Also gut, liebe Fußballfreunde, die neue Bundesliga-Saison steht vor der Tür. Noch ist jeder Neuzugang ein Volltreffer, jeder Trainer ein Taktikgenie und jeder Verein laut eigener Presseabteilung „hervorragend aufgestellt“.
Im November sieht die Sache traditionell anders aus.
Dann war der Wunschspieler plötzlich nur eine „langfristige Investition“, der neue Trainer braucht „noch etwas Zeit“ und der Tabellenfünfzehnte erklärt, man dürfe jetzt nicht alles infrage stellen.
Aber Ende Juli dürfen wir noch träumen. Oder, wie ich es nenne: völlig überzogene Erwartungen entwickeln, die uns spätestens am dritten Spieltag das Wochenende verderben.
Bayern München: Wer soll die eigentlich aufhalten?
Fangen wir bei den Bayern an. Wo auch sonst?
Der Rekordmeister hat offenbar beschlossen, nicht nur die Bundesliga zu gewinnen, sondern vorsichtshalber auch den Rest Europas einzukaufen. Harry Kane bleibt, Luis Díaz bleibt, Michael Olise bleibt. Dahinter kommen noch weitere Spieler, die bei anderen Bundesligisten vermutlich das Stadion nach sich benannt bekämen.
Im offensiven Mittelfeld wartet ein Luxusproblem, das ungefähr so klingt: Musiala, der PSV-Neuzugang Salbari oder Leonard Kahl?
Andere Vereine überlegen, ob ihr Zehner überhaupt Bundesliganiveau hat. Bayern überlegt, welchen Weltklassespieler man am Sonnabend zunächst auf die Bank setzt.
Natürlich hängt viel davon ab, wie Jamal Musiala nach seiner schweren Verletzung zurückkommt. Er braucht Vertrauen in seinen Körper, Spielpraxis und Geduld. Das ist menschlich vollkommen verständlich.
Nur Geduld ist beim FC Bayern ungefähr so verbreitet wie Selbstzweifel auf einer Meisterfeier.
Dazu kommen Kimmich und Pavlović im Zentrum, eine starke Innenverteidigung und möglicherweise Nene Brown für die linke Seite. Hinten steht weiterhin Manuel Neuer – zumindest so lange, bis Jonas Urbig endgültig an die Tür klopft und jemand merkt, dass der junge Mann nicht nur zum Tragen der Trainingsbälle verpflichtet wurde.
Die große Frage lautet deshalb nicht: Wird Bayern Meister?
Die Frage lautet: An welchem Spieltag beginnen die Fernsehsender wieder, die Tabelle ohne Bayern zu zeigen, damit es spannender aussieht?
Borussia Dortmund: Dieses Jahr aber wirklich, ganz bestimmt
Beim BVB ist die Lage wie immer etwas komplizierter.
Serhou Guirassy könnte gehen, Nico Schlotterbeck ist verletzt, im Mittelfeld fehlt weiterhin jener spielstarke Sechser, nach dem Dortmund gefühlt seit der Einführung der Rückpassregel sucht.
Felix Nmecha soll endlich dort spielen, wo seine Stärken liegen. Nicht irgendwo tief im Aufbau, sondern als Achter mit Raum, Dynamik und Zug nach vorn. Eigentlich klingt das logisch.
Aber in Dortmund ist Logik gelegentlich ein mutiges taktisches Experiment.
Niko Kovač hat die Mannschaft stabilisiert und eine starke Saison gespielt. Nun soll der nächste Schritt folgen. Das bedeutet beim BVB gewöhnlich: Bayern herausfordern, in der Champions League weit kommen und gleichzeitig im Februar bei einem Aufsteiger nach 70 Prozent Ballbesitz mit 0:2 hinten liegen.
Ein neuer Zehner soll kommen. Nadiem Amiri wird als Kandidat genannt. Das könnte passen: technisch gut, kreativ und erfahren genug, um auch dann noch einen klaren Gedanken zu fassen, wenn auf der Südtribüne bereits 25.000 Menschen gleichzeitig die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Dortmund hat Qualität. Dortmund hat Talent. Dortmund hat Fans, die jeden Heimspieltag zu etwas Besonderem machen.
Dortmund besitzt allerdings auch diese einzigartige Fähigkeit, aus einer komfortablen Situation innerhalb von acht Minuten ein gesellschaftliches Großereignis zu machen.
Darum sage ich: Der BVB kann Bayern gefährlich werden.
Er kann sich aber auch selbst gefährlich werden.
RB Leipzig: Trainer weg, DNA wiedergefunden?
In Leipzig hat man Ole Werner entlassen, obwohl er den Verein sportlich wieder nach oben geführt hatte.
Warum?
Offenbar fehlte etwas von der berühmten RB-DNA. Also Pressing, Intensität, Tempo und vermutlich mindestens drei Menschen an der Seitenlinie, die gleichzeitig mit den Armen fuchteln.
Nun soll Martín Demichelis übernehmen und den Klub spielerisch weiterentwickeln, ohne dabei die Red-Bull-Grundordnung zu vernachlässigen.
Das klingt ungefähr wie der Auftrag, gleichzeitig Vollgas zu geben, sparsam zu fahren und bitte den Motor zu schonen.
Besonders spannend bleibt Yan Diomande. Im Saisoncheck wird davon ausgegangen, dass er trotz gegenteiliger Aussagen verkauft werden könnte. Bei einer dreistelligen Millionensumme dürfte auch in Leipzig irgendwann jemand feststellen, dass Vereinstreue eine schöne Sache ist, 100 Millionen Euro aber ebenfalls nicht völlig uninteressant sind.
Geht Diomande, braucht Leipzig Ersatz. Und zwar keinen Spieler, der erst im Jahr 2029 „sein volles Potenzial entfalten könnte“, sondern jemanden, der sofort Dribblings, Tempo und Torgefahr liefert.
Vorne kämpfen Rômulo und Hader um den Platz im Sturm. Hader wird als eine Art rennender Kühlschrank beschrieben. Das gefällt mir. Die Bundesliga braucht mehr Spieler, die klingen wie Haushaltsgeräte mit Pressingauftrag.
Leipzig kann eine starke Saison spielen. Der Kader gibt das her.
Aber nach dem Trainerwechsel muss sich zeigen, ob man wirklich einen besseren Plan besitzt oder lediglich das vertraute Etikett „RB-DNA“ wieder auf die Verpackung geklebt hat.
Leverkusen: Neustart mit aggressivem Pressing
Bayer Leverkusen hat die Champions League verpasst und beginnt mit Carlos Martínez einen neuen Abschnitt.
Der Trainer steht für aggressiven Fußball gegen den Ball, hohes Pressing und eine stabile Absicherung. Ob daraus ein 4-3-3, ein 4-2-3-1 oder doch wieder eine Dreierkette entsteht, weiß derzeit vermutlich nur Martínez selbst.
Vielleicht aber auch er noch nicht.
Im Angriff gibt es das Duell zwischen Patrik Schick und Christian Kofane. Schick ist der klassische Strafraumstürmer, Kofane beweglicher, schneller und entwicklungsfähiger.
Das ist eine angenehme Auswahl. Andere Vereine haben vorn die Wahl zwischen einem Mittelstürmer ohne Tore und einem Außenspieler, der dort „notfalls auch einmal aushelfen kann“.
Besonders viel Hoffnung ruht auf Kenneth Eichhorn. Der junge Mittelfeldspieler gilt als außergewöhnliches Talent und soll trotz seines Alters schon weit genug für eine bedeutende Rolle sein.
Da sollte man allerdings etwas aufpassen. Im deutschen Fußball wird ein 16- oder 17-Jähriger nach drei gelungenen Pässen gern zum Jahrhundertspieler erklärt. Zwei schwächere Spiele später fragt man, ob der Schritt vielleicht doch zu früh kam.
Lasst den Jungen spielen. Lasst ihn Fehler machen. Und lasst ihn bitte wenigstens volljährig werden, bevor Real Madrid, Manchester City und halb Europa angeblich 80 Millionen bieten.
Leverkusen hat jedenfalls spannend eingekauft. Ob der neue Fußball sofort funktioniert, bleibt offen. Aber langweilig dürfte es nicht werden.
Stuttgart: Warum sollte die Reise enden?
Der VfB Stuttgart wirkt inzwischen beinahe unheimlich stabil.
