Es ist eine dieser Fußball-Debatten, die eigentlich keiner eröffnen will – und die dann trotzdem sofort da ist.
Deutschland schlägt Serbien mit 2:0, Jürgen Klopp feiert seinen ersten Sieg als Bundestrainer, das Mittelfeld funktioniert prächtig, Florian Wirtz blüht auf, Tom Bischof trifft und Aleksandar Pavlović dirigiert.
Und Joshua Kimmich?
Der sitzt auf der Tribüne.
Schon ist sie da, die Frage, die Bundestrainer Klopp offenbar überhaupt nicht gefällt:
Braucht diese Mannschaft Joshua Kimmich wirklich zwingend?
Klopp sagt sinngemäß: kein Thema.
Marcel Reif fragt ziemlich drastisch, ob man Kimmich plötzlich für eine „Wurst“ halte.
Nein. Natürlich nicht.
Aber vielleicht ist genau das die falsche Fragestellung.
Erst einmal: Kimmich hat sich um die Nationalmannschaft verdient gemacht
Wer über Joshua Kimmich diskutiert, sollte nicht so tun, als hätte dieser Spieler in den vergangenen Jahren zufällig ein Deutschland-Trikot getragen.
Kimmich gehört seit vielen Jahren zum festen Kern der Nationalmannschaft.
Er hat Verantwortung übernommen, als andere sich versteckten. Er hat auf unterschiedlichen Positionen gespielt, sich in schwierigen Phasen vor die Mannschaft gestellt und ist schließlich Kapitän geworden.
Technisch gehört er zweifellos zu den stärksten deutschen Fußballern seiner Generation.
Seine Mentalität ist außergewöhnlich.
Sein Ehrgeiz sowieso.
Und wenn andere nach einem verlorenen Spiel möglichst schnell aus der Mixed Zone verschwinden wollten, war Kimmich häufig einer von denen, die sich den Fragen stellten.
Das verdient Anerkennung.
Ohne Wenn und Aber.
Nur bedeutet Anerkennung für die Vergangenheit im Fußball eben nicht automatisch eine Stammplatzgarantie für die Zukunft.
Und plötzlich spielt Deutschland – einfach Fußball
Genau deshalb war der Auftritt gegen Serbien so interessant.
Das DFB-Team gewann 2:0 und dominierte insbesondere die erste Halbzeit eindrucksvoll.
16:0 Torschüsse standen zwischenzeitlich zu Buche. Tom Bischof erzielte das 1:0, Florian Wirtz legte nach der Pause das zweite Tor nach.
Vor allem aber wirkte das deutsche Mittelfeld erstaunlich selbstverständlich.
Aleksandar Pavlović hielt die Position.
Tom Bischof bewegte sich intelligent zwischen den Räumen.
Florian Wirtz durfte Fußball spielen, anstatt sich ständig irgendwo den Ball tief abzuholen.
Plötzlich war Bewegung da.
Tempo.
Positionswechsel.
Und – vielleicht am wichtigsten – eine gewisse Leichtigkeit.
Man hatte nicht ständig das Gefühl, dass erst einmal jemand erklären müsse, wie der nächste Angriff auszusehen hat.
Es wurde einfach gespielt.
Weniger Brummkreisel, mehr Spielfluss?
Damit sind wir bei der unangenehmen Frage.
Joshua Kimmich will immer den Ball.
Das ist grundsätzlich eine hervorragende Eigenschaft.
Manchmal will er ihn allerdings gefühlt auch dann haben, wenn der Mitspieler gerade selbst eine ziemlich gute Idee damit hätte.
Kimmich organisiert.
Kimmich dirigiert.
Kimmich korrigiert.
Kimmich zeigt.
Kimmich fordert.
Kimmich läuft.
Kimmich redet.
Manchmal entsteht dabei der Eindruck, dass ein Fußballspiel für ihn eine Mischung aus Champions-League-Finale und Vorstandssitzung ist.
Alles muss geregelt werden.
Das kann einer Mannschaft helfen.
