In mehreren deutschen Städten sorgt derzeit ein modernes Verkehrskonzept für Aufsehen: Fahrräder können weiterhin luxuriös parken, nur leider weiß niemand mehr so genau, wer sich darum kümmert.
Der Schweizer Betreiber V-Locker ist insolvent. Die Nachricht erreichte die betroffenen Kommunen offenbar per E-Mail – also genau über jenen digitalen Weg, über den zuvor auch die Stellplätze gebucht wurden. Nachhaltigkeit trifft Digitalisierung, anschließend trifft beides das Insolvenzgericht.
Millionenbau sucht Bedienungsanleitung
Besonders frisch ist das Problem in Frankenthal. Dort wurde erst Ende Mai ein schicker Fahrrad-Parkturm am Hauptbahnhof eröffnet. Fast 100 Räder passen hinein, die Buchung läuft per App und das Bauwerk kostete knapp 1,3 Millionen Euro.
Rund 1,25 Millionen Euro steuerte das Land Rheinland-Pfalz bei. Damit wurde ein erheblicher Beitrag zum Klimaschutz geleistet: Das Geld ist weg, der Turm bleibt stehen und bewegt sich keinen Zentimeter.
Die Stadt versichert, die Anlage könne weiterhin genutzt werden. Wie lange, unter welcher Betreuung und was passiert, wenn sich die Technik verschluckt, scheint derzeit eher eine philosophische Frage zu sein.
Hoffnung auf den nächsten Betreiber
Der Frankenthaler CDU-Fraktionsvorsitzende Martin Schuff zeigt sich zuversichtlich, dass sich schnell eine Nachfolgefirma findet. Alles andere wäre schließlich „völlig unsinnig“.
Das stimmt. Noch unsinniger wäre höchstens, einen millionenteuren digitalen Fahrradschrank zu bauen, dessen Betreiber kurz nach der Eröffnung zahlungsunfähig wird.
Schuff rechnet nicht damit, dass der Turm zur Ruine wird. Das ist beruhigend. Für einen Neubau, der erst wenige Wochen alt ist, liegt die Latte damit erfreulich niedrig.
Parken zum Schnäppchenpreis
Zuletzt kostete eine Stunde im Frankenthaler Turm 25 Cent, für ein E-Bike 30 Cent. Der ganze Tag war für einen Euro zu haben.
Bei solchen Preisen brauchte das Geschäftsmodell offenbar vor allem eines: sehr viele Fahrräder, die sehr lange und möglichst gleichzeitig parken.
Für 1,3 Millionen Euro Baukosten hätte theoretisch allerdings auch jeder Stellplatz ein eigenes kleines Reihenhaus bekommen können – ohne App, aber vermutlich mit Vorgarten.
Die App schweigt
V-Locker teilte inzwischen mit, die Anlagen nicht mehr betreiben und technisch betreuen zu können. Störungen und Anfragen würden derzeit ebenfalls nicht bearbeitet.
Das ist bei automatisierten Parksystemen ungünstig. Schließlich möchte niemand sein Fahrrad in einer digital vernetzten Box abstellen und anschließend erfahren, dass der zuständige Algorithmus gerade Insolvenzurlaub macht.
2019 war das Unternehmen mit dem Ziel gestartet, das Radfahren im Alltag einfacher zu machen. Aktuell besteht die Vereinfachung vor allem darin, dass Kunden keine Antworten mehr auf ihre Fragen erhalten.
Auch Bonn räumt die Boxen
Betroffen sind unter anderem Anlagen in Halle, Mühlacker und Bonn. In Bonn entstanden an mehreren Standorten insgesamt 280 Parkboxen. Das Projekt kostete rund drei Millionen Euro, etwa die Hälfte davon kam aus EU-Fördermitteln.
Die Bonner Stadtwerke fordern die Nutzer nun auf, ihre Fahrräder vorsorglich abzuholen.
Das ist nachvollziehbar. Wer sein Rad nicht rechtzeitig befreit, könnte sonst künftig neben einem neuen Betreiber auch einen Schlüsseldienst, einen Softwareentwickler und einen Insolvenzverwalter benötigen.
Nachhaltig gebaut, vorläufig betreiberfrei
Wie es mit den Anlagen weitergeht, ist offen. Die Städte suchen nach neuen Lösungen und hoffen auf Unternehmen, die bereit sind, die digitale Fahrradgarage zu übernehmen.
Bis dahin stehen die Türme und Boxen als Denkmäler einer besonders modernen Verkehrspolitik herum: öffentlich gefördert, per App gesteuert und schon kurz nach der Eröffnung auf der Suche nach einem neuen Geschäftsmodell.
Das Fahrrad gilt weiterhin als Verkehrsmittel der Zukunft. Nur beim Parken ist diese Zukunft offenbar bereits abgelaufen.
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