Deniz Undav trifft, Chris Führich liefert, Bilal El Khannouss besitzt enormes Potenzial und Angelo Stiller ist im Mittelfeld kaum zu ersetzen.
Dazu kommt ein Kader, der mehrere Systeme ermöglicht und genügend Qualität für die Champions League besitzt.
Natürlich besteht immer die Gefahr, dass ein Leistungsträger noch wechselt. Stiller dürfte auf mehreren Einkaufszetteln stehen, Jamie Leweling ebenfalls. In Stuttgart kennt man das Spiel: Ein Spieler entwickelt sich prächtig, die Fans verlieben sich – und kurz danach taucht ein Premier-League-Klub mit einem Geldkoffer auf.
Die große Stärke bleibt Sebastian Hoeneß. Er hat aus Stuttgart eine Mannschaft gemacht, die nicht nur begeistert, sondern inzwischen auch regelmäßig gewinnt. Das ist eine Kombination, die im deutschen Fußball nicht selbstverständlich ist.
Wenn die wichtigsten Spieler bleiben, kann der VfB erneut weit oben landen.
Allerdings muss er diesmal mit der zusätzlichen Belastung umgehen. Bundesliga, Pokal und Champions League sind etwas anderes als eine ruhige Woche mit viel Trainingszeit.
Rotieren kann Stuttgart. Aber irgendwann muss auch die Rotationsmaschine einmal gewartet werden.
Hoffenheim: Plötzlich wieder oben dabei
Und dann wäre da Hoffenheim.
Der Überraschungsfünfte der vergangenen Saison wird vielerorts noch immer behandelt wie ein Gast, der versehentlich am Tisch der großen Vereine Platz genommen hat.
Dabei investiert die TSG ordentlich und verfügt über eine interessante Mannschaft. Andrej Kramarić ist weiterhin da und offenbar nicht bereit, altersbedingt schlechter zu werden. Jedes Jahr denkt man, nun müsse es langsam weniger werden – und jedes Jahr steht er wieder irgendwo im Strafraum und trifft.
Ob Fisnik Asllani bleibt, ist offen. Sollte er gehen, muss Ersatz kommen. Dazu gibt es mit jungen Spielern wie Mats Rots neue Optionen.
Hoffenheim wird zeigen müssen, ob Platz fünf ein einmaliger Höhenflug war oder ob sich der Verein tatsächlich dauerhaft oben festsetzen kann.
Das Stadion wird dadurch vermutlich trotzdem nicht plötzlich jede Woche zur kochenden Wand.
Aber Punkte werden nicht nach Dezibel vergeben. Zum Glück für Hoffenheim.
Alfreds Fazit
Bayern ist der klare Favorit. Alles andere wäre Koketterie.
Dortmund besitzt die Qualität, um oben mitzuspielen, muss aber seine alte Spezialität vermeiden: unnötige Dramen aus völlig normalen Fußballspielen zu machen.
Leipzig hat viele gute Spieler, muss nach dem Werner-Aus jedoch beweisen, dass hinter der Rückkehr zur RB-DNA mehr steckt als ein Marketingbegriff.
Leverkusen startet mit neuem Trainer und vielen spannenden Talenten. Stuttgart wirkt weiterhin stark und erstaunlich gesund. Hoffenheim möchte zeigen, dass der fünfte Platz kein Betriebsunfall war.
Und natürlich wird am Ende wieder irgendeine Mannschaft überraschen, die jetzt niemand auf dem Zettel hat.
Ein anderer Klub wird im August als Geheimfavorit gelten und im Oktober den Trainer entlassen.
So funktioniert die Bundesliga.
Vor der Saison sind alle bereit.
Die Bayern für die Meisterschaft, Dortmund für den Angriff, Leipzig für die neue DNA, Leverkusen für den Umbruch und wir Fans für 34 Spieltage mit Schiedsrichterdiskussionen, Transfergerüchten und der festen Überzeugung, dass der eigene Trainer wieder einmal viel zu spät gewechselt hat.
Ich freue mich darauf.
Aber fragt mich bitte nicht nach einer seriösen Tabelle.
Ich bin Alfred, kein Hellseher.
Kommentar hinterlassen