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Borussia Mönchengladbach schon nach 2 Spielen geht die Angst um

jorono (CC0), Pixabay
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Der große Krisenreport: Borussia Mönchengladbach – Fehlstart, alte Wunden und die Gefahr vorschneller Urteile

Zwei Spiele, null Punkte, sieben Gegentore und eine beinahe unglaubliche 3:4-Heimniederlage gegen Aufsteiger Elversberg nach eigener 3:1-Führung: Borussia Mönchengladbach steckt bereits zu Beginn der Saison 2026/27 in einer Frühkrise. Die Sorgen sind berechtigt, denn viele Probleme wirken nicht neu. Dennoch wäre es falsch, nach gerade einmal zwei Bundesliga-Spieltagen bereits den Stab über Trainer Eugen Polanski oder Sportchef Rouven Schröder zu brechen. Die Lage verlangt Kritik – aber ebenso Differenzierung, Geduld und vor allem eine genaue Analyse der Ursachen.

Der Fehlstart lässt sich nicht kleinreden

Man muss die Situation nicht dramatisieren, um festzustellen: Borussia Mönchengladbach hat ein Problem.

Nach dem 0:3 bei RB Leipzig folgte im ersten Heimspiel der neuen Saison eine der bittersten Niederlagen, die ein Bundesligist in einer solchen Situation kassieren kann. Gegen Aufsteiger SV Elversberg führte Borussia nach 56 Minuten mit 3:1. Hugo Bolin hatte zweimal getroffen, Joe Scally das dritte Tor erzielt. Am Ende stand dennoch ein 3:4. Elversberg erzielte in der 66., 80. und 92. Minute die Treffer zur vollständigen Wende.

Nach zwei Spieltagen steht Gladbach damit bei null Punkten und 3:7 Toren auf Rang 17 der Bundesliga. Nur der Hamburger SV liegt aufgrund der noch schlechteren Tordifferenz dahinter.

Das ist ein Fehlstart. Darüber muss man nicht diskutieren.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Ist dieser Fehlstart nur das Ergebnis zweier schlechter Spiele – oder legt er Probleme offen, die schon wesentlich länger vorhanden sind?

Die unangenehme Antwort für Borussia lautet: wahrscheinlich beides.

Das eigentliche Problem begann nicht am ersten Spieltag

Wer Eugen Polanski nach zwei Spielen verteidigen möchte, kann völlig zu Recht darauf hinweisen, dass zwei Partien niemals ausreichen, um eine komplette Saison zu bewerten.

Wer allerdings jede Kritik mit dem Hinweis auf die erst zwei absolvierten Spieltage abtun möchte, macht es sich ebenfalls zu einfach.

Denn Borussia kommt nicht aus einer erfolgreichen Saison.

Die Spielzeit 2025/26 endete mit lediglich 38 Punkten auf Rang zwölf. Gladbach gewann neun seiner 34 Bundesliga-Spiele, spielte elfmal unentschieden und verlor 14 Partien. Unter Polanski waren es nach dessen Übernahme neun Siege und zehn Unentschieden in 31 Bundesligaspielen. Der Trainer stabilisierte die Mannschaft nach dem schwachen Start unter Gerardo Seoane und führte sie letztlich neun Punkte von der Abstiegszone weg. Gleichzeitig waren die Leistungen zu wechselhaft, um von einer wirklich überzeugenden Saison sprechen zu können.

Genau deshalb wurde im Sommer intern intensiv über Polanskis Zukunft diskutiert.

Sportchef Rouven Schröder bekannte sich anschließend bewusst zum Trainer, erklärte aber ebenso deutlich, dass es kein einfaches „Weiter so“ geben dürfe. Auch das Trainerteam wurde verändert. Jan-Moritz Lichte und Markus Gellhaus kamen neu hinzu, während Oliver Neuville und Guido Streichsbier ihre bisherigen Aufgaben bei den Profis verloren.

Das ist für die heutige Bewertung entscheidend.

Polanski startet nicht als völlig unbeschriebenes Blatt in diese Saison. Es gibt inzwischen eine Vorgeschichte. Und einige der Schwierigkeiten, die heute sichtbar werden, waren bereits in der vergangenen Spielzeit zu erkennen.

Deshalb ist Kritik legitim.

Nur ist Kritik etwas anderes als ein sofortiges Entlassungsurteil.

Das größte Problem: Borussia fehlt die Balance

Vielleicht liegt hier der Kern der gesamten Gladbacher Krise.

