 Schließfächer aufgebrochen haben. Nicht nachts. Nicht an einem Feiertag. Nicht mit einem Tunnel, einem Spezialbohrer und einem Fluchtwagen im James-Bond-Stil.
Nein, während die Filiale geöffnet war.
Man muss diese Dreistigkeit fast bewundern. Andere Bankräuber investieren Monate in Planung, falsche Kennzeichen und komplizierte Fluchtrouten. In Rheydt nahm man offenbar einfach einen Trolley und dachte sich: Wird schon keiner fragen.
Eine halbe Stunde entspanntes Schließfach-Shopping
Nach Angaben der Polizei hielten sich die Männer etwa 30 Minuten im Schließfachraum auf.
Eine halbe Stunde!
Das ist kein hektischer Einbruch mehr. Das ist ein Einkaufsbummel.
Man stellt sich vor, wie draußen Kunden Überweisungsträger ausfüllen, Mitarbeiter Beratungsgespräche führen und im Hintergrund jemand mit einem Werkzeug prüft, welches Schließfach sich heute besonders leicht öffnen lässt.
29 Fächer sollen geknackt worden sein. An weiteren 14 wurden Hebelspuren entdeckt.
Offenbar war die Zeit dann doch etwas knapp. Vielleicht nahte die Mittagspause. Vielleicht war der Trolley voll. Oder die Täter stellten fest, dass 43 Schließfächer ohne Kundenkarte nicht unter „kurzer Bankbesuch“ fallen.
Auffälliger geht es kaum
Die Polizei veröffentlichte detaillierte Beschreibungen der Tatverdächtigen.
Einer trug eine violettblaue Jacke, eine Hose in Braun und Lachsrot, Wander- oder Arbeitsschuhe und einen violettblauen Anglerhut. Dazu zog er einen schwarzen Koffer-Trolley hinter sich her und trug später noch einen dunklen Rucksack.
Das ist weniger Tarnkleidung als ein modisches Bewerbungsschreiben an jede Überwachungskamera der Stadt.
Violettblaue Jacke, lachsrote Hose und Anglerhut – wer so angezogen eine Bank betritt, könnte eigentlich direkt am Eingang gefragt werden: „Möchten Sie Geld einzahlen oder sind Sie für den heutigen Schließfacheinbruch hier?“
Der zweite Mann soll eine braune Jacke, ein dunkelgraues T-Shirt, eine hellblaue Jeans und eine beige-dunkelgraue Kappe getragen haben. Auch er hatte einen Trolley dabei.
Zwei Männer mit Arbeitsschuhen und Einkaufswagen im Schließfachbereich. Vermutlich hielt man sie zunächst für besonders gründliche Kunden, die ihr Sparschwein gleich komplett vorbeibringen wollten.
Von Kunden und Mitarbeitern gestört
Nach Angaben der Sparkasse wurden die Unbekannten während der Tat von Kunden und Beschäftigten gestört.
Das wirft Fragen auf.
Wie genau stört man jemanden, der gerade ein Schließfach aufhebelt?
„Entschuldigung, sind Sie hier bald fertig? Ich müsste an Fach 832.“
Oder:
„Könnten Sie den Trolley bitte etwas zur Seite stellen? Der Fluchtweg muss freibleiben.“
Trotz der Störung konnten die Verdächtigen mit ihrer Beute entkommen. Wie hoch der Schaden ist, wurde zunächst nicht bekannt gegeben.
Die Sparkasse erklärte, man arbeite eng mit den Ermittlungsbehörden zusammen und werde informieren, sobald gesicherte Erkenntnisse vorlägen.
Das ist die klassische Formulierung für: Wir würden auch gern wissen, wie zwei Männer eine halbe Stunde lang unsere Schließfächer bearbeiten konnten.
Gelsenkirchen bleibt Rekordhalter
Im Vergleich zum spektakulären Sparkasseneinbruch in Gelsenkirchen Ende 2025 wirkt Rheydt fast wie die kleine Filialversion.
In Gelsenkirchen wurden mehr als 3.000 Schließfächer aufgebrochen. Die Täter gelangten über eine Tiefgarage in einen Archivraum und bohrten sich von dort in den Tresorbereich.
Das war organisierter Bankeinbruch auf Champions-League-Niveau.
Mönchengladbach trat dagegen eher in der Kreisliga an: durch die Eingangstür, während der Öffnungszeiten, mit Einkaufstrolley.
Aber auch kleine Mannschaften können überraschen.
Von den Tätern des Gelsenkirchener Einbruchs fehlt weiterhin jede Spur. Nun hat auch Mönchengladbach seine eigene Ermittlungskommission.
Die Sparkassen in Nordrhein-Westfalen entwickeln sich damit langsam zu einer Serie:
„Aktenzeichen Schließfach – Kunden kommen, Wertsachen gehen.“
Sicherheit mit Überraschungseffekt
Für Schließfachkunden ist der Vorfall selbstverständlich alles andere als lustig. Sie vertrauen darauf, dass Schmuck, Dokumente, Bargeld oder Erinnerungsstücke in einer Bank sicherer liegen als zu Hause.
Wenn Täter während des normalen Betriebs minutenlang Fächer aufbrechen können, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie der Zugang kontrolliert wurde und welche Sicherheitsmaßnahmen tatsächlich vorhanden waren.
Vielleicht sollte die Sparkasse künftig nicht nur darauf achten, wer in den Schließfachraum hineinwill, sondern auch darauf, wer ihn mit zwei vollen Trolleys wieder verlässt.
Bis zur Klärung bleibt jedenfalls ein bitterer Eindruck:
Für die Kunden war es eine Sparkasse.
Für die mutmaßlichen Täter offenbar eine Spaßkasse.
Mit verlängerten Öffnungszeiten und Gepäckservice.
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