Für Millionen Amerikaner gehört der 11. September 2001 zu jenen Tagen, an denen sie noch Jahrzehnte später genau wissen, wo sie waren und was sie gerade taten. Vier Passagierflugzeuge wurden damals von Terroristen entführt. Zwei Maschinen trafen die Türme des World Trade Centers in New York, eine weitere schlug in das Pentagon ein, die vierte stürzte in Pennsylvania ab.
25 Jahre später wächst jedoch längst eine Generation heran, die an diesen Tag keine eigenen Erinnerungen hat. Die Angehörigen der Generation Z, die üblicherweise den Jahrgängen zwischen 1997 und 2012 zugerechnet werden, waren entweder noch Kleinkinder oder noch gar nicht geboren.
Ihre Erinnerungen beginnen deshalb nicht mit den Anschlägen selbst. Sie erinnern sich vielmehr daran, wann und wie sie zum ersten Mal davon erfuhren.
Wie erklärt man einem Kind Terrorismus?
Die 20-jährige Journalismusstudentin Avery Black von der University of South Carolina hörte erstmals in der Grundschule vom 11. September. Anschließend fragte sie ihre Mutter, was damals passiert war.
Ihre Mutter begann ihr zu erzählen, wo sie sich an jenem Tag befunden hatte. Besonders emotional sei es geworden, als sie von den Feuerwehrleuten sprach, die in die brennenden Türme gegangen waren und nicht mehr zurückkehrten.
Als Kind konnte Black die Dimension der Katastrophe zunächst kaum begreifen. Einzelne Bilder blieben ihr dennoch im Gedächtnis. Dazu gehört die weltbekannte Aufnahme eines Mannes, der aus dem Nordturm des World Trade Centers in die Tiefe stürzt.
Black, die aus Dallas im US-Bundesstaat Texas stammt, erinnert sich außerdem daran, dass Lehrer ihrer Klasse Aufnahmen des damaligen Präsidenten George W. Bush zeigten. Bush befand sich am Morgen der Anschläge in einer Schule in Florida, als er die Nachricht erhielt, dass die USA angegriffen worden waren.
Für die heute 26-jährige Annie Erickson aus North Carolina waren dagegen vor allem persönliche Geschichten entscheidend.
Ihre Mutter wuchs in New York City auf. Sie erzählte ihrer Tochter, dass eine Person aus dem damaligen Wohnhaus der Familie, mit der sie befreundet gewesen sei, bei den Anschlägen auf das World Trade Center ums Leben gekommen sei.
Erickson bemerkte später im Schulunterricht eine Besonderheit: Der 11. September war eines der wenigen historischen Ereignisse, bei denen ihre Lehrer nicht lediglich aus Büchern berichteten. Viele konnten selbst erzählen, wo sie an diesem Tag gewesen waren.
Wie US-Schulen über den 11. September unterrichten
Ein einheitliches System für den Unterricht über die Anschläge gibt es in den Vereinigten Staaten bis heute nicht.
Nach einer Analyse der Nachrichtenagentur Associated Press verlangen oder erwarten 25 US-Bundesstaaten, dass öffentliche Schulen den 11. September im Unterricht behandeln. In 13 weiteren Bundesstaaten ist das Thema optional.
Selbst dort, wo der Unterricht vorgeschrieben ist, gibt es allerdings nicht immer klare Vorgaben darüber, wie ausführlich das Thema behandelt werden muss.
Auch die heute 28-jährige Allegra Tashjian aus Wisconsin erinnert sich an ihren ersten Kontakt mit dem Thema. Sie war in der ersten oder zweiten Klasse, als ihre Lehrerin erklärte, dass der 11. September ein besonders wichtiger und trauriger Tag sei.
Nachdem ein Mitschüler gesagt hatte, an diesem Tag seien Flugzeuge in die Hochhäuser in New York geflogen, wunderte sich Tashjian darüber, warum sie noch nie davon gehört hatte.
Später fragte sie zu Hause ihre Mutter, ob sie sich daran erinnern könne, dass Flugzeuge in New York in Gebäude gestürzt seien. Ihre Mutter habe beim Zusammenlegen der Wäsche kurz innegehalten und ausweichend reagiert.
Tashjian vermutet heute, dass ihre Mutter damals schlicht nicht darüber sprechen wollte.
Vieles erfuhren junge Amerikaner erst durch eigene Recherchen
Mehrere Angehörige der Generation Z berichteten, dass ihnen Schule und Familie zunächst nur einzelne Aspekte der Anschläge vermittelten. Erst Jahre später hätten sie durch eigene Recherchen verstanden, was tatsächlich geschehen war und welche Folgen der 11. September hatte.
Avery Black etwa wusste als Kind zunächst nicht genau, wer hinter den Anschlägen steckte oder was Terrorismus bedeutete.
Gerade einem Kind zu erklären, was ein Terrorist sei und warum Menschen einen solchen Angriff verübten, sei außerordentlich schwierig, sagt sie rückblickend.
Ähnlich ging es dem heute 28-jährigen Jack Coyne. Der aus Connecticut stammende und mittlerweile in Boston lebende Amerikaner beschäftigte sich erst als Teenager intensiver mit den Ereignissen.
