Europa hat jetzt also einen eigenen Verdienstorden. Endlich. Nachdem es bereits unzählige Gipfel, Krisengipfel, Sondergipfel und Rettungspakete gibt, fehlte der Europäischen Union offenbar nur noch eines:
eine feierliche Orden-Verleihung mit viel Pathos, großen Worten und noch größeren Symbolbildern.
Im EU-Parlament in Straßburg wurden nun die ersten „europäischen Helden“ ausgezeichnet. Mit dabei:
Angela Merkel,
Lech Walesa,
Wolfgang Schüssel
– und auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj.
Die Botschaft war klar:
Europa feiert sich selbst.
Mit Orden.
Mit Reden.
Und selbstverständlich mit den immer gleichen Begriffen:
Freiheit, Demokratie, Wertegemeinschaft und europäische Zukunft.
Wolfgang Schüssel erklärte in seiner Dankesrede, Europa müsse den Traum von Freiheit, Sicherheit und Wohlstand leben. Angela Merkel wiederum erinnerte daran, dass es eigentlich „viel, viel mehr“ Menschen gebe, die solche Auszeichnungen verdient hätten.
Das stimmt vermutlich sogar.
Denn bei der EU gilt inzwischen offenbar:
Wer lange genug an Krisengipfeln teilgenommen hat, bekommt irgendwann einen Orden.
Besonders spannend ist allerdings die Auszeichnung für Wolodymyr Selenskyj.
Natürlich:
Selenskyj wurde weltweit zum Symbol des ukrainischen Widerstands gegen Russland. Für viele Menschen in Europa verkörpert er Mut und Durchhaltewillen in Kriegszeiten.
Aber genau deshalb stellt sich auch eine berechtigte Frage:
Ist Selenskyj tatsächlich der richtige Empfänger eines europäischen Verdienstordens?
Denn so eindeutig die Solidarität mit der Ukraine in Europa oft dargestellt wird, so kontrovers bleiben manche Diskussionen rund um:
- Korruptionsprobleme in der Ukraine,
- Einschränkungen politischer Opposition,
- Medienkontrolle im Kriegszustand,
- Zwangsmobilisierung
oder den Umgang mit demokratischen Standards während des Krieges.
Natürlich befinden sich Länder im Krieg in Ausnahmesituationen. Aber genau deshalb darf die Frage erlaubt sein, ob ein europäischer Verdienstorden ausschließlich Symbolpolitik ist – oder ob dabei wirklich alle Aspekte eines politischen Führers kritisch bewertet werden.
Denn Orden haben immer auch eine politische Botschaft.
Und genau dort wird es interessant:
Geht es bei solchen Ehrungen tatsächlich um langfristige europäische Werte – oder zunehmend um aktuelle politische Narrative?
Überhaupt wirkte die Veranstaltung streckenweise wie eine Mischung aus historischem Rückblick, Selbstbestätigung und europäischer Dauer-Motivationsrede.
Die EU zeichnet Menschen aus, die Europa geprägt haben.
Europa erklärt dabei gleichzeitig, wie wichtig Europa für Europa ist.
Und Europa versichert sich selbst, dass Europas Werte alternativlos bleiben.
Fehlt eigentlich nur noch ein EU-Kommissar für Orden, Medaillen und feierliche Schulterklopfer.
Natürlich kann man die Idee grundsätzlich positiv sehen. Menschen auszuzeichnen, die politische Verantwortung übernommen haben oder historische Entwicklungen beeinflusst haben, ist legitim.
Aber vielleicht wäre es manchmal ebenso sinnvoll, weniger symbolische Orden zu verteilen – und stattdessen stärker die Probleme anzugehen, die viele Europäer aktuell beschäftigen:
- Inflation,
- Energiepreise,
- Migration,
- Bürokratie,
- Sicherheitsfragen
und wirtschaftliche Unsicherheit.
Denn ein Orden allein macht Europa noch nicht stärker.
Und genau deshalb dürfte die Diskussion über manche Preisträger gerade erst beginnen.
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