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Vom Aloe-Vera-Saft zur Millionenkarriere: Willkommen im Wunderland des Network Marketings

gribovsergei81 (CC0), Pixabay
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Es beginnt meistens ganz harmlos. Eine nette Nachricht auf Facebook. Ein alter Bekannter meldet sich plötzlich wieder. Oder eine Frau im Wartezimmer erzählt, wie sie angeblich 20.000 Euro im Monat verdient – einfach durchs „Empfehlen von Produkten“. Klingt verdächtig? Willkommen in der schillernden Welt des Network Marketings.

Dort, wo aus jedem Aloe-Vera-Saft fast ein Medizinprodukt wird, wo Menschen angeblich mit fünf Stunden Arbeit pro Woche reich werden und wo jeder zweite Zoom-Call klingt wie eine Mischung aus Motivationsseminar, Teleshopping und Erweckungsgottesdienst.

„Du musst nur einsteigen“

Die Versprechen sind gigantisch. Finanzielle Freiheit. Passives Einkommen. Weltreisen. Luxusleben. Und natürlich: endlich Zeit für die Familie.

Die Masche funktioniert dabei erstaunlich simpel. Man kauft ein Starterpaket – manchmal für ein paar Hundert Euro, manchmal gleich für mehrere Tausend – und verkauft anschließend Produkte weiter. Noch wichtiger aber: neue Verkäufer anwerben. Denn an denen verdient man mit.

Das klingt ein bisschen wie „Schneeballsystem“, heißt hier aber deutlich freundlicher „Multi-Level-Marketing“. Und plötzlich ist jeder sein eigener Chef. Zumindest theoretisch.

In den Online-Webinaren wird dann auch nicht gekleckert, sondern geklotzt. Da ist von 3,8 Millionen Euro Einkommen in acht Jahren die Rede. Von Menschen, die angeblich 170.000 Euro „passiv“ im Monat verdienen. Und natürlich von der legendären Freiheit, endlich vom Strand aus arbeiten zu können.

Wobei man fairerweise sagen muss: Wer neun Stunden täglich Leute auf Instagram anschreibt, arbeitet technisch gesehen tatsächlich ortsunabhängig.

Aloe Vera gegen alles außer schlechte Entscheidungen

Besonders kreativ wird es bei den Produkten. Aloe Vera scheint dort ungefähr das zu sein, was früher in Westernfilmen Schlangenöl war – nur mit Instagram-Filter.

Die Vertriebspartner versprechen Dinge, bei denen selbst Apotheker nervös zucken dürften. Da wird erzählt, Aloe Vera helfe gegen Darmprobleme, Neurodermitis, Allergien, Pilze, Krebsfolgen und vermutlich auch gegen schlechte Laune am Montagmorgen.

Eine Verkäuferin erklärte sogar ernsthaft, ihre Creme könne man sich in den Hals schmieren, weil sie Viren und Bakterien töte. Spätestens da fragt man sich kurz, ob die Gesundheitsministerien Europas vielleicht einfach zu wenig Aloe Vera getestet haben.

Offiziell distanzieren sich die Unternehmen natürlich von solchen Aussagen. In den Richtlinien steht brav, dass keine Heilversprechen gemacht werden dürfen. Praktisch scheint das allerdings ungefähr so effektiv kontrolliert zu werden wie die Bildschirmzeit von Teenagern.

Die große Forever-Family

Besonders faszinierend ist die Atmosphäre in dieser Szene. Alles wirkt wie eine Mischung aus Selbsthilfegruppe, Motivationstraining und Familienfeier mit WLAN.

Auf Veranstaltungen wird gejubelt, geklatscht und gefeiert, wenn jemand die nächste Karrierestufe erreicht. Menschen erzählen emotional, wie sie früher Rechnungen nicht bezahlen konnten und heute angeblich in Luxusvillen leben.

Und tatsächlich: Wenn genug Menschen im Anzug vor Palmen erzählen, dass man „alles schaffen kann“, beginnt irgendwann sogar das eigene Gehirn kurz zu überlegen, ob man nicht vielleicht doch Aloe-Vera-Millionär werden könnte.

Das Problem ist nur: Die Mathematik spielt irgendwann nicht mehr mit.

Denn damit oben jemand fünfstellig verdient, müssen unten sehr viele Menschen Produkte kaufen, verkaufen oder neue Verkäufer anwerben. Das System funktioniert also vor allem für jene, die früh genug eingestiegen sind oder besonders viele Leute unter sich haben.

Oder wie eine Expertin trocken erklärt: „Wenn alle oben wären, wäre niemand mehr unten.“

Wenn aus Freiheit plötzlich Schulden werden

Die traurige Seite der Geschichte erzählen meist ehemalige Vertriebspartner. Menschen, die am Anfang wirklich geglaubt haben, sie könnten sich ein besseres Leben aufbauen.

Viele berichten von enormem Druck. Immer neue Produkte kaufen. Freunde ansprechen. Familie überzeugen. Noch mehr investieren. Noch mehr posten. Noch mehr lächeln.

Manche verschulden sich dabei sogar. Eine ehemalige Teilnehmerin berichtete, sie habe Elektrogeräte verkauft und sogar Spielsachen ihrer Tochter hergegeben, um weiter „im Business“ zu bleiben.

Verdient habe sie am Ende nichts.

Und genau das macht diese Branche so perfide: Verkauft wird nicht nur ein Produkt. Verkauft wird Hoffnung. Das Gefühl, endlich aus dem normalen Leben auszubrechen. Endlich nicht mehr jeden Monat aufs Konto schauen zu müssen.

Reich werden vor allem die anderen

Natürlich gibt es Menschen, die mit Network Marketing Geld verdienen. Sehr viel Geld sogar. Aber sie sind die Ausnahme, nicht die Regel.

Die meisten verdienen wenig oder gar nichts. Das zeigen sogar Zahlen der Unternehmen selbst. Trotzdem wird online weiter so getan, als könne praktisch jeder in wenigen Monaten finanziell frei werden.

Und genau deshalb boomt die Branche weiterhin. Denn der Traum vom schnellen Erfolg verkauft sich im Internet eben immer noch besser als die Wahrheit.

Die Wahrheit lautet meistens: Reich wird im Network Marketing vor allem derjenige, der dir erklärt, wie du reich wirst.

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