In der vergangenen Saison wurde Polanski häufig vorgeworfen, seine Mannschaft zu vorsichtig auszurichten. Die Fünferkette, zusätzliche defensive Absicherung im Mittelfeld und das teilweise tiefe Verteidigen nach einer Führung passten vielen Anhängern nicht zu dem Fußball, den man in Mönchengladbach sehen möchte.

Im Sommer sollte sich deshalb etwas ändern.

Borussia wollte offensiver, mutiger, schneller und geradliniger auftreten. Die defensive Fünferkette wurde zugunsten einer Viererkette verändert, gleichzeitig sollten mehr offensiv orientierte Spieler auf dem Platz stehen. Schon während der Vorbereitung wurde diese neue Ausrichtung ausdrücklich als Teil des geplanten Neustarts beschrieben.

Die Idee dahinter ist nachvollziehbar.

Das bisherige Ergebnis allerdings nicht.

Denn Borussia scheint momentan zwischen zwei Spielideen zu hängen.

Die Mannschaft möchte offensiver spielen, besitzt aber noch nicht die nötige defensive Absicherung dafür. Sie möchte höher agieren, bekommt jedoch Probleme, sobald der Gegner die erste Pressinglinie überspielt. Sie möchte mehr Spieler nach vorne bringen, öffnet dabei aber Räume hinter dem eigenen Mittelfeld.

Gegen Elversberg war genau diese fehlende Balance fatal.

Eine Mannschaft, die zu Hause gegen einen Aufsteiger 3:1 führt, muss kein Fußballfeuerwerk mehr veranstalten. Sie muss anschließend zeigen, dass sie ein Spiel lesen und kontrollieren kann.

Das bedeutet nicht, sich mit elf Spielern am eigenen Strafraum einzumauern.

Es bedeutet, Abstände zu verkürzen, Ballverluste zu vermeiden, das Zentrum zu sichern, das Tempo des Gegners zu brechen und gegebenenfalls auch einmal fünf Minuten unspektakulären Fußball zu spielen.

Borussia konnte das nicht.

Und das ist wesentlich bedenklicher als die Tatsache, dass Elversberg vier Tore erzielt hat.

Leipzig und Elversberg zeigen dasselbe gefährliche Muster

Bereits beim 0:3 in Leipzig war der Spielverlauf auffällig.

Polanski selbst erklärte anschließend, seine Mannschaft habe in der ersten Halbzeit vieles von dem umgesetzt, was sie sich vorgenommen hatte. Danach habe Gladbach jedoch rund 25 Minuten praktisch nicht mehr stattgefunden. Leipzig bestrafte diese Phase konsequent.

Eine Woche später folgt das nächste Spiel mit einem erheblichen Leistungseinbruch.

Diesmal führt Borussia sogar 3:1.

Und wieder verliert die Mannschaft innerhalb relativ kurzer Zeit Kontrolle, Struktur und schließlich das gesamte Spiel.

Genau solche Wiederholungen müssen Polanski beschäftigen.

Ein schlechtes Spiel kann passieren.

Ein individueller Fehler kann passieren.

Auch zwei Niederlagen können passieren.

Wenn jedoch innerhalb dieser Spiele dieselben Mechanismen auftreten – fehlende Stabilität nach der Pause, Kontrollverlust nach Gegentoren, große Räume im Zentrum und Schwierigkeiten, während einer Partie auf Veränderungen des Gegners zu reagieren –, entsteht ein Muster.

Und für solche Muster trägt selbstverständlich auch der Trainer Verantwortung.

Das bedeutet nicht, dass Polanski deshalb entlassen werden muss.

Es bedeutet aber sehr wohl, dass er Antworten liefern muss.

Die zentrale Frage an Polanski: Kann er während eines Spiels korrigieren?

Bei einem Cheftrainer geht es nicht ausschließlich darum, mit welcher Formation eine Mannschaft beginnt.

Entscheidend ist ebenso, was passiert, wenn der ursprüngliche Plan nicht mehr funktioniert.

Genau hier steht Polanski jetzt besonders im Fokus.

Gegen Leipzig funktionierte Gladbach phasenweise ordentlich – bis Leipzig Antworten fand.

Gegen Elversberg funktionierte Borussia offensiv über längere Phasen sogar gut – immerhin erzielte die Mannschaft drei Tore. Doch als das Spiel kippte, gelang es Gladbach nicht, die Dynamik wieder zu verändern.

