An der Wall Street herrscht derzeit Ausnahmezustand. Nicht wegen einer Finanzkrise, sondern wegen etwas viel Gefährlicherem: grenzenloser Euphorie. SpaceX geht an die Börse – und plötzlich benehmen sich gestandene Investmentbanker wie Teenager vor einem Popkonzert.
Die Aktie des Musk-Konzerns wird mit knapp 1,8 Billionen Dollar bewertet. Das Unternehmen macht Verluste, verdient sein Geld überwiegend mit Satelliteninternet und verspricht nebenbei künstliche Intelligenz im Orbit. Für viele Anleger reicht das offenbar völlig aus, um jeglichen Kontakt zur Realität erfolgreich abzubrechen.
Banken überboten sich im Vorfeld mit Zukunftsvisionen, die selbst Science-Fiction-Autoren peinlich wären. Einige Prognosen sehen die KI-Erlöse von SpaceX bis 2030 um mehr als das Hundertfache steigen. Warum nicht gleich tausendfach? Wer schon träumt, sollte schließlich nicht kleinlich werden.
Besonders rührend ist die Rolle der Investmentbanken. Deren Chefetagen verwandelten sich laut Beobachtern in eine Mischung aus Raumfahrtmuseum und Fanclub. Raketenmodelle in den Eingangshallen, Space-Dekorationen in den Konferenzräumen – man hätte meinen können, sie bereiteten eine Mondlandung vor und nicht den Verkauf einer Aktie.
Dabei zeigt ein Blick auf die Zahlen ein weniger galaktisches Bild. SpaceX wird mit dem 90-fachen seines Jahresumsatzes bewertet. Selbst Technologiegrößen wie Apple oder Nvidia wirken daneben plötzlich wie Sonderangebote im Sommerschlussverkauf. Morningstar hält die Aktie für deutlich überbewertet und sieht einen fairen Wert bei weniger als der Hälfte des Ausgabepreises. Doch wer möchte sich schon von Mathematik die Stimmung verderben lassen?
Hinzu kommt ein Detail, das in der Euphorie fast untergeht: Elon Musk kontrolliert auch nach dem Börsengang weiterhin mehr als 80 Prozent der Stimmrechte. Wer also Aktien kauft, erwirbt im Wesentlichen das Recht, Musk bei seinen Entscheidungen zuzusehen. Mitsprache gibt es ungefähr so viel wie auf einem Raketenstartplatz fünf Sekunden vor dem Countdown.
Die eigentliche Sensation ist ohnehin nicht der Börsengang, sondern die Erkenntnis, dass Anleger bereit sind, heute Billionen zu bezahlen für Gewinne, die vielleicht irgendwann, möglicherweise und unter optimalen Bedingungen im Jahr 2028 oder später entstehen könnten.
Doch an der Börse gilt seit jeher: Solange die Rakete steigt, will niemand über Treibstoff reden. Erst wenn sie wieder landet, stellt sich die Frage, ob wirklich eine Reise zum Mars geplant war – oder nur ein sehr teurer Ausflug in die Umlaufbahn der Fantasie.
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