Die Weltwirtschaft schreibt derzeit eines ihrer absurdesten Kapitel: Die Straße von Hormus, eine der wichtigsten Öl-Autobahnen der Erde, ist seit Monaten durch Krieg und Blockaden massiv eingeschränkt – und trotzdem drehen die Zapfsäulen der Welt noch halbwegs normal weiter.
Eigentlich hätten die Ölpreise längst durch die Decke gehen müssen. Analysten warnten vor einem Horrorszenario, bei dem das schwarze Gold auf 150 Dollar oder mehr pro Barrel schießt. Stattdessen pendelt der Preis derzeit um die 90 bis 100 Dollar.
Wie geht das?
Offenbar hat die Ölindustrie eine Fähigkeit entwickelt, die man sonst nur aus Agentenfilmen kennt: Unsichtbar werden.
Die Rückkehr der Geistertanker
Laut Experten verlassen täglich Millionen Barrel Öl den Persischen Golf auf Wegen, die offiziell kaum existieren. Tanker schalten ihre Transponder aus, verschwinden von den Radarschirmen und tauchen später irgendwo mit voller Ladung wieder auf.
Aus modernen Öltankern werden praktisch „Geistertanker“.
Das Prinzip erinnert ein wenig an Jugendliche, die ihren Eltern erklären, sie seien die ganze Nacht bei Freunden gewesen, während das Auto heimlich 300 Kilometer weiter auf einem Festivalparkplatz stand.
Die Blockade mit eingebautem Leck
Während die Weltöffentlichkeit über Blockaden diskutiert, scheint die Realität eher einer schlecht gewarteten Gartenbewässerung zu gleichen. Offiziell ist der Ölfluss stark eingeschränkt. Inoffiziell versickern täglich Millionen Barrel durch allerlei Hintertüren.
Investmentbanken schätzen, dass allein die geheimen Transporte zuletzt mehr als zwei Millionen Barrel pro Tag ausgemacht haben könnten.
Mit anderen Worten: Die Blockade funktioniert ungefähr so zuverlässig wie ein Regenschirm mit mehreren Löchern.
China räumt den Vorratskeller leer
Noch wichtiger für die relative Ruhe am Ölmarkt ist allerdings China.
Während viele Länder nervös auf den Krieg blicken, öffnet Peking offenbar die Türen seiner gigantischen Ölreserven. Statt massiv nachzukaufen, greift man verstärkt auf Lagerbestände zurück.
China macht also das, was viele Familien tun, wenn das Geld knapp wird: Erst einmal die Vorratskammer leer essen.
Nur dass die chinesische Vorratskammer aus Hunderten Millionen Barrel Rohöl besteht.
Die Märkte spielen Optimismus
Die Börsen reagieren bislang erstaunlich gelassen. Frei nach dem Motto:
„Ja, die wichtigste Ölroute der Welt ist weitgehend lahmgelegt. Aber irgendwie wird es schon gutgehen.“
Man könnte auch sagen: Die Märkte haben beschlossen, kollektiv zu verdrängen.
Das böse Erwachen?
Doch nicht alle Experten teilen die Entspannung.
Während die Geistertanker nachts durch die Meere schleichen und China seine Reserven anzapft, schrumpfen die weltweiten Ölbestände. Auch die strategischen Notfallreserven der USA nähern sich bedenklich niedrigen Niveaus.
Einige Analysten warnen bereits, dass die eigentliche Rechnung erst noch kommt.
Sollte sich die Lage weiter verschärfen, könnten Ölpreise von 130 Dollar pro Barrel und Benzinpreise von über fünf Dollar pro Gallone in den USA Realität werden.
Fazit
Derzeit hält die Weltwirtschaft das System mit Improvisation, Geistertankern, Notreserven und einer großen Portion Hoffnung am Laufen.
Oder anders formuliert:
Die Straße von Hormus ist zwar blockiert, aber offenbar genauso dicht wie ein Schweizer Käse. Die Frage ist nur, wie lange dieses erstaunliche Experiment noch funktioniert, bevor die Realität die Rechnung präsentiert.
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