Es kann sie aber möglicherweise auch ein wenig einengen.
Gegen Serbien sah man nun ein Mittelfeld, das weniger dirigiert wirkte – und dafür vielleicht etwas freier.
Das ist noch kein Beweis.
Aber es ist eine Beobachtung, über die man durchaus sprechen darf.
Pavlović macht die Dinge erstaunlich unspektakulär
Besonders Aleksandar Pavlović liefert dabei ein interessantes Gegenmodell.
Er braucht offenbar nicht zwanzig Gesten, bevor er einen Pass spielt.
Er steht häufig dort, wo ein Sechser stehen sollte.
Er bekommt den Ball.
Er schaut.
Er spielt.
Fertig.
Das klingt banal.
Im modernen Fußball ist genau diese Klarheit aber ausgesprochen wertvoll.
Pavlović gab dem deutschen Spiel gegen Serbien Struktur, ohne es an sich zu reißen. Vor ihm konnten sich Bischof und Wirtz bewegen.
Und plötzlich entstand etwas, das dem deutschen Spiel in den vergangenen Jahren immer wieder gefehlt hat:
eine erkennbare Aufgabenverteilung.
Nicht jeder musste alles machen.
Wirtz dürfte das gefallen haben
Auch Florian Wirtz wirkte in dieser Konstellation hervorragend aufgehoben.
Klopp betonte nach dem Spiel zwar ausdrücklich, dass man aus dem starken Auftritt keine Kimmich-Debatte machen solle. Die Art und Weise des Spiels habe zu Wirtz gepasst – daraus dürfe man nicht ableiten, dass Wirtz bestimmte Mitspieler benötige.
Das ist aus Sicht eines Bundestrainers nachvollziehbar.
Klopp hat schließlich keinerlei Interesse daran, nach seinem ersten Sieg sofort eine Kapitänsdebatte moderieren zu müssen.
Trotzdem darf der außenstehende Beobachter feststellen:
Wirtz sah gegen Serbien verdammt komfortabel aus.
Und Fußball ist am Ende ziemlich einfach.
Wenn dein kreativster Spieler plötzlich besser aussieht, solltest du zumindest einmal genauer hinschauen, warum.
Marcel Reif will die Debatte gar nicht führen
Marcel Reif hält von der Diskussion wenig.
Sein Argument ist nachvollziehbar: Wenn Deutschland irgendwann gegen Portugal, England, Frankreich oder Spanien bestehen will, braucht es seine besten Spieler.
Und natürlich gehört Kimmich grundsätzlich in diese Kategorie.
Reif verweist außerdem auf dessen enorme Erfahrung und seine Bedeutung als Führungspersönlichkeit.
Alles richtig.
Nur beantwortet das noch nicht vollständig die entscheidende Frage.
Denn die lautet gar nicht:
Ist Joshua Kimmich ein guter Fußballer?
Selbstverständlich ist er das.
Die interessantere Frage lautet:
Ist die deutsche Mannschaft mit Joshua Kimmich automatisch eine bessere Mannschaft?
Das ist keineswegs dasselbe.
Fußball ist keine Sammlung der besten Einzelspieler
Genau hier liegt der Denkfehler vieler Diskussionen.
Eine Nationalmannschaft funktioniert nicht wie ein Panini-Album.
Man klebt nicht einfach die elf vermeintlich besten Einzelspieler auf den Platz und erhält automatisch die beste Mannschaft.
Spielertypen müssen zusammenpassen.
Rollen müssen klar sein.
Räume müssen sinnvoll besetzt werden.
Manchmal kann deshalb ein nominell etwas schwächerer Spieler für eine Mannschaft wertvoller sein als der individuell größere Name.
Das ist keine Geringschätzung des Stars.
Das ist Mannschaftssport.
Und dann kommt noch Kimmichs große Stärke hinzu – die zugleich sein Problem sein kann
Joshua Kimmich will Verantwortung.
Immer.
Das ist einer der Gründe, warum er diese Karriere gemacht hat.
Aber Verantwortung kann im Fußball verschiedene Formen haben.
