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WM in Kanada: Wenn man gegen sich selbst jubeln muss

jorono (CC0), Pixabay
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Für die meisten Fußballfans ist die Sache bei einer Weltmeisterschaft ziemlich einfach: Man zieht das Trikot seines Landes an, schwenkt die Fahne und hofft, dass die gegnerische Mannschaft möglichst früh den Heimflug buchen darf.

In Kanada läuft das etwas komplizierter.

Dort sitzen am Freitag Tausende Menschen vor dem Fernseher und hoffen gleichzeitig auf einen Sieg Kanadas und Bosniens. Oder auf ein Unentschieden. Oder einfach auf gute Stimmung. Willkommen im einzigen Land der Welt, in dem man sich während eines Tores erst einmal fragen muss, ob man überhaupt jubeln darf.

So geht es auch Nikola Vukelic aus Toronto. Geboren in Bosnien, seit Jahrzehnten Kanadier, trägt er beim WM-Auftakt kurzerhand ein Bosnien-Trikot und eine Kanada-Shorts. Diplomatischer wird es selbst bei den Vereinten Nationen selten.

Die perfekte Identitätskrise

Für viele Kanadier ist die Begegnung Kanada gegen Bosnien weniger ein Fußballspiel als eine emotionale Familienaufstellung.

„Wen unterstützt du?“

„Ja.“

Rund 13 Millionen Kanadier haben laut Statistik mehrere kulturelle oder ethnische Wurzeln. Die Weltmeisterschaft wird damit zu einer Art nationalem Persönlichkeitstest.

Grillfest statt Krieg der Fahnen

Besonders entspannt sehen das die bosnisch-kanadischen Brüder Adis und Amir Mrakovic. Sie organisieren vor ihrem Geschäft in Toronto eine riesige WM-Party mit Grill, Musik und mehreren hundert Gästen.

Ihr Traumresultat?

Ein Unentschieden.

Das dürfte vermutlich die einzige WM-Party der Welt sein, bei der beide Fanlager nach dem Schlusspfiff zufrieden nach Hause gehen und gemeinsam noch eine Runde Cevapi bestellen.

Italiener erleben nationales Drama

Etwas schwieriger ist die Lage für die italienische Gemeinde in Toronto.

Viele hatten sich auf das Duell Italien gegen Kanada gefreut. Dann kam Bosnien und ruinierte die Party bereits in der Qualifikation.

Die Reaktion war typisch kanadisch: Fans wurden eingeladen, ihre Italien-Trikots gegen Kanada-Trikots einzutauschen. Als sie erfuhren, dass sie beide behalten dürfen, flossen teilweise Tränen.

In anderen Ländern nennt man das Identitätskonflikt. In Kanada nennt man es Kundenservice.

Die teuerste Umarmung der Welt

Während die Fans ihre kulturelle Vielfalt feiern, erleben sie gleichzeitig die wirtschaftliche Realität der WM.

Tickets kosten mehrere hundert Dollar, Hotels bleiben überraschend leer und viele Kanadier schauen lieber zuhause zu, weil die Eintrittspreise ungefähr auf dem Niveau kleiner Immobilieninvestitionen liegen.

Man könnte sagen: Die WM bringt Menschen zusammen – solange sie sich die Tickets nicht leisten müssen.

Kanada bleibt Kanada

Am Ende zeigt diese Weltmeisterschaft vor allem eines: Kanada ist vermutlich das einzige Gastgeberland, in dem Fans verschiedener Nationen friedlich nebeneinandersitzen, gemeinsam essen, gemeinsam trinken und sich gegenseitig für Tore entschuldigen.

Und wenn Kanada gegen Bosnien spielt, gewinnt am Ende vielleicht tatsächlich jeder.

Außer denjenigen, die für die Eintrittskarten bezahlt haben

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