Im Alter von etwa 13 oder 14 Jahren sah er sich alte Nachrichtensendungen und Originalaufnahmen an. Erst dabei habe er wirklich erfasst, wie erschütternd und beängstigend die Situation gewesen sein müsse.
Als Erwachsener betrachtet Coyne den 11. September inzwischen differenzierter. Für ihn gehören dazu nicht nur die Opfer der Anschläge selbst, sondern auch die langfristigen gesellschaftlichen und politischen Folgen.
Er verweist insbesondere auf die zunehmende Islamfeindlichkeit in den Vereinigten Staaten nach den Anschlägen sowie auf die zahlreichen Toten in den Kriegen, die in den folgenden Jahren geführt wurden.
Interesse an 9/11 bleibt auch nach 25 Jahren groß
Dass junge Menschen sich weiterhin intensiv mit dem Thema beschäftigen, beobachtet auch David Schanzer, Professor an der Duke University.
Er unterrichtet dort einen Kurs über den 11. September und seine Folgen. Das Interesse ist groß: Der Kurs ist vollständig belegt, weitere Studierende stehen auf einer Warteliste.
Noch vor rund zehn Jahren habe Schanzer geglaubt, das Interesse an dem Thema werde allmählich verschwinden. Mittlerweile sieht er das anders.
Die aktuellen internationalen Krisen hätten vielmehr dazu geführt, dass junge Menschen verstehen wollten, wie sich die Welt in den vergangenen 25 Jahren verändert habe.
Für Schanzer gehört der 11. September zu den entscheidenden globalen Einschnitten des frühen 21. Jahrhunderts – neben der internationalen Finanzkrise und der Corona-Pandemie.
Wer verstehen wolle, warum sich Politik und Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten so entwickelt hätten, müsse sich deshalb auch mit den Anschlägen und ihren Folgen befassen.
Eine Generation mit einem anderen Verhältnis zum 11. September
Trotz des anhaltenden Interesses unterscheidet sich der Umgang der Generation Z mit dem Thema deutlich von jenem älterer Amerikaner.
Mehrere junge Erwachsene berichten, dass in ihrer Generation auch Witze und schwarzer Humor über den 11. September verbreitet seien.
Thomas Schwartz, Professor für Geschichte und Politikwissenschaft an der Vanderbilt University, machte eine ähnliche Beobachtung bei seinen Studierenden.
In einer Diskussion hätten junge Erwachsene der Jahrgänge 2004 und 2005 selbst darauf hingewiesen, dass ihre Generation bei Gesprächen über den 11. September häufig mit Humor reagiere oder das Thema dadurch auf Distanz halte.
Allerdings gebe es regionale Unterschiede. Studierende aus dem Nordosten der Vereinigten Staaten seien häufig vorsichtiger. Viele von ihnen hätten Eltern oder andere Familienmitglieder, die persönliche Erinnerungen an die Anschläge besäßen oder Menschen kannten, die davon unmittelbar betroffen waren.
Auch Annie Erickson sieht Humor teilweise als Mittel zur emotionalen Distanzierung.
Junge Menschen könnten die Dimension eines Ereignisses wie des 11. September kaum vollständig nachvollziehen, weil sie es nicht selbst erlebt hätten. Gleichzeitig könne Humor eine Möglichkeit sein, nicht ständig über die großen Ängste und Unsicherheiten der heutigen Welt nachdenken zu müssen.
Persönliche Geschichten machen das Ausmaß greifbarer
Selbst als Erwachsene fällt es Allegra Tashjian nach eigenen Angaben schwer, sich eine Katastrophe mit Tausenden Todesopfern wirklich vorzustellen.
Große Zahlen bleiben abstrakt. Deshalb helfen ihr persönliche Schicksale mehr als Statistiken.
Die Geschichte eines einzelnen Menschen, einer Familie oder eines Feuerwehrmannes könne das Ausmaß der Anschläge oftmals stärker vermitteln als die bloße Zahl der Opfer.
Genau darin liegt möglicherweise einer der größten Unterschiede zwischen den Generationen.
Für Menschen, die den 11. September selbst miterlebten, sind die Bilder des rauchenden World Trade Centers, die Nachrichtensendungen und die unmittelbare Unsicherheit persönliche Erinnerungen.
Für einen großen Teil der Generation Z ist der 11. September dagegen bereits Geschichte.
Doch seine Folgen sind weiterhin Teil ihrer Gegenwart.
Die Kriege nach den Anschlägen, die Veränderungen der amerikanischen Sicherheits- und Außenpolitik, strengere Kontrollen an Flughäfen, gesellschaftliche Konflikte und die Debatten über Terrorismus und Islamfeindlichkeit haben auch das Leben jener Generation geprägt, die den eigentlichen Tag nicht bewusst erlebt hat.
Gerade deshalb halten Wissenschaftler wie David Schanzer die Beschäftigung mit dem Thema weiterhin für wichtig.
Denn um die Welt von heute zu verstehen, reicht es nicht aus zu wissen, dass am 11. September 2001 vier Flugzeuge entführt wurden und fast 3.000 Menschen starben. Entscheidend ist auch zu verstehen, warum die Anschläge geschahen, wie die Vereinigten Staaten darauf reagierten und wie diese Entscheidungen die Welt in den folgenden 25 Jahren verändert haben.
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