In der kolumbianischen Küstenstadt Santa Marta treffen sich derzeit mehr als 50 Staaten, um der Welt zu zeigen, dass man die Energiewende selbstverständlich sehr ernst nimmt – zumindest solange daraus keine verbindlichen Beschlüsse, keine Verpflichtungen und möglichst keine wirtschaftlichen Schmerzen entstehen.
Die von Kolumbien und den Niederlanden organisierte Konferenz läuft bis Mittwoch und versteht sich als ergänzende Plattform zu den zäh dahinvegetierenden UNO-Klimaverhandlungen. Anders gesagt: Weil auf den großen Gipfeln seit Jahren viel geredet und wenig geliefert wird, hat man nun ein neues Format geschaffen, in dem ebenfalls viel geredet werden kann – nur etwas exklusiver.
Ein Klimagipfel ohne die Hauptverursacher – fast schon entspannend
Mit dabei sind Vertreter aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und später auch Ministerinnen und Minister. Anwesend sind mehrere europäische Staaten, die EU, Großbritannien, Kanada, Norwegen – also jene Länder, die sich gern gegenseitig bestätigen, dass fossile Energien eigentlich von gestern sind.
Nicht dabei sind ausgerechnet einige der größten CO2-Emittenten der Welt:
USA, China, Indien, Russland, Saudi-Arabien, Iran und Japan.
Das könnte man als Problem sehen. Muss man aber nicht.
Kolumbiens Umweltministerin Irene Velez Torres erklärte sinngemäß, dass man hier lieber unter Leuten bleibe, die schon verstanden haben, worum es geht. Wer noch an Öl, Gas und Kohle hängt, sei eben falsch am Tisch.
Das hat Charme: Wenn die größten Brandstifter nicht kommen, kann man die Feuerwehr immerhin in Ruhe fotografieren.
Große Worte, kleine Hebel
Offiziell soll die Konferenz Wege aufzeigen, wie Länder den Ausstieg aus fossilen Energien beschleunigen können. Inoffiziell geht es vor allem darum, einen weiteren „politischen Raum“ zu schaffen – ein Begriff, der in der internationalen Klimadiplomatie meist bedeutet: Es gibt noch keinen Durchbruch, aber immerhin einen neuen Konferenzsaal.
Verbindliche Ergebnisse? Fehlanzeige.
Sanktionen? Keine.
Pflichten? Auch nicht.
Dafür soll ein Abschlussbericht entstehen, der „Handlungswege bündelt“ und in die Vorbereitung der nächsten Weltklimakonferenz COP31 in der Türkei einfließt.
Kurz gesagt: Das Klima brennt, aber immerhin arbeitet man bereits am Papier für den nächsten Termin.
Fossile Realität schlägt grüne Rhetorik
Die Konferenz findet in einer denkbar ungünstigen Weltlage statt. Der Krieg im Iran hat die Energiemärkte aufgeschreckt, die Straße von Hormus als neuralgische Ölroute steht unter Druck – und plötzlich erinnern sich viele Regierungen daran, dass sie fossile Brennstoffe zwar langfristig abschaffen wollen, kurzfristig aber doch ganz gern hätten.
Die Wahrheit ist unerquicklich:
Wenn es geopolitisch eng wird, gewinnt fast immer Versorgungssicherheit vor Klimaschutz.
Dann wird aus „Net Zero“ ganz schnell wieder „Bitte noch ein paar Tanker mehr“.
Besonders sichtbar ist diese Doppelmoral in Lateinamerika, wo viele Volkswirtschaften weiter stark von Öl, Gas und Bergbau abhängen. Dort diskutiert man dann mit ernster Miene über den Ausstieg – finanziert aber den Staatshaushalt noch mit genau dem Zeug, aus dem man eigentlich aussteigen möchte.
Klimaziele? Ja. Fossilförderung? Ebenfalls ja.
Dass die Weltgemeinschaft beim Klimaschutz weiter grandios an ihren eigenen Versprechen scheitert, ist inzwischen kaum noch eine Überraschung. Laut WWF planen Regierungen für 2030 noch immer, mehr als doppelt so viele fossile Brennstoffe zu fördern, wie mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar wäre.
Mit anderen Worten:
Offiziell will man die Erderhitzung bremsen.
Praktisch bestellt man noch einmal Nachschub fürs Feuer.
Claudio Angelo vom brasilianischen Thinktank Observatorio do Clima bringt es auf den Punkt: Klimaschutz ist auf den Prioritätenlisten vieler Regierungen nach unten gerutscht. Anders formuliert: Zwischen Inflation, Wahlen, Kriegen, Industrie-Lobby und kurzfristiger Machtarithmetik ist das Weltklima inzwischen wieder dort angekommen, wo es in der Politik oft landet – im Sonntagsreden-Regal.
„Fossilfreie Zonen“ – ambitioniert, solange niemand bohren will
Diskutiert wird in Santa Marta auch über sogenannte „fossilfreie Zonen“ – also Gebiete, in denen Öl-, Gas- und Kohleförderung künftig tabu sein soll, insbesondere in ökologisch sensiblen Regionen.
Das klingt gut. Sehr gut sogar.
Fast so gut, dass man sofort ahnt, wie schwierig es wird, sobald unter genau diesen ökologisch sensiblen Regionen zufällig etwas Wertvolles im Boden liegt.
Indigene Gruppen und Umweltinitiativen drängen auf solche Schutzräume, und inhaltlich ist der Vorschlag logisch: Wer Klimaziele ernst meint, muss auch konkret sagen, wo nicht mehr gebohrt wird.
Genau da beginnt aber das eigentliche Problem der globalen Klimapolitik:
Solange „Ausstieg aus fossilen Energien“ nur ein moralischer Satz bleibt, nicken alle.
Sobald daraus eine Landkarte mit roten Sperrzonen wird, beginnen Ministerien, Konzerne und Haushälter nervös zu husten.
Die ewige Konferenzschleife
Santa Marta ist damit vor allem eines: ein Symbol.
Ein Symbol dafür, dass es inzwischen so viele Klimagipfel, Sonderformate, Initiativen, Plattformen und Koalitionen gibt, dass man fast den Überblick verliert – nur nicht über die Emissionen, die steigen weiter erstaunlich zuverlässig.
Die beteiligten Staaten repräsentieren laut WWF immerhin rund ein Fünftel der globalen Produktion fossiler Energien und etwa ein Drittel des Verbrauchs. Das ist nicht nichts. Aber es ist eben auch nicht die Machtbasis, mit der sich das fossile Zeitalter im Alleingang beenden ließe.
Fazit
In Santa Marta trifft sich also die internationale Klimadiplomatie zur nächsten Runde des beliebten Formats:
„Wir meinen es ernst – aber bitte ohne bindende Konsequenzen.“
Die Konferenz ist gut gemeint, politisch verständlich und vielleicht sogar nützlich, um Allianzen zu schmieden. Doch sie zeigt auch brutal deutlich, woran die Energiewende global krankt:
- Die größten Emittenten fehlen.
- Die größten Förderländer blockieren.
- Die größten Abhängigkeiten bleiben bestehen.
- Und die größten Worte produzieren noch immer nicht automatisch die größten Taten.
Oder kürzer:
Die Welt diskutiert den Ausstieg aus Öl, Gas und Kohle – während sie gleichzeitig weiter fleißig nach Öl, Gas und Kohle sucht.
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