Startseite Allgemeines Mexikanische Kartelle verlagern Meth-Produktion nach Westafrika
Allgemeines

Mexikanische Kartelle verlagern Meth-Produktion nach Westafrika

Sunriseforever (CC0), Pixabay
Teilen

Razzien in Nigeria zeigen, wie internationale Drogenkartelle ihre Lieferketten neu organisieren. Westafrika dient längst nicht mehr nur als Transitregion: Abgelegene Labore sollen Methamphetamin für Märkte in Europa und Asien produzieren – zunehmend unter Beteiligung mexikanischer Spezialisten.

In einem abgelegenen Waldgebiet im westnigerianischen Bundesstaat Ogun bot sich Ermittlern ein ungewöhnliches Bild: Zwischen Chemikalienbehältern, Gasflaschen und unfertigen Gebäuden fand eine Gerichtsverhandlung statt. Ein Bundesrichter, Anwälte und Sicherheitskräfte waren eigens zu einem mutmaßlichen Methamphetaminlabor gereist, um sich vor Ort ein Bild vom Umfang der Anlage zu machen.

Drei Mexikaner und sieben Nigerianer müssen sich dort wegen des Verdachts verantworten, gemeinsam eine groß angelegte Produktionsstätte für Methamphetamin betrieben zu haben. Bei der Razzia im Mai 2026 wurden nach Angaben der nigerianischen Drogenbekämpfungsbehörde NDLEA mehr als zwei Tonnen der synthetischen Droge entdeckt. Der geschätzte Wert: rund 360 Millionen Dollar.

Die Behörde sprach vom größten Methamphetaminfund in der Geschichte Nigerias und von einem hoch entwickelten nigerianisch-mexikanischen Produktionsnetzwerk. Nur einen Monat später stießen Ermittler im benachbarten Bundesstaat Oyo auf ein weiteres verstecktes Labor. Unter den fünf Festgenommenen befand sich laut NDLEA erneut ein mexikanischer Spezialist für die Herstellung der Droge.

Von der Transitroute zum Produktionsstandort

Die Fälle stehen für eine grundlegende Veränderung des internationalen Drogenhandels. Westafrika galt lange vor allem als Umschlagplatz für Kokain aus Lateinamerika, das über den Atlantik nach Europa transportiert wird. Inzwischen wird die Region offenbar zunehmend selbst zum Produktionsstandort für synthetische Drogen.

Anders als Kokain oder Heroin ist Methamphetamin nicht an den Anbau bestimmter Pflanzen gebunden. Die Droge kann grundsätzlich überall hergestellt werden, sofern die benötigten Chemikalien, Anlagen und das technische Wissen vorhanden sind. Für kriminelle Organisationen erleichtert dies die Verlagerung ihrer Produktion.

Mexikanische Fachleute, in der Drogenszene häufig als „Köche“ bezeichnet, sollen ihr Wissen inzwischen in Laboren in Afrika und Europa einsetzen. Nach Angaben des für Afrika zuständigen US-Militärkommandos Africom wurden seit 2023 insgesamt 14 mutmaßlich von Mexikanern betriebene Labore auf dem Kontinent ausgehoben. Anlagen seien unter anderem in Mosambik, Kenia, Südafrika und Nigeria entdeckt worden.

Allein 2026 seien fünf solche Labore aufgefallen, vier davon in Nigeria. US-Behörden bringen zumindest einen Teil der Anlagen mit dem Sinaloa-Kartell und dem Jalisco-Kartell Neue Generation in Verbindung. Unabhängig überprüft sind diese Zuordnungen jedoch nur begrenzt; sie beruhen auf Erkenntnissen amerikanischer und afrikanischer Sicherheitsbehörden.

Kürzere Wege nach Europa und Asien

Die Produktion in Westafrika bietet den Drogenorganisationen mehrere strategische Vorteile. Von der Atlantikküste aus lassen sich europäische Häfen vergleichsweise schnell erreichen. Gleichzeitig liegt die Region näher an wichtigen Absatzmärkten in Asien als klassische Produktionsstandorte in Mexiko.

Durch die Verlagerung der Labore können Kartelle Transportwege verkürzen und Risiken verteilen. Statt fertiges Methamphetamin über mehrere Kontinente zu schmuggeln, können Ausgangsstoffe und Fachpersonal an neue Standorte gebracht werden. Die Droge wird anschließend näher an den Zielmärkten produziert.

Hinzu kommen durchlässige Grenzen, große Hafenanlagen und teilweise schwach kontrollierte Importe von Industriechemikalien. Abgelegene Waldgebiete erleichtern es, Produktionsstätten vor Behörden und Anwohnern zu verbergen. Gleichzeitig sind Arbeitskräfte vergleichsweise günstig verfügbar.