Trainer werden genau für diese Situationen bezahlt.

Wann wird gewechselt?

Welcher Spielertyp wird benötigt?

Muss das Zentrum verstärkt werden?

Muss die Höhe des Pressings verändert werden?

Braucht die Mannschaft nach einem Gegentor zunächst Sicherheit?

Wer übernimmt auf dem Platz Verantwortung?

Die kommenden Wochen werden zeigen müssen, ob Polanski in diesem Bereich Fortschritte macht.

Denn auch die beste Vorbereitung hilft wenig, wenn eine Mannschaft während eines Spiels keine Antworten auf veränderte Situationen findet.

Der Verlust von Rocco Reitz wiegt schwerer als nur sportlich

Der Sommer brachte einen erheblichen personellen Umbau.

Zu den Abgängen gehörten unter anderem Nico Elvedi, Marvin Friedrich, Rocco Reitz, Nathan Ngoumou und Jonas Omlin. Die Leihen von Yannik Engelhardt und Haris Tabakovic endeten ebenfalls. Neu kamen unter anderem David Herold, Yukhym Konoplia, Jan Leszczyński, Daiki Hashioka, Ko Itakura, Enzo Leopold, Zento Uno, Isac Lidberg und Nicolas Kühn.

Besonders schwer wiegt der Verlust von Rocco Reitz.

Und ausgerechnet Reitz traf am ersten Spieltag beim 3:0 von RB Leipzig gegen seinen ehemaligen Verein.

Aber die Problematik reicht tiefer als dieses eine Tor.

Reitz verkörperte Intensität, Laufbereitschaft, Zweikampfhärte und emotionale Identifikation. Solche Spieler können nicht ausschließlich durch einen technisch ähnlich veranlagten Neuzugang ersetzt werden.

Eine Mannschaft benötigt unterschiedliche Profile.

Spielmacher.

Tempo.

Torgefahr.

Aber eben auch Spieler, die Räume schließen, zweite Bälle gewinnen und unangenehme Situationen überstehen.

Momentan stellt sich die berechtigte Frage, ob Borussia im zentralen Mittelfeld genügend Spieler dieses Profils besitzt.

Hier muss sich auch Rouven Schröder Kritik gefallen lassen.

Schröders Kaderumbau: mutig – aber möglicherweise zu offensiv gedacht

Rouven Schröder ist seit Oktober 2025 Gladbachs Sportchef und absolvierte damit in diesem Jahr seinen ersten vollständigen Transfersommer in verantwortlicher Position. Er war nach dem Rücktritt von Roland Virkus nach Mönchengladbach gekommen.

Sein Auftrag war klar: Der Kader sollte verändert werden.

Dass er diesen Auftrag ernst genommen hat, kann niemand bestreiten.

Borussia hat zahlreiche Veränderungen vorgenommen und unterschiedliche Spielertypen verpflichtet. Genau dadurch entsteht allerdings eine neue Herausforderung.

Ein großer Umbau verbessert eine Mannschaft nicht automatisch am ersten Spieltag.

Neue Spieler müssen Abläufe lernen.

Innenverteidiger müssen wissen, wann der Nebenmann herausrückt.

Außenverteidiger müssen verstehen, wann sie attackieren und wann sie absichern.

Sechser müssen Laufwege ihrer Mitspieler kennen.

Offensive Spieler müssen wissen, wie nach Ballverlust gemeinsam verteidigt wird.

Das entsteht nicht dadurch, dass elf gute Einzelspieler auf einem Mannschaftsbogen stehen.

Es entsteht durch Training, Wiederholungen und gemeinsame Spiele.

Deshalb ist es zu früh, Schröders Transfers nach zwei Bundesliga-Partien abschließend zu beurteilen.

Aber eines darf bereits gefragt werden: Ist der Kader in seiner Balance richtig zusammengestellt?

Gerade die Absicherung im zentralen Mittelfeld und die Stabilität vor der Abwehr müssen kritisch überprüft werden.

Das ist keine Forderung nach Schröders Entlassung.

Das ist sein Job.

Verletzungen verschärfen das Problem

Hinzu kommt erhebliches Verletzungspech.

Enzo Leopold, der im Sommer von Hannover 96 gekommen war und gerade im zentralen Mittelfeld zusätzliche Struktur geben sollte, erlitt Anfang September einen Kreuzbandriss und fällt mehrere Monate aus. Auch Yukhym Konoplia und Jens Castrop hatten sich bereits längerfristig verletzt.

