Während Jeffrey Epstein seine erste Haftstrafe wegen sexueller Kontakte zu Minderjährigen verbüßte, erhielt er regelmäßig Besuch im Gefängnis. Laut Gefängnisunterlagen kam eine Frau während seiner 13-monatigen Haft mindestens 67 Mal zu ihm: Nadia Marcinko.
Marcinko galt über Jahre als wichtigste Partnerin Epsteins nach Ghislaine Maxwell. Später arbeitete sie zudem als Co-Pilotin seines Privatjets. In der Öffentlichkeit blieb sie jedoch weitgehend unbekannt. Das könnte sich nun ändern.
Denn Nadia Marcinko gehört zu den vier Frauen, die im Rahmen eines umstrittenen Vergleichs aus dem Jahr 2008 Immunität vor Strafverfolgung erhielten. Inzwischen fordern US-Politiker neue Untersuchungen gegen mehrere ehemalige Epstein-Vertraute – darunter auch Marcinko.
Bis heute wurde sie nie offiziell wegen einer Straftat angeklagt. Ihre Anwälte bezeichnen sie selbst als Opfer von Jeffrey Epstein. Allerdings hatten junge Frauen aus Palm Beach, deren Aussagen maßgeblich zu Epsteins Verurteilung führten, gegenüber der Polizei erklärt, Marcinko habe an den Missbrauchsstrukturen beteiligt gewesen sein sollen.
Die BBC recherchierte monatelang zu ihrer Rolle im Umfeld Epsteins und wertete zahlreiche E-Mails aus den Epstein-Akten aus. Dabei entsteht das Bild einer Frau, die sich offenbar über Jahre in einem extrem kontrollierenden und manipulativen Umfeld bewegte.
Die Unterlagen zeigen unter anderem, dass Epstein und Marcinko zeitweise sogar planten, gemeinsam eine Familie zu gründen. Gleichzeitig legen die E-Mails nahe, dass Epstein sie über Jahre dazu drängte, weitere Frauen für ihn zu finden.
In einer Nachricht aus dem Jahr 2006 schrieb Marcinko:
„Ich werde versuchen, Mädchen zu finden, wenn wir in New York sind.“
Allerdings fanden sich laut BBC keine Hinweise darauf, dass sie wissentlich minderjährige Mädchen vermittelt habe.
Gleichzeitig zeichnen die Unterlagen ein Bild massiver Kontrolle durch Epstein. Später schilderte Marcinko Ermittlern, Epstein habe sie körperlich misshandelt, gewürgt und sogar eine Treppe hinuntergestoßen.
Ein teilweise geschwärztes Dokument des US-Justizministeriums bestätigt Aussagen einer Frau, deren Schilderungen exakt zu Marcinkos Lebenslauf passen.
Nadia Marcinko wurde in der Slowakei geboren und kam als junges Model nach Paris und später in die USA. Dort lernte sie Epstein 2003 auf einer Geburtstagsfeier des Modelagenten Jean-Luc Brunel kennen. Wenige Tage später flog Epstein sie bereits in seine Villa in Palm Beach und anschließend auf seine Privatinsel Little St. James.
Damals war Marcinko 18 Jahre alt, Epstein bereits 50.
Später erklärte sie Ermittlern, sie habe sich abhängig gefühlt, weil ihr Visum über Brunels Agentur lief – und Epstein die Agentur finanziell unterstützte. Sie habe geglaubt, Epstein könne mit einem einzigen Anruf ihre Abschiebung veranlassen.
Die Beziehung zwischen beiden entwickelte sich offenbar schnell zu einer festen Partnerschaft. Gleichzeitig zeigen E-Mails, wie dominant Epstein auftrat.
In einer Nachricht schrieb er unter anderem:
„Ich will, dass du lernst, Eier zu kochen… Ich will keine Diskussionen unter der Woche… Du darfst nichts ins Haus bringen, ohne dass ich es vorher sehe.“
Marcinko erklärte später, Epstein habe nahezu jeden Bereich ihres Lebens kontrolliert – von Kleidung bis Gewicht. Zudem habe er sie zu mehreren Schönheitsoperationen gedrängt.
Trotzdem blieb sie jahrelang eng an seiner Seite.
Ab 2009 finanzierte Epstein ihre Pilotenausbildung. Marcinko entwickelte sich später selbst zur Pilotin und arbeitete zeitweise als Fluglehrerin.
Doch die Verbindung zu Epstein riss nie ganz ab. Noch Jahre nach ihrer Trennung blieb der Kontakt bestehen. Laut Unterlagen unterstützte Epstein sie finanziell weiterhin.
Erst 2018 begann Marcinko offenbar mit dem FBI zu kooperieren. Nach Epsteins erneuter Verhaftung unterstützte die Bundespolizei später sogar ihren Antrag auf weiteren Aufenthalt in den USA. Die Behörde bezeichnete sie dabei selbst als Frau, die von Epstein „rekrutiert, untergebracht und für eine zwanghafte sexuelle Beziehung benutzt“ worden sei.
Heute lebt Nadia Marcinko weitgehend zurückgezogen. Öffentliche Auftritte gibt es kaum noch.
Doch die Debatte über ihre Rolle dürfte weitergehen.
Denn genau an diesem Fall entzündet sich eine schwierige Frage:
Kann jemand gleichzeitig Opfer eines manipulativen Systems und Teil dieses Systems gewesen sein?
Juristen und Experten für Menschenhandel sehen darin eine komplizierte Grauzone. Entscheidend sei oft, ob Betroffene sich jemals wirklich aus der Kontrolle des Täters lösen konnten.
Ein besonders bemerkenswerter Satz aus einer E-Mail von Marcinko aus dem Jahr 2012 zeigt diese innere Zerrissenheit möglicherweise deutlicher als jede öffentliche Erklärung:
„Ich will nicht mit dir zusammen sein, aber es macht mich fertig zu sehen, wie du dieselben Muster benutzt, um andere Mädchen zu verführen, zu manipulieren und am Ende zu kontrollieren und zu verletzen.“
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