Ermittler gehen davon aus, dass die Kartelle nicht nur Europa im Blick haben. Auch Ost- und Südostasien gelten als besonders lukrative Märkte. Dort erreichten die Sicherstellungen von Methamphetamin 2024 nach Angaben der Vereinten Nationen einen Rekordstand. In Europa nahm der Konsum zwischen 2014 und 2024 laut UN-Drogenbüro deutlich zu.

Afrika wird selbst zum Absatzmarkt

Die neuen Labore bedienen allerdings nicht ausschließlich internationale Lieferketten. Mit der wachsenden Produktion steigt auch das Risiko, dass sich Methamphetamin stärker auf afrikanischen Märkten verbreitet.

In Ländern wie Kenia, Tansania und Südafrika ist die Droge bereits weit verbreitet. In Südafrika wird kristallines Methamphetamin häufig als „Tik“ bezeichnet. Auch in Nigeria befürchten Behörden einen wachsenden lokalen Konsum.

Eine nationale Erhebung aus dem Jahr 2018 kam zu dem Ergebnis, dass 14,4 Prozent der erwachsenen Bevölkerung Nigerias bereits illegale Drogen konsumiert hatten. Die Quote lag damit deutlich über dem damals geschätzten weltweiten Durchschnitt. Nigerias junge und schnell wachsende Bevölkerung macht das Land aus Sicht der Ermittler nicht nur als Produktionsstandort, sondern auch als möglichen Absatzmarkt attraktiv.

Methamphetamin erzeugt einen intensiven und lang anhaltenden Rausch. Der Konsum kann jedoch schwere körperliche und psychische Folgen haben, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Mangelernährung, Depressionen und starke Abhängigkeit. Beim Injizieren steigt zudem das Risiko für Infektionskrankheiten.

Druck auf traditionelle Routen

Nach Einschätzung nigerianischer und amerikanischer Sicherheitsvertreter könnte auch der wachsende Verfolgungsdruck in Lateinamerika zur Verlagerung der Produktion beitragen. Seit seiner Rückkehr ins Weiße Haus 2025 hat US-Präsident Donald Trump den Kampf gegen mexikanische Kartelle verschärft.

Strengere Kontrollen entlang traditioneller Schmuggelrouten erhöhen für kriminelle Organisationen die Kosten und Risiken. Die Produktion in Afrika ermöglicht es ihnen, einzelne Abschnitte der bisherigen Lieferketten zu umgehen.

Allerdings sind mexikanische Kartelle nicht erst seit Kurzem in Afrika aktiv. Nach Angaben von US-Ermittlern unterhalten große Organisationen wie das Sinaloa- und das Jalisco-Kartell seit den 1990er-Jahren Verbindungen auf den Kontinent. Neu ist vor allem der Umfang der mutmaßlichen Produktionsaktivitäten.

Afrikanische Staaten stehen damit vor einer doppelten Herausforderung: Sie müssen verhindern, dass ihre Häfen und Grenzen als internationale Schmuggelkorridore genutzt werden, und zugleich gegen eine wachsende Zahl lokaler Produktionsstätten vorgehen.

Die nigerianische Drogenbehörde setzt dabei verstärkt auf internationale Geheimdienstinformationen, Überwachung und gemeinsame Ermittlungen. Die ungewöhnliche Gerichtsverhandlung inmitten des mutmaßlichen Labors sollte nach Angaben der Behörde deutlich machen, wie professionell die Anlagen inzwischen aufgebaut sind.

Die jüngsten Funde zeigen: Der globale Methamphetaminhandel verläuft nicht mehr ausschließlich von Lateinamerika zu weit entfernten Absatzmärkten. Die Kartelle bauen offenbar ein dezentraleres System auf, in dem Westafrika gleichzeitig als Produktionsort, Transitregion und wachsender Absatzmarkt dient.

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Bundesliga aktuell: Bayern beendet Transfergerüchte, Werder meldet Rückkehrer und Hoffenheim verleiht Orban

In der Vorbereitung auf die Bundesliga-Saison 2026/27 haben mehrere Vereine neue Personalentscheidungen...

Allgemeines

Dynamo Dresden:Auf dem Papier Weltklasse, am Sonnabend wissen wir mehr

Es ist wieder so weit: Die Saison hat noch nicht begonnen, aber...

Allgemeines

Demokratie retten – am besten ohne Wähler

Ist das der richtige Weg, gegen die AfD vorzugehen? Offenbar hat Niedersachsen...

Allgemeines

USA:Keine Einreise für Roboter aus China

Die US-Regierung verschärft den Technologiekonflikt mit China. Neue humanoide und vierbeinige Roboter...