Das darf nicht als komplette Entschuldigung verwendet werden.

Ein Bundesligakader muss Ausfälle auffangen können.

Aber es wäre genauso unseriös, diesen Faktor einfach auszublenden.

Gerade wenn eine Mannschaft ohnehin einen großen Umbau vollzieht, treffen Verletzungen neuer oder eingeplanter Stammkräfte besonders hart. Ein Trainer kann bestimmte Abläufe in der Vorbereitung entwickeln – und wenige Wochen später fehlen ihm genau die Spieler, um diese Abläufe umzusetzen.

Das gehört zur Gesamtbewertung.

Das mentale Problem ist nicht zu übersehen

Noch problematischer als einzelne taktische Fehler ist momentan möglicherweise die Reaktion der Mannschaft auf Rückschläge.

Gegen Elversberg verwandelte sich eine 3:1-Führung innerhalb von etwas mehr als einer halben Stunde in eine 3:4-Niederlage.

Dabei wurde Borussia nach dem Anschlusstreffer zunehmend unsicher.

Genau solche Situationen verraten viel über eine Mannschaft.

Eine stabile Mannschaft denkt nach dem 3:2: Jetzt schließen wir die Räume.

Eine selbstbewusste Mannschaft denkt: Jetzt setzen wir den nächsten Konter.

Eine verunsicherte Mannschaft denkt: Bitte nicht schon wieder.

Und genau dieser letzte Eindruck entsteht momentan bei Borussia.

Dass Kapitän Tim Kleindienst bereits nach den ersten beiden Spielen öffentlich deutliche Worte wählte und nach dem Leipzig-Spiel von „Kindergarten-Fußball“ sprach sowie nach der Elversberg-Niederlage mehr Konzentration von seinen Mitspielern forderte, unterstreicht, dass die Unzufriedenheit nicht nur von außen kommt.

Öffentliche Kritik eines Kapitäns kann ein notwendiges Wachrütteln sein.

Sie kann allerdings auch zum Problem werden, wenn anschließend jeder beginnt, öffentlich eigene Verantwortlichkeiten zu verteilen.

Borussia braucht jetzt intern Klarheit und nach außen Geschlossenheit.

Ein weiterer Trainerwechsel wäre kein Beweis von Stärke

Es gibt nach einem solchen Saisonstart immer dieselbe Reflexreaktion.

Trainer raus.

Neuer Impuls.

Alles auf Anfang.

Borussia sollte dieser Versuchung nicht vorschnell erliegen.

Denn Eugen Polanski ist nicht zufällig Trainer dieser Mannschaft.

Der Verein hat seine Situation nach der vergangenen Saison ausführlich diskutiert. Es gab erhebliche Zweifel. Trotzdem entschied sich Rouven Schröder bewusst dafür, mit ihm weiterzuarbeiten. Polanski besitzt einen Vertrag bis 2028. Der Klub veränderte sein Trainerteam, gab ihm eine komplette Saisonvorbereitung und ermöglichte ihm Einfluss auf die Kadergestaltung.

Wenn Borussia diesen Weg nach gerade einmal zwei Bundesligaspielen wieder abbrechen würde, müsste die sportliche Führung erklären, was sie innerhalb von 180 Minuten erfahren hat, was sie nach acht Monaten Zusammenarbeit noch nicht wusste.

Eine Trainerentlassung darf niemals ausschließlich die Reaktion auf öffentliche Empörung sein.

Sie muss das Ergebnis einer sportlichen Überzeugung sein.

Glaubt die Mannschaft nicht mehr an den Trainer?

Erreicht Polanski seine Spieler nicht?

Sind Trainingsinhalte und Spielidee nicht miteinander vereinbar?

Gibt es intern erhebliche Zweifel an seiner Entwicklung?

Dann muss Schröder handeln.

Aber wenn diese Voraussetzungen nicht vorliegen, wäre eine Entlassung nach zwei Spieltagen eher Aktionismus als Führung.

Auch Schröder jetzt infrage zu stellen wäre absurd früh

Dasselbe gilt für Rouven Schröder.

Natürlich trägt der Sportchef Verantwortung.

Er hat Polanski im Amt bestätigt.

Er hat den Trainerstab verändert.

Er hat gemeinsam mit seinem Team den Kader umgebaut.

Und deshalb wird er sich selbstverständlich daran messen lassen müssen, ob diese Entscheidungen funktionieren.

