Es gibt Tage, da schreibt der TSV 1860 München Geschichte. Und es gibt Tage, da unterschreibt er einen Mietvertrag.
Nach Insolvenz, Zwangsabstieg und dem wirtschaftlichen Ableben der bisherigen Lizenzspielerabteilung dürfen wir Löwenfans nun endlich wieder vorsichtig nach vorne blicken. Sehr vorsichtig. Am besten mit Fernglas. Denn die erste große Erfolgsmeldung der neuen 1860 Spielbetriebs-GmbH lautet: Wir haben ein Stadion.
Also kein eigenes Stadion natürlich. So weit wollen wir die Fantasie nun wirklich nicht strapazieren. Aber immerhin dürfen wir das Grünwalder Stadion für die kommende Regionalligasaison mieten. Rund 500.000 Euro soll der Spaß kosten. Dafür gibt es Rasen, Tribünen und vermutlich sogar Tore. Spieler sind im Preis allerdings nicht enthalten.
Das Präsidium verkündet feierlich, damit seien die „organisatorischen und verbandsrechtlichen Voraussetzungen“ für die Heimspiele geschaffen. Übersetzt bedeutet das: Wir wissen jetzt, wo wir antreten könnten, falls wir irgendwann eine Mannschaft finden.
Das ist bei Sechzig im Jahr 2026 bereits ein bemerkenswerter Fortschritt.
Ein Stadion ohne Mannschaft – auch irgendwie konsequent
Die Spielstätte ist also gesichert. Bleibt nur die unbedeutende Frage, wer dort eigentlich Fußball spielen soll.
Aktuell stehen offenbar fünf Jugendspieler zur Verfügung. Das reicht für eine gepflegte Pokerrunde, eine Basketballmannschaft oder einen sehr offensiven Futsal-Abend. Für ein Fußballspiel über 90 Minuten könnte es dagegen eng werden.
Bis zum 21. Juli muss 1860 im Toto-Pokal antreten. Der Bayerische Fußball-Verband wird vermutlich darauf bestehen, dass dabei nicht nur das Vereinswappen und ein Platzwart auflaufen.
Ein Trainer fehlt ebenfalls. Wobei man fairerweise sagen muss: Bei fünf Spielern könnte sich das Training zunächst auf eine WhatsApp-Gruppe beschränken. „Treffpunkt 17 Uhr, bringt bitte einen Ball und zwei Freunde mit.“
Der Regionalligastart folgt am ersten Augustwochenende. Immerhin hat der Verband den Löwen am ersten Spieltag spielfrei gegeben. Eine ausgesprochen elegante Lösung: Sechzig verliert zunächst keine Punkte und kann sich einige Tage lang ungeschlagen nennen.
Vielleicht drucken wir daraus gleich ein Sondertrikot.
Dauerkarten? Bitte noch einmal bezahlen
Besonders erfreulich ist die Situation für die Fans. Rund 8.000 Dauerkarten wurden bereits für die ursprüngliche Drittligasaison verkauft. Einnahmen: ungefähr vier Millionen Euro.
Diese Dauerkarten gehören nun allerdings zur Insolvenzmasse.
Wer die neuen Regionalliga-Löwen sehen möchte, darf also voraussichtlich noch einmal bezahlen. Das ist konsequente Kundenbindung nach Münchner Löwenart: Einmal zahlen für die Vergangenheit, ein zweites Mal für die Zukunft und zwischendurch hoffen, dass überhaupt jemand spielt.
Andere Vereine verkaufen Dauerkarten für eine Saison. Bei Sechzig erwirbt man damit ein Los in einer wirtschaftsrechtlichen Tombola.
Der Hauptgewinn ist möglicherweise ein Heimspiel.
Natürlich werden viele Fans erneut Geld überweisen. Nicht weil es vernünftig wäre, sondern weil Vernunft und der TSV 1860 München seit Jahrzehnten getrennte Wege gehen. Wer Löwenfan ist, hat längst akzeptiert, dass Liebe gelegentlich bedeutet, denselben Verein mehrfach zu finanzieren.
Der Servicevertrag: Fußball als monatliches Abo
Auch der sogenannte Servicevertrag mit der insolventen Geschäftsstelle ist noch nicht unterschrieben.
Die neue Spielbetriebs-GmbH könnte gegen eine monatliche Gebühr im niedrigen sechsstelligen Bereich auf Personal, EDV und Buchhaltung zugreifen. Also auf jene Infrastruktur, die offenbar nicht verhindern konnte, dass die alte Gesellschaft wirtschaftlich gegen die Wand fuhr.
Das ist ungefähr so, als würde man nach einem Schiffsunglück dieselbe Mannschaft erneut anheuern, weil sie noch weiß, wo die Rettungswesten liegen.
Trotzdem könnte der Vertrag sinnvoll sein. Die neue Gesellschaft müsste nicht bei null anfangen, und der Insolvenzverwalter würde Einnahmen für die Masse erzielen. Bei 1860 ist inzwischen schon eine funktionierende E-Mail-Adresse ein strategischer Wettbewerbsvorteil.
Unterschrieben ist allerdings noch nichts. Das passt ins Gesamtbild. Der Verein besitzt derzeit ein Stadion, aber keine Mannschaft, einen möglichen Servicevertrag ohne Unterschrift und Dauerkarten, die nicht für die kommende Saison gelten.
Man kann nicht behaupten, dass es langweilig wäre.
Und über allem schwebt Hasan Ismaik
Die größte Unsicherheit bleibt Ex-Investor Hasan Ismaik.
Seit 2011 sollen rund 80 Millionen Euro in die Löwen geflossen sein. Wohin genau, darüber könnten vermutlich Wirtschaftshistoriker, Insolvenzrechtler und Archäologen gemeinsam promovieren.
Ismaik lässt sich von Peter Gauweiler vertreