Startseite Allgemeines Englands WM-Traum platzt gegen Argentinien – Kritik an Tuchels Taktik wächst
Allgemeines

Englands WM-Traum platzt gegen Argentinien – Kritik an Tuchels Taktik wächst

jorono (CC0), Pixabay
Teilen

England führt im Halbfinale, zieht sich anschließend zurück und verliert mit 1:2. Nach dem bitteren Aus gegen Argentinien stehen vor allem die Wechsel und die defensive Ausrichtung von Trainer Thomas Tuchel in der Kritik.

Englands Fußball-Nationalmannschaft hat den Einzug in das Finale der Weltmeisterschaft 2026 verpasst. Im Halbfinale unterlag das Team von Trainer Thomas Tuchel Argentinien mit 1:2. Der Titelverteidiger trifft nun im Endspiel auf Spanien, während England am Samstag gegen Frankreich um Platz drei spielt.

Besonders schmerzhaft ist die Niederlage, weil England zunächst führte und nur wenige Minuten vom ersten WM-Finale der Männer seit 1966 entfernt war. Nach dem Führungstreffer verlagerte die Mannschaft ihren Schwerpunkt jedoch zunehmend auf die Defensive.

Argentinien übernahm daraufhin die Kontrolle, erhöhte den Druck und drehte die Partie. Nach dem Schlusspfiff konzentrierte sich die Diskussion deshalb schnell auf Tuchels taktische Entscheidungen.

Der deutsche Trainer erklärte, er bereue seine Wechsel und die grundsätzliche Herangehensweise nicht. Zahlreiche Experten, ehemalige Spieler und Fans sehen das anders.

Defensive Wechsel bringen Argentinien zurück

Tuchel versuchte in der Schlussphase, die knappe Führung durch zusätzliche defensive Stabilität zu schützen. Statt weiter auf ein zweites Tor zu drängen, zog sich England weiter zurück und überließ Argentinien zunehmend den Ball.

Eine Spielerin und Trainerin von Cambridge United Women bezeichnete die taktischen Entscheidungen in den letzten 20 Minuten als kaum nachvollziehbar. England habe zu diesem Zeitpunkt noch Schwung gehabt und hätte versuchen sollen, den Vorsprung auszubauen.

Auch frühere Nationalspieler kritisierten, dass England den Einfluss von Lionel Messi nicht ausreichend begrenzte. Der inzwischen 39-Jährige sei zwar nicht mehr besonders schnell, könne eine Partie mit seiner Übersicht und seinen Pässen aber weiterhin entscheiden.

Als Messi auf der rechten Seite zunehmend die Kontrolle übernahm, hätte England enger an ihm verteidigen oder einen Spieler ausdrücklich mit seiner Bewachung beauftragen müssen, lautete die Kritik.

Tuchel selbst verwies nach dem Spiel darauf, dass Trainer solche Entscheidungen unterschiedlich beurteilen könnten. Das Ergebnis gibt seinen Kritikern dennoch Argumente: Der Versuch, den Vorsprung abzusichern, führte nicht zur gewünschten Kontrolle, sondern verstärkte den argentinischen Druck.

Fehlende Kontrolle statt fehlender Einsatz

In der Analyse ging es nicht nur um die Wechsel. England verlor in der zweiten Halbzeit zunehmend die Fähigkeit, den Ball in den eigenen Reihen zu halten und das Tempo des Spiels zu bestimmen.

Der frühere englische Nationaltorwart David James erklärte, nicht fehlende Schnelligkeit sei das Hauptproblem gewesen, sondern der mangelnde Ballbesitz. England habe nach der Pause keine Kontrolle mehr über die Partie gehabt.

Andere Beobachter sehen dennoch strukturelle Geschwindigkeitsprobleme im Kader. Abgesehen von den Flügelspielern verfüge die Mannschaft vor allem im Mittelfeld und in der Defensive über zu wenig Tempo, um nach Ballgewinnen schnell umzuschalten.

Dadurch fehlte nach dem Rückzug ein Spieler, der lange Bälle aufnehmen, Konter einleiten und die argentinische Abwehr beschäftigen konnte.