Aber Schröders Transfersommer nach zwei Ligaspielen abschließend bewerten zu wollen, wäre ungefähr so sinnvoll, wie einen jungen Spieler nach seinen ersten 180 Bundesligaminuten als Fehleinkauf abzustempeln.

Einige Transfers werden funktionieren.

Andere möglicherweise nicht.

Das ist bei praktisch jedem Verein so.

Entscheidend wird sein, ob hinter den Verpflichtungen langfristig eine nachvollziehbare Kaderstruktur erkennbar wird.

Genau deshalb sollte Borussia jetzt weder Polanski einen Freifahrtschein geben noch Schröder zum nächsten Sündenbock machen.

Was Polanski jetzt ändern muss

Geduld bedeutet nicht Untätigkeit.

Der Trainer muss reagieren.

Zunächst braucht Borussia wieder ein defensives Fundament.

Der Anspruch auf attraktiveren Fußball ist richtig. Aber Attraktivität beginnt nicht damit, möglichst viele offensive Spieler gleichzeitig aufzustellen. Sie beginnt mit Kontrolle.

Wenn eine Viererkette momentan nicht ausreichend abgesichert werden kann, muss das Mittelfeld kompakter stehen.

Wenn die Abstände zwischen Defensive und Offensive zu groß werden, müssen sie reduziert werden.

Wenn junge Spieler Verantwortung erhalten sollen, dürfen sie nicht gleichzeitig die komplette Stabilität einer Mannschaft herstellen müssen.

Und wenn Borussia führt, muss die Mannschaft lernen, unterschiedliche Phasen eines Spiels zu beherrschen.

Mal pressen.

Mal Ballbesitz halten.

Mal tief verteidigen.

Mal einen Gegner zehn Minuten lang ins Leere laufen lassen.

Bundesliga-Fußball besteht nicht nur aus einer Idee.

Gute Mannschaften können innerhalb eines Spiels mehrere Gesichter zeigen.

Genau diese Fähigkeit fehlt Borussia momentan.

Jugendförderung braucht ein stabiles Gerüst

Dass Polanski jungen Spielern Chancen gibt, gehört ausdrücklich zu den positiven Entwicklungen.

Borussia muss wieder stärker ein Verein werden, bei dem Talente den Sprung in die Bundesliga schaffen können.

Aber Jugendförderung darf nicht mit Verantwortungslosigkeit verwechselt werden.

Ein junger Spieler wird nicht besser, weil fünf weitere unerfahrene Spieler gleichzeitig neben ihm stehen.

Er wird besser, wenn er in einer funktionierenden Mannschaft spielen kann.

Junge Spieler brauchen Orientierung.

Neben ihnen müssen Profis stehen, die schwierige Phasen erkennen, Tempo aus einem Spiel nehmen und Verantwortung übernehmen.

Das ist nicht nur eine Aufgabe des Trainers.

Hier kommt erneut die Kaderplanung ins Spiel.

Die Mischung muss stimmen.

Borussia benötigt dringend wieder eine klare Hierarchie

Genau deshalb muss in den kommenden Wochen sichtbar werden, wer diese Mannschaft führt.

Tim Kleindienst ist Kapitän und übernimmt öffentlich Verantwortung.

Doch Führung darf sich nicht auf Interviews beschränken.

Wer beruhigt eine Mannschaft nach einem Gegentor?

Wer fordert den Ball, wenn das Stadion nervös wird?

Wer entscheidet auf dem Platz, dass die nächsten fünf Minuten nicht schön, sondern einfach fehlerfrei gespielt werden?

Wer stellt einen jungen Mitspieler nach einem Fehler wieder auf?

Der Abgang von Persönlichkeiten wie Reitz und Elvedi verändert nicht nur die Startelf.

Er verändert auch Hierarchien.

Neue Hierarchien entstehen nicht innerhalb weniger Wochen.

Aber Borussia kann es sich ebenfalls nicht leisten, dafür eine komplette Hinrunde zu benötigen.

Warum trotzdem keine Panik angebracht ist

Zwei Niederlagen bedeuten null Punkte.

Aber zwei Niederlagen bedeuten noch keine verlorene Saison.

Das klingt banal, muss angesichts der aufgeheizten Diskussion jedoch gesagt werden.

Nach 34 Spieltagen werden 102 Punkte vergeben.

Borussia hat bislang um sechs davon gespielt.

Noch stehen 32 Bundesligapartien aus.

Ein Sieg kann die Wahrnehmung innerhalb einer Woche vollständig verändern.

