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Friedrich allein zu Hause – Deutschlands Industrie macht schon mal das Licht aus

Deniz_Turgut (CC0), Pixabay
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Deutschland hat wieder eine dieser Wirtschaftsnachrichten, bei denen man langsam nicht mehr weiß, ob man den Börsenticker liest oder den Abspann einer Fabrikbesichtigung.

Evonik will zwei Werke in Deutschland schließen. Betroffen sind Hamburg mit rund 50 Beschäftigten und Bitterfeld mit etwa 40 Mitarbeitern. Bitterfeld soll im April 2027 dichtmachen, Hamburg Mitte 2027.

Die Begründung klingt wie inzwischen fast überall: schwache Weltwirtschaft, harter internationaler Wettbewerb, Preisdruck und Anlagen, die sich nicht mehr ausreichend rechnen.

Oder, etwas weniger konzernsprachlich formuliert: Anderswo wird offenbar produziert, während wir hier zunehmend darüber diskutieren, unter welchen bürokratischen Bedingungen eine Produktion theoretisch noch möglich wäre.

Evonik möchte seine Aktivitäten künftig an größeren Standorten bündeln. Das soll effizienter sein, Innovationen beschleunigen und die Wettbewerbsfähigkeit stärken.

„Bündeln“ ist dabei eines dieser wunderbaren Wörter der deutschen Wirtschaftssprache. Früher hatte man mehrere Werke. Heute bündelt man. Hinterher steht irgendwo ein abgeschlossenes Werkstor, aber sprachlich klingt es fast nach Teambuilding.

Besonders Bitterfeld bekommt den internationalen Wettbewerb zu spüren. Dort wird hochreines Siliciumtetrachlorid hergestellt, ein Stoff, der unter anderem für Glasfaserkabel, Solarzellen und Computerchips benötigt wird.

Also genau jene Produkte, über die Deutschland regelmäßig Zukunftsstrategien schreibt.

Nur die dazugehörige Produktion findet irgendwann möglicherweise zunehmend woanders statt.

Evonik verweist auf ein steigendes Angebot aus Asien und wachsenden Preisdruck. Die Anlagen in Bitterfeld seien schon länger nicht ausreichend ausgelastet. Die Kunden sollen künftig vom Standort Rheinfelden versorgt werden.

Hamburg trifft es ebenfalls. Die dortigen Aktivitäten für Kosmetik- und Pflegeprodukte wandern nach Essen.

Damit setzt sich ein Trend fort, der inzwischen beinahe schon zum deutschen Wirtschaftsformat geworden ist: Standort schließen, Produktion bündeln, Stellen abbauen, Wettbewerbsfähigkeit beschwören.

Bereits im Juni hatte Evonik angekündigt, weltweit 3200 Stellen abzubauen. 2150 davon in Deutschland.

Man muss diese Zahl kurz wirken lassen.

Von 3200 gestrichenen Jobs weltweit entfallen mehr als zwei Drittel auf Deutschland.

Das ist vermutlich diese neue Form von Standortpatriotismus.

Natürlich liegt nicht jede Werksschließung an Berlin. Unternehmen verändern Strukturen, Märkte verschieben sich, Asien produziert günstiger, Nachfrage schwankt und manche Anlagen sind schlicht nicht mehr wirtschaftlich.

Aber irgendwann wird die Summe der Meldungen interessanter als jede einzelne Begründung.

Hier ein Werk.

Dort ein Zulieferer.

Da 800 Stellen.

Dort 2000.

Hier Insolvenz.

Dort Verlagerung.

Und jedes Mal heißt es anschließend, Deutschland müsse „wettbewerbsfähiger“ werden.

Vielleicht sollte irgendwann jemand herausfinden, warum dieser Satz inzwischen meistens unmittelbar nach der Nachricht kommt, dass gerade wieder ein Stück Wettbewerbsfähigkeit verschwindet.

Der Betriebsrat von Evonik spricht von verantwortungsvollem Umgang und sozialverträglichen Lösungen.

Für die Betroffenen ist das wichtig.

Für einen Beschäftigten, dessen Arbeitsplatz verschwindet, dürfte „sozialverträglich“ allerdings ungefähr so beruhigend klingen wie die Durchsage auf der Titanic, das Wasser werde geordnet auf die einzelnen Decks verteilt.

Und während Politik und Wirtschaft noch über Transformation, Resilienz, Standortstrategien, Zukunftsmärkte und industrielle Wertschöpfungsketten sprechen, werden die Werkstore Stück für Stück abgeschlossen.

Vielleicht sieht Deutschland in ein paar Jahren deshalb erstaunlich ordentlich aus.

Keine störenden Fabriken.

Keine rauchenden Schlote.

Keine Lastwagen vor Werkstoren.

Keine lästigen Produktionshallen.

Und irgendwann sagen wir dann:

Friedrich allein zu Hause.

Er sitzt im Kanzleramt, schaut aus dem Fenster und wundert sich, warum es draußen so angenehm ruhig geworden ist.

Bis jemand vorsichtig erklärt:

„Herr Bundeskanzler, die Industrie hat schon mal Feierabend gemacht.“

Aber keine Sorge.

Die Arbeitsgruppe zur Stärkung des Industriestandorts Deutschland tagt weiterhin planmäßig.

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