Harry Kane ist für diese Rolle nur bedingt geeignet. Der Kapitän lässt sich traditionell tief fallen, beteiligt sich am Spielaufbau und hilft bei Bedarf auch in der Defensive. Als schneller Zielspieler für Entlastungsangriffe ist er jedoch nicht vorgesehen.

Genau das wurde England in der Schlussphase zum Problem. Die Mannschaft verteidigte tief, hatte aber kaum Möglichkeiten, sich nach Ballgewinnen dauerhaft aus dem Druck zu befreien.

Kane möglicherweise vor seinem letzten WM-Auftritt

Für Harry Kane könnte die Niederlage besonders schwer wiegen. Der Stürmer wird bei der nächsten Weltmeisterschaft 36 Jahre alt sein. Ob er dann noch für England spielt, ist offen.

Kane selbst verwies nach dem Ausscheiden auf Lionel Messi als Vorbild. Der Argentinier zeigt auch mit 39 Jahren, dass Erfahrung, Spielverständnis und technische Qualität auf höchstem Niveau weiterhin entscheidend sein können.

Ein früherer Jugendtrainer Kanes bezeichnete das Turnier dennoch als möglicherweise große verpasste Chance. Er lobte dessen Leistungen, Einsatz und Torquote, machte aber deutlich, wie tief die Enttäuschung über das Ausscheiden sitzen dürfte.

Das Spiel um Platz drei gegen Frankreich könnte deshalb Kanes letzter WM-Auftritt für England werden. Sicher ist das allerdings nicht. Seine körperliche Entwicklung, seine Rolle im Verein und der mögliche Umbau der Nationalmannschaft werden darüber entscheiden.

Hohe Erwartungen an Tuchel

Die Kritik an Thomas Tuchel fällt auch deshalb so heftig aus, weil mit seiner Verpflichtung ein besonderes Versprechen verbunden war.

Der frühere Champions-League-Sieger sollte nicht nur erfolgreiche Ergebnisse liefern, sondern genau in den entscheidenden Momenten eines großen Turniers den taktischen Unterschied ausmachen. England wollte einen Trainer, der enge K.-o.-Spiele durch mutige Wechsel und klare Entscheidungen gewinnt.

Im Halbfinale trat jedoch genau das Gegenteil ein. Statt mit der Führung im Rücken selbstbewusst weiterzuspielen, wechselte England in einen Verwaltungsmodus, der stark an frühere Turnierniederlagen erinnerte.

Ein BBC-Kommentar zog deshalb einen Vergleich zum früheren Nationaltrainer Gareth Southgate. Eine derart defensive Umstellung wäre unter Southgate vermutlich scharf verurteilt worden. Nun müsse sich auch Tuchel an diesem Maßstab messen lassen.

Für viele Fans war die Enttäuschung besonders groß, weil sie erwartet hatten, unter Tuchel eine Mannschaft mit klarer spielerischer Identität zu sehen. Stattdessen wechselten sich während des Turniers gute Phasen mit vorsichtigen und teilweise schleppenden Auftritten ab.

Forderungen nach Trainerwechsel

In den Reaktionen nach dem Spiel forderten einige Anhänger bereits einen neuen Nationaltrainer. In den sozialen Medien und den Zuschriften an britische Medien wurde unter anderem der Name Pep Guardiola genannt.

Die Kritik lautet, England verfüge weiterhin nicht über eine erkennbare spielerische Identität. Ballbesitz, Aufbauspiel und Kaderzusammenstellung seien während des gesamten Turniers nicht überzeugend genug gewesen.

Andere Stimmen warnen vor einer überstürzten Entscheidung. Tuchel führte England bei seinem ersten großen Turnier immerhin bis ins Halbfinale und damit unter die vier besten Mannschaften der Welt.

Der frühere Nationalspieler Peter Reid sprach sich deshalb für eine Fortsetzung der Zusammenarbeit aus. England habe das Halbfinale erreicht und könne nicht nach jeder Enttäuschung den Trainer wechseln. Tuchel müsse die Möglichkeit erhalten, aus seinen Fehlern zu lernen und das Team bis zur nächsten Europameisterschaft weiterzuentwickeln.

Auch zahlreiche Fans plädierten für Geduld. Ein verlorenes Halbfinale sei schmerzhaft, dürfe aber nicht den gesamten Turnierverlauf entwerten.

Gute Mannschaft, aber noch kein Champion

Die Niederlage gegen Argentinien zeigt erneut die Lücke zwischen Englands individuellem Potenzial und dem letzten Schritt zum Titel.

Der Kader verfügt über internationale Spitzenspieler, große Turniererfahrung und zahlreiche offensive Möglichkeiten. Dennoch gelingt es der Mannschaft weiterhin nicht, entscheidende Spiele über die gesamte Dauer zu kontrollieren.

In Atlanta zeigte England phasenweise eine seiner besten Leistungen des Turniers. Die Mannschaft erarbeitete sich die Führung und brachte Argentinien in Schwierigkeiten. Doch als der Druck zunahm, verlor sie ihren Mut und ihre Ordnung.

Argentinien nutzte diese Schwäche konsequent. Die Mannschaft blieb geduldig, vertraute auf ihre technische Qualität und ließ sich auch vom Rückstand nicht aus dem Konzept bringen.

England dagegen begann, das Ergebnis zu verteidigen, bevor das Spiel gewonnen war.

Zwischen Stolz und Enttäuschung

Bei den Fans überwiegt am Morgen danach die Enttäuschung. Die britischen Zeitungen beschrieben das Ausscheiden mit Begriffen wie „Agonie“, „Herzschmerz“ und „zerbrochen“.

Gleichzeitig ist die Wahrnehmung nicht ausschließlich negativ. England stand erstmals seit 60 Jahren wieder unmittelbar vor dem Einzug in ein WM-Finale. Das Team überstand mehrere schwierige K.-o.-Spiele und brachte ein hochklassiges Argentinien an den Rand einer Niederlage.

Viele Anhänger verwiesen deshalb auch auf den Stolz über das Erreichte. Bei öffentlichen Übertragungen kamen Hunderte Fans zusammen und erlebten trotz des Ergebnisses ein verbindendes Turnier.

Der Fußball habe das Land vereint, erklärte ein Veranstalter nach dem Spiel. Gerade diese enorme emotionale Bedeutung erklärt allerdings auch die Härte der anschließenden Diskussion.

Tuchel bleibt unter Beobachtung

Ob Thomas Tuchel Konsequenzen aus dem Halbfinal-Aus ziehen muss, ist noch offen. Eine sofortige Trennung erscheint angesichts des erreichten Halbfinales nicht zwingend. Die Art der Niederlage wird ihn jedoch noch lange begleiten.

Er muss erklären, warum England nach der Führung aufhörte, aktiv auf das zweite Tor zu spielen. Ebenso muss er Lösungen für die fehlende Kontrolle im Mittelfeld, die Abhängigkeit von Kane und die begrenzten Möglichkeiten bei schnellen Gegenangriffen finden.

Das Spiel um Platz drei gegen Frankreich bietet Gelegenheit, das Turnier mit einem Erfolg abzuschließen. Die grundsätzliche Diskussion wird dadurch aber kaum verschwinden.

England war nah am Finale – vielleicht so nah wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Gerade deshalb wirkt das Ausscheiden besonders bitter: Die Mannschaft verlor nicht, weil sie chancenlos war. Sie verlor, nachdem sie begonnen hatte, eine Führung zu verteidigen, die noch lange nicht sicher war.

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Florida plant erstmals seit 62 Jahren zwei Hinrichtungen an einem Tag

Der US-Bundesstaat Florida will am 28. Juli 2026 erstmals seit mehr als...

Allgemeines

EU-Agrarhilfen in Griechenland: Vier Abgeordnete unter Anklage

Die Europäische Staatsanwaltschaft wirft insgesamt 22 Beschuldigten eine Beteiligung an mutmaßlichem Subventionsbetrug...

Allgemeines

Klage gegen Trump: Sanktionen gegen Weltstrafgericht sollen Meinungsfreiheit verletzen

  Zwei US-amerikanische Organisationen werfen der Regierung vor, mit Strafmaßnahmen gegen den...

Allgemeines

Elf Tote bei Brand in Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung in Algier

In einer Betreuungseinrichtung in der algerischen Hauptstadt ist in der Nacht ein...