Gianni Infantino hat seine umstrittenen Investorenpläne gestoppt. Der FIFA-Präsident spricht von einem Schritt im Interesse der Einheit des Fußballs. Doch genau diese Einheit hat er mit dem Vorstoß zuvor selbst schwer belastet. Die Frage steht deshalb im Raum: Reicht der Rückzug des Projekts – oder ist auch Infantinos Autorität beschädigt?
Die FIFA wollte mit der geplanten Struktur FIFA Forward Enterprise offenbar privates Kapital in die kommerzielle Verwertung zentraler Wettbewerbe einbinden. Im Zentrum stand die Möglichkeit, Teile der kommerziellen Rechte rund um die Weltmeisterschaft zu monetarisieren. Kritiker sahen darin nichts weniger als den Einstieg privater Investoren in das wertvollste Gut des Weltfußballs.
Nun ist das Vorhaben vom Tisch. Infantino erklärte, nach Anhörung aller Standpunkte sei deutlich geworden, dass das Projekt Spaltungen ausgelöst habe, die nicht mehr im Interesse des ursprünglichen Ziels lägen. Das klingt nach Einsicht. Es klingt aber auch nach Schadensbegrenzung.
Denn der Widerstand war massiv. Die UEFA hatte sogar einen Boykott künftiger Weltmeisterschaften ins Spiel gebracht, falls die FIFA an den Plänen festhält. Auch Verbände aus Asien und Amerika gingen auf Distanz. Wenn die wichtigsten Fußballregionen der Welt gegen den Kurs des FIFA-Präsidenten aufstehen, ist das kein normaler Meinungsstreit mehr. Es ist eine Führungskrise.
Infantino kann für sich reklamieren, dass er den Konflikt nicht weiter eskalieren ließ. Der Rückzug verhindert zunächst eine historische Spaltung des Weltfußballs. Doch politisch bleibt die Niederlage schwer. Ein FIFA-Präsident, der ein solches Projekt auf den Weg bringt und erst unter massivem Druck stoppt, muss sich fragen lassen, wie es überhaupt so weit kommen konnte.
Die entscheidenden Fragen sind nicht erledigt: Warum wurde ein derart sensibles Modell überhaupt verfolgt? Wer war eingebunden? Welche Rolle sollten private Investoren tatsächlich erhalten? Warum entstand der Eindruck, über den Kopf großer Verbände hinweg werde an der Zukunft der Weltmeisterschaft gebaut? Und warum brauchte es erst Boykottdrohungen, bevor die FIFA den Kurs korrigierte?
Infantino wird versuchen, den Rückzug als Beleg seiner Dialogbereitschaft zu verkaufen. Das ist sein gutes Recht. Aber Führung bedeutet nicht nur, auf Widerstand zu reagieren. Führung bedeutet auch, frühzeitig zu erkennen, wann ein Vorhaben die Grundsubstanz des eigenen Systems gefährdet.
Die Weltmeisterschaft ist mehr als ein kommerzielles Produkt. Sie ist das wichtigste Symbol des internationalen Fußballs. Wer an ihren Rechten rüttelt, rüttelt an einem emotionalen Besitzstand von Verbänden, Spielern und Fans. Genau deshalb war der Widerstand so heftig.
Muss Infantino also jetzt gehen? Formal vermutlich nicht sofort. Politisch aber ist die Frage berechtigt. Der Rückzug des Projekts löst das Problem nicht vollständig, sondern verschiebt es auf die Ebene des Vertrauens. Kann Infantino die Verbände wieder zusammenführen? Kann er glaubhaft erklären, dass solche Pläne nicht erneut durch die Hintertür kommen? Kann er Transparenz herstellen?
Wenn ihm das gelingt, übersteht er diese Krise. Wenn nicht, wird der gestoppte Investorendeal nicht als Fehler in seiner Amtszeit gelten, sondern als Wendepunkt gegen ihn.
Für den Moment hat Infantino das Projekt geopfert, um sein Amt zu stabilisieren. Doch der Schaden ist angerichtet. Die FIFA hat gesehen, dass ihre mächtigsten Mitglieder bereit sind, sich offen gegen den Präsidenten zu stellen. Das verändert die Machtverhältnisse.
Der Fußball braucht jetzt keine Beschwichtigungsformeln, sondern Aufklärung. Wer die WM als gemeinsames Gut erhalten will, muss erklären, warum sie überhaupt zum Objekt eines Investorendeals werden sollte.
Infantino muss nicht zwingend heute gehen. Aber er muss jetzt liefern: Transparenz, Governance-Reform und echte Einbindung der Verbände. Gelingt ihm das nicht, wird aus der Frage „Muss Infantino gehen?“ sehr schnell eine Feststellung: Er kann nicht bleiben.
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