Das bedeutet nicht, dass man die aktuelle Situation kleinreden sollte.

Es bedeutet lediglich, zwischen einem schlechten Start und einer endgültigen sportlichen Entwicklung zu unterscheiden.

Borussia befindet sich in einer Krise.

Aber noch in einer Frühkrise.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Die nächsten Spiele werden deshalb enorm wichtig

Einfacher wird die Lage allerdings nicht.

Am 12. September muss Borussia zum SC Freiburg. Danach folgt am 19. September das Heimspiel gegen Mainz 05. Nach der anschließenden Pause wartet das Derby beim 1. FC Köln.

Gerade Freiburg ist momentan das Gegenteil von Borussia: Kontinuität, klare Abläufe und ein stabiler Saisonstart.

Deshalb sollte man auch hier die Erwartungshaltung realistisch halten.

Es wäre falsch zu erklären: Verliert Polanski in Freiburg, muss er gehen.

So darf professionelle Vereinsführung nicht funktionieren.

Viel wichtiger wird sein, wie Borussia dort auftritt.

Ist die Mannschaft kompakter?

Sind die Abstände kleiner?

Reagiert sie besser auf Rückschläge?

Ist eine klare Idee im Spiel gegen den Ball erkennbar?

Kann Gladbach über 90 Minuten eine angemessene Intensität halten?

Funktionieren die Wechsel?

Das sind momentan fast wichtigere Fragen als ein einzelnes Resultat.

Eine faire Frist bedeutet nicht unbegrenzte Geduld

Gleichzeitig wäre es falsch, Polanski nun monatelang unabhängig von der Entwicklung arbeiten zu lassen.

Der Trainer hat anders als vor einem Jahr eine komplette Vorbereitung bekommen.

Er durfte Einfluss auf den Kader nehmen.

Sein Trainerteam wurde verändert.

Der Verein hat ihm ausdrücklich eine zweite Chance gegeben.

Damit steigt auch die Verantwortung.

Spätestens in den kommenden vier bis sechs Spielen muss eine klare Entwicklung zu erkennen sein.

Nicht zwingend sechs Siege.

Nicht zwingend spektakulärer Fußball.

Aber Fortschritt.

Stabilität.

Eine erkennbare Grundordnung.

Eine Mannschaft, die auf schwierige Phasen reagieren kann.

Und Ergebnisse, die zeigen, dass Borussia nicht dauerhaft im Tabellenkeller feststeckt.

Bleibt all das aus, wird die Trainerfrage automatisch berechtigt sein.

Dann allerdings nicht wegen zweier verlorener Spiele.

Sondern aufgrund einer deutlich größeren Datenbasis und einer Entwicklung, die sich trotz Vorbereitung, Kaderumbau und neuem Trainerteam nicht verbessert hätte.

Das wäre ein völlig anderer Befund.

Auch Schröder muss seine eigene Arbeit kritisch überprüfen

Für Rouven Schröder beginnt gleichzeitig die Phase der Selbstkontrolle.

Nicht jeder Sportchef muss nach Ende des Transferfensters behaupten, der Kader sei perfekt.

Wenn sich im zentralen Mittelfeld eine Schwachstelle zeigt, muss sie intern benannt werden.

Wenn bestimmte Profile fehlen, muss bereits an zukünftigen Lösungen gearbeitet werden.

Wenn der Kader zu groß oder in bestimmten Bereichen unausgewogen ist, gehört auch das auf den Prüfstand.

Gute Sportdirektoren erkennt man nicht daran, dass jeder Transfer funktioniert.

Das ist unrealistisch.

Man erkennt sie daran, wie schnell sie Fehlentwicklungen erkennen und korrigieren.

Auch Schröder verdient deshalb Zeit.

Aber keine Kritikfreiheit.

Borussia muss endlich aus dem Kreislauf heraus

Das vielleicht größte Problem des gesamten Vereins liegt noch eine Ebene tiefer.

Gladbach befindet sich seit Jahren in einer Übergangsphase.

Trainer kommen.

Trainer gehen.

Neue Umbrüche werden ausgerufen.

Spieler verlassen den Klub.

Neue Spieler kommen.

Neue Hoffnungen entstehen.

Nach wenigen Monaten beginnt die nächste Grundsatzdiskussion.

Genau diesen Kreislauf muss Borussia irgendwann durchbrechen.

Kontinuität allein garantiert keinen Erfolg.

Aber permanente Unruhe garantiert fast immer, dass nachhaltige Entwicklung schwierig wird.

