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KI-Wunderkind erlebt Margin Call: Wenn das Situationsbewusstsein plötzlich Citadel heißt

geralt (CC0), Pixabay
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Der KI-Boom hat wieder einmal gezeigt, dass künstliche Intelligenz zwar vieles kann – aber offenbar nicht zuverlässig verhindern, dass ein Hedgefonds mit sehr viel geliehenem Geld sehr schnell sehr nervös wird.

Im Mittelpunkt steht Leopold Aschenbrenner, von US-Medien gerne als eine Art „Wunderkind unter den KI-Investoren“ beschrieben. Sein Hedgefonds trägt den bemerkenswert passenden Namen Situational Awareness – also Situationsbewusstsein. Genau dieses Situationsbewusstsein soll nun allerdings kurzzeitig etwas unterversorgt gewesen sein.

Nach Berichten von CNBC, der „New York Times“ und weiteren US-Medien musste der Fonds nach schiefgelaufenen Wetten auf Chipaktien große Teile seiner Beteiligungen verkaufen. Besonders betroffen waren Aktien aus dem KI- und Halbleiterbereich, also genau jener Markt, in dem in den vergangenen Monaten gefühlt jede Schraube, jeder Serverlüfter und jedes Rechenzentrum zur neuen Goldmine erklärt wurde.

Zu den Positionen soll unter anderem der südkoreanische Chiphersteller SK Hynix gehört haben. Dessen Aktie geriet trotz starker Geschäftszahlen deutlich unter Druck. Wenn eine Aktie nach guten Zahlen fällt, nennt man das an der Börse gern „Erwartungen waren bereits eingepreist“. Im normalen Leben würde man sagen: Alle hatten sich offenbar schon vorher so sehr gefreut, dass für echte Freude kein Platz mehr war.

Der Kursrutsch bei Chipwerten traf Aschenbrenners Fonds offenbar mit voller Wucht. Laut Berichten musste Situational Awareness Beteiligungen im Wert von mehr als zehn Milliarden Dollar veräußern, um frisches Geld zu beschaffen und sogenannte Margenanforderungen zu erfüllen.

Eine Margenanforderung ist der Moment, in dem die Bank höflich, aber sehr bestimmt fragt: „Sie erinnern sich an das geliehene Geld? Wir jetzt auch.“ Wenn die Sicherheiten wegen fallender Kurse schrumpfen, verlangen die Geldgeber frisches Kapital. Wer das nicht hat, muss verkaufen. Schnell. Viel. Und meistens nicht zu den Preisen, die man sich in der Powerpoint-Präsentation einmal sehr schön vorgestellt hatte.

In dieser Situation trat offenbar Citadel, der Hedgefonds von Multimilliardär Ken Griffin, als eine Art „weißer Ritter“ auf. Weißer Ritter klingt in der Finanzwelt heroisch, bedeutet aber häufig: Jemand mit sehr viel Geld kauft einem anderen in sehr großer Not Vermögenswerte ab – natürlich nicht, weil er gerade zufällig ein Herz für gestresste Fondsmanager entdeckt hat.

Besonders bitter an der Geschichte ist der Kontrast zwischen Anspruch und Realität. Aschenbrenner hatte sich mit einem viel beachteten 165-seitigen Essay über künstliche allgemeine Intelligenz, Superintelligenz und geopolitische KI-Risiken einen Namen gemacht. Danach sammelte er offenbar erfolgreich Geld für seinen Hedgefonds ein. Die Botschaft klang nach Zukunft: Wer die KI-Zeitenwende versteht, kann auch an ihr verdienen.

Dann kam der Markt und sagte: Moment bitte.

Die Geschichte ist so alt wie die Wall Street selbst. Irgendwo taucht ein sehr junger, sehr kluger Mensch auf, der sehr überzeugend erklärt, warum diesmal alles anders ist. Investoren hören zu, nicken, überweisen Geld und hoffen, beim nächsten großen Ding ganz vorne zu sitzen. Wenige Monate später stellt sich heraus: Auch beim nächsten großen Ding gelten noch immer Schwerkraft, Fremdkapital und Kursverluste.

Dass Aschenbrenner beeindruckende akademische Stationen vorweisen kann, steht außer Frage. Bereits mit 19 Jahren schloss er an der Columbia University in Wirtschaftswissenschaften, Mathematik und Statistik als Jahrgangsbester ab. Später arbeitete er kurz beim FTX Future Fund und anschließend im „Superalignment“-Team von OpenAI. Das ist ein Lebenslauf, bei dem normale Menschen spätestens nach der zweiten Zeile prüfen, ob sie versehentlich die Biografie einer Romanfigur lesen.

Doch Kapitalmärkte sind unhöflich. Sie interessieren sich nicht dauerhaft für brillante Essays, Podcastauftritte oder den Mythos vom Wunderkind. Sie fragen nur: Was passiert, wenn der Kurs fällt und die Bank anruft?

Der Fall zeigt auch, wie überhitzt der KI-Sektor inzwischen wahrgenommen wird. Chipaktien wurden in den vergangenen Monaten gefeiert, als hätten sie persönlich die Zukunft erfunden. Jeder wollte dabei sein: Privatanleger, Hedgefonds, institutionelle Investoren und vermutlich auch einige Menschen, die bis vor kurzem noch nicht wussten, was ein Grafikprozessor ist.

In Südkorea führte die extreme Volatilität inzwischen sogar dazu, dass der Markt scherzhaft als „Squid-Game-Markt“ bezeichnet wird. Der Vergleich ist nicht völlig aus der Luft gegriffen: Auch dort geht es um große Gewinne, hohe Risiken und Teilnehmer, die irgendwann feststellen, dass die Regeln weniger freundlich sind, als es anfangs aussah.

Für Aschenbrenner ist die Geschichte möglicherweise nicht das Ende seiner Karriere. Die Finanzwelt hat ein erstaunlich kurzes Gedächtnis, wenn jemand jung, klug und medienwirksam genug ist. Wer heute noch als Beispiel für zu viel Risiko gilt, kann morgen schon wieder als „geläuterter Visionär“ auf einer Konferenz sitzen und erklären, was er aus der Krise gelernt hat.

Für Anleger bleibt dennoch eine einfache Lehre: Künstliche Intelligenz mag die Welt verändern. Aber sie hebt nicht automatisch die Gesetze der Börse auf. Wer mit geliehenem Geld auf gehypte Aktien setzt, braucht nicht nur Situationsbewusstsein, sondern auch Liquidität, Risikomanagement und im Zweifel einen sehr freundlichen weißen Ritter.

Oder kürzer gesagt: Superintelligenz ist schön. Aber ein Margin Call liest keine Essays.

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