Man kann eine Mannschaft führen, indem man ständig präsent ist.
Oder indem man Mitspielern Raum gibt.
Vielleicht liegt genau dort die interessante Aufgabe für Jürgen Klopp.
Er muss Kimmich womöglich gar nicht aussortieren.
Vielleicht muss er ihm nur eine präzisere Rolle geben.
Eine Position.
Eine Aufgabe.
Und nicht gleichzeitig fünf.
Das Serbien-Spiel war noch kein Referendum über Kimmich
Bei aller Euphorie sollte man eines nicht vergessen:
Es war ein Spiel.
Deutschland hat Serbien verdient mit 2:0 geschlagen. Es war der erste Sieg unter Jürgen Klopp im dritten Spiel.
Daraus jetzt zu schließen, dass Kimmich grundsätzlich nicht mehr gebraucht werde, wäre unseriös.
Fußball hat schon oft Spieler nach einem guten Spiel auf den Thron gehoben und drei Tage später wieder heruntergeschubst.
Pavlović, Bischof und Wirtz müssen diese Leistung erst einmal wiederholen.
Am besten gegen Gegner, die Deutschland wirklich unter maximalen Druck setzen.
Dann wird man mehr wissen.
Aber Klopp hat jetzt ein wunderbares Problem
Trotzdem hat sich etwas verändert.
Bis zum Serbien-Spiel konnte man argumentieren:
Natürlich spielt Kimmich.
Wer denn sonst?
Diese Frage ist jetzt nicht mehr ganz so leicht zu beantworten.
Denn plötzlich gibt es Alternativen.
Pavlović kann die Sechs spielen.
Bischof kann Dynamik geben.
Wirtz bekommt Freiheit.
Und das Ganze sah nicht nach Notlösung aus.
Es sah nach Fußball aus.
Nach ziemlich gutem sogar.
Damit hat Klopp genau das Problem, das sich jeder Trainer wünscht:
Er hat mehr funktionierende Spieler als freie Plätze.
Kimmich muss sich nicht rechtfertigen – aber vielleicht neu einordnen
Joshua Kimmich muss niemandem mehr beweisen, dass er ein herausragender deutscher Fußballer ist.
Seine Karriere spricht für sich.
Aber auch ein Kapitän darf Konkurrenz bekommen.
Auch ein Kapitän darf taktisch hinterfragt werden.
Und auch ein Kapitän muss akzeptieren, wenn eine Mannschaft in einer bestimmten Konstellation einmal hervorragend funktioniert.
Das ist keine Respektlosigkeit.
Im Gegenteil.
Wer Kimmich ernst nimmt, sollte ihn nicht künstlich vor sportlicher Konkurrenz schützen.
Unser Fazit: Es geht ohne Kimmich – vielleicht sogar ein bisschen besser
Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo zwischen Marcel Reifs Empörung und der aufkommenden Kimmich-Debatte.
Nein, Joshua Kimmich ist selbstverständlich keine „Wurst“.
Er ist einer der erfolgreichsten, erfahrensten und fußballerisch stärksten deutschen Spieler der vergangenen Jahre.
Seine Verdienste für die Nationalmannschaft sind unbestritten.
Aber das Spiel gegen Serbien hat etwas gezeigt, das mindestens genauso wichtig ist:
Deutschland kann auch ohne Joshua Kimmich sehr guten Fußball spielen.
Vielleicht wirkte die Mannschaft sogar etwas freier.
Etwas klarer.
Etwas weniger verkopft.
Das heißt nicht, dass Kimmich draußen bleiben muss.
Es heißt nur, dass seine Anwesenheit nicht länger als alternativlos betrachtet werden sollte.
Und möglicherweise ist genau das sogar gut für ihn.
Denn Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft.
Selbst beim Kapitän.
Unser Fazit nach diesem Abend deshalb mit einem kleinen Augenzwinkern: Es geht auch ohne Kimmich. Und momentan sieht es fast so aus, als könnte es manchmal sogar ein bisschen besser gehen.
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