Deshalb darf der Klub nicht aus Angst vor der Tabelle automatisch wieder alles infrage stellen.

Wenn Borussia wirklich glaubt, mit Schröder, Polanski und diesem Kader einen neuen Weg begonnen zu haben, muss dieser Weg eine faire Chance bekommen.

Eine faire Chance bedeutet aber ebenfalls, klare Anforderungen zu formulieren.

Kontinuität darf niemals mit Bequemlichkeit verwechselt werden.

Das Fazit: Die Krise ist real – das Urteil wäre trotzdem verfrüht

Borussia Mönchengladbach hat keinen Grund, sich die Situation schönzureden.

Null Punkte.

Sieben Gegentore.

Ein 0:3 in Leipzig.

Eine 3:1-Führung gegen einen Aufsteiger, die in ein 3:4 verwandelt wird.

Das sind Warnsignale.

Besonders problematisch sind die fehlende Balance zwischen Offensive und Defensive, die Instabilität im zentralen Mittelfeld, wiederkehrende Leistungseinbrüche, das mangelhafte Management schwieriger Spielphasen und die derzeit erkennbare mentale Unsicherheit.

Trainer Eugen Polanski trägt dafür Verantwortung.

Sportchef Rouven Schröder ebenfalls.

Aber Verantwortung bedeutet nicht automatisch Schuld.

Und Kritik bedeutet nicht automatisch Entlassung.

Nach zwei Bundesliga-Spieltagen den Trainer zu feuern, den man nach ausführlicher Analyse im Sommer ausdrücklich bestätigt hat, wäre nur dann nachvollziehbar, wenn intern wesentlich gravierendere Erkenntnisse vorliegen als zwei schlechte Resultate.

Und nach dem ersten kompletten Transfersommer bereits den Sportchef infrage zu stellen, wäre ebenso vorschnell.

Borussia braucht jetzt keine öffentlichen Hinrichtungen.

Borussia braucht Klarheit.

Polanski muss zeigen, dass er seine Mannschaft stabilisieren und während eines Spiels Lösungen finden kann.

Schröder muss zeigen, dass sein Kaderumbau einer schlüssigen Idee folgt und vorhandene Schwachstellen erkannt werden.

Die Mannschaft muss zeigen, dass sie Rückschläge aushält und Führungen verteidigen kann.

Und das Umfeld muss den schwierigen Spagat schaffen, der in Mönchengladbach derzeit vielleicht wichtiger ist als alles andere:

kritisch bleiben, ohne hysterisch zu werden.

Denn ja: Borussia steckt in einer Krise.

Aber nach zwei Spieltagen ist noch keine Saison verloren.

Die kommenden Wochen entscheiden nicht darüber, ob der Fehlstart schlecht war – das ist längst beantwortet.

Sie entscheiden darüber, ob dieser Fehlstart der Beginn einer echten Abstiegsangst wird oder lediglich der schmerzhafte Anfang eines Umbruchs war, der Zeit brauchte, um zu funktionieren.

Jetzt sofort den Stab über Eugen Polanski und Rouven Schröder zu brechen, wäre zu früh. Ihnen aber einen Persilschein auszustellen, wäre genauso falsch. Die angemessene Haltung lautet deshalb: Vertrauen auf Bewährung – verbunden mit klaren sportlichen Erwartungen.

7 Kommentare

  • Desolate Borussia, 0:5 in Freiburg! Wer jetzt immer noch der Meinung ist, dass man am Trainer festhalten sollte, der hebe bitte die Hand! Wir sind ja noch schlechter als in der letzten Saison! Wo bitte ist bei dieser Truppe der Hoffnungsschimmer? Ich denke aber schon, dass wir besser sein könnten, wenn der richtige Mann auf der Trainerbank sitzen würde! Schröder ist jetzt gefragt, wenn er nochmal einen Fehlgriff macht, dann sind auch seine Tage in Gladbach gezählt! Als Gladbachfan hat man es derzeit wirklich nicht leicht….

  • Lieber Uwe Hilgers,

    Er (Loddar) sagt „wäre wäre, Fahrradkette“ – das war der Witz daran.

    Ansonsten wirkt der Text tatsächlich nicht wie selbstgeschrieben, aber sei es drum. Vieles ist richtig, manches zu hinterfragen. Leider reibt sich der Borussia-Fan in erster Linie an der Trainerfrage auf und eine gespaltene Fansezene ist immer schlecht.

