Die Biennale von Venedig gilt als die Olympiade der Kunstwelt. Dieses Jahr erinnert sie allerdings eher an eine Mischung aus geopolitischem Krisengipfel, Performancekunst und Twitter-Kommentarspalte mit Aperol Spritz.
Für Aufsehen sorgt vor allem die Rückkehr Russlands zur Biennale – erstmals seit Beginn des Großangriffs auf die Ukraine. Während im russischen Pavillon experimentelle Klanginstallationen und ein umgedrehter Baum präsentiert werden, demonstrieren draußen Pussy Riot und FEMEN mit Rauchfackeln, Sprechchören und pinken Sturmhauben gegen die Teilnahme.
„Russia kills! Biennale exhibits!“, schrien die Aktivistinnen vor dem Pavillon. Ein Plakat fasste die Stimmung zusammen: „Kuratiert von Putin – inklusive Leichen.“
Die Kunstwelt steht damit vor ihrer Lieblingsfrage: Wo endet kultureller Austausch und wo beginnt das Hochglanz-Rebranding eines Kriegsstaates? Oder einfacher gesagt: Kann man gleichzeitig gegen Imperialismus sein und im VIP-Bereich Champagner trinken?
Die EU-Kommission findet die russische Rückkehr jedenfalls problematisch und droht damit, Fördergelder zu streichen. Italiens Kulturminister boykottiert die Veranstaltung gleich ganz. Vizepremier Matteo Salvini dagegen verteidigt die Teilnahme Russlands mit den Worten: „Kein Pavillon sollte ausgeschlossen werden.“ Ein Satz, der deutlich staatsmännischer klingt, wenn man vergisst, dass Salvini einst freiwillig im Putin-T-Shirt am Roten Platz posierte.
Biennale-Präsident Pietrangelo Buttafuoco beklagt wiederum eine „Laboratorium der Intoleranz“. Kunst dürfe keine Pässe kontrollieren. Kritiker entgegnen allerdings: Russland kontrolliert derzeit lieber Grenzen mit Raketen.
Auch Israel steht unter Druck. Vor dem israelischen Pavillon protestierten Aktivisten gegen einen angeblichen „Genocide Pavilion“. Die Biennale entwickelt sich damit endgültig zur einzigen Veranstaltung weltweit, bei der man gleichzeitig über Dekolonialisierung diskutieren, veganen Prosecco trinken und Tränengas riechen kann.
Besonders bitter wirken die Plakate, die überall in Venedig auftauchten: fiktive Veranstaltungen mit ukrainischen Künstlern und Autoren, die inzwischen tot sind. Darunter der Stempel: „Cancelled. Because the author was killed by Russia.“ Selten wurde das Wort „Programmänderung“ so makaber konkret.
Im russischen Pavillon selbst gibt man sich derweil entspannt. „Das ist unser Haus“, erklärt die offizielle Kommissarin Anastasia Karneeva und möchte über Politik lieber nicht sprechen. Auch nicht darüber, dass ihr Vater bei Rostec arbeitet – jenem russischen Rüstungskonzern, der ungefähr so viel mit Frieden zu tun hat wie Wladimir Putin mit Gewaltenteilung.
Nur wenige Meter weiter hängt das Werk der ukrainischen Künstlerin Zhanna Kadyrova: ein Betondeer, mit Gurten an einem Kran befestigt. Das Kunstwerk musste aus Pokrowsk evakuiert werden, bevor russische Truppen die Stadt erreichten. Eine Installation über Verlust, Flucht und zerstörte Heimat – direkt neben einem russischen Pavillon, der erklärt, Kunst und Krieg hätten nichts miteinander zu tun.
Die Biennale beweist damit einmal mehr: In der internationalen Kunstszene kann man offenbar alles gleichzeitig sein – moralisch empört, politisch neutral und sponsorentauglich.
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