    Ich würde mir wünschen, dass die Fans ein bisschen besonnener wären, aber auch in meinem Umfeld hat der ein oder andere leider eine kurze Zündschnur.

    Meiner Meinung nach, sollte man Eugen Polanski noch die zwei Spiele geben und auch wenn es schwer wird, sollten 3 Punkte Pflicht sein. Und bis nach dem Mainz sollte man die Mannschaft nicht noch weiter von außen verunsichern, denn sonst sind die „Pfeifen“(den) auch eine gehörige Portion mitschuld daran, dass Borussia nächstes Jahr… – aber so weit sind wir noch nicht und so weit wird es nicht kommen.

    Nur der VFL

  • Ich empfinde es als sehr mühsam, diesen Artikel zu lesen, weil das Layout so seltsam ist mit diesem Aneinanderreihen zahlloser abgehackter Hauptsätze. Was soll dieser Stil?

  • Ich finde insgesamt die Lagebewertung richtig, wenn ich auch nicht mit allem mitgehen kann! Ich denke, Schröder hat sich nach der letzten Saison von irgendjemand überreden lassen, Polanski zu halten, oder waren es doch nur die beiden Heimsiege am Schluss, die ihn umgestimmt haben? Fakt ist, Polanski hing nur noch am seidenen Faden, sonst hätte Schröder ja die ganzen Diskussionen um ihn mit dem lapidaren Hinweis auf seinen laufenden Vertrag bis 2028, wie es ja sonst auch immer Usus ist, abwürgen können. Aber nun sind wir wieder soweit wie im vorigen Jahr, ein angeschossener Trainer startet mehr als schlecht in die Saison mit 0 Punkten, und er macht einfach den Eindruck, als könnte er ein Spiel nicht lesen. Man darf nicht nur die Fehler der Spieler betrachten, sondern muss auch sehen, dass da draußen 3(!) gutbezahlte Trainer sitzen, aber keiner scheint auf die Idee zu kommen, ein Spiel mit eigentlich beruhigendem Vorsprung durch entsprechende Auswechslungen oder Umstellungen abzusichern. Unglaublich! Wenn wir jetzt nicht reagieren, in Freiburg weiß man ja, was uns erwartet, und dann kommt Mainz, gegen die wir zu Hause schon immer Probleme hatten. Wenn dann noch nach der Pause das Derby in die Hose geht, und wir immer noch mit 0 oder 1 Punkt dastehen, dann spätestens muss man ja reagieren! Und dann fragt natürlich jeder, warum man diesen Schritt nicht schon vor der Länderspielpause getätigt hat! Bei Seoane hat man doch den gleichen Fehler gemacht, und ich denke, je früher man jetzt reagiert, desto besser! Dann hat wenigsten ein neuer Trainer etwas mehr Zeit, die Mannschaft und alles drumherum kennenzulernen. Polanski ist nicht der Richtige!

  • Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Polanski der Aufgabe nicht gewachsen sein kann, da ihm dafür einfach noch die Erfahrung fehlt. Es war ein Fehler, ihn damit zu betrauen und die Philosophie „Hauptsache Stallgeruch“ ist nunmehr wiederholt nicht aufgegangen. Für die 6 wurde vor allem Uno verpflichtet. Ob er bereits in der Lage sein kann, diese Position auszufüllen, wird die Zeit ergeben. Aufgrund der Verletzenmisere wäre es allerdings ratsamer gewesen, anstelle von Kühn einen weiteren Sechser zu verpflichten. Das muss man Schröder ankreiden. Generell ist es fraglich, ob man mit Transferverpflichtungen aus Liga 2 weiter kommt. Ja, die Finanzen sind knapp, dennoch muss in die Spitze und nicht nur in die Breite investiert werden. Letztlich ordnet sich alles dem Erfolg unter und was die Trainerfrage angeht, so sollte spätestens nach dem Mainzspiel eine Entscheidung getroffen werden. Darüber hinaus ist auch das Präsidium mit Bonhof an der Spitze sehr kritisch zu hinterfragen, denn von dort ging die Geschichte mit dem
    Stallgeruch aus.

  • Sehr guter Kommentar mit den rechten Worten und Gedanken. Du sprichst mir aus der Seele, auch wenn ich denke, dass die Verpflichtung von Ko ein klarer Fehler war. Hier wäre ein Spielmacher und Leader wichtiger gewesen.
    Aber wie sagte bereits Matthäus „Hätte, hätte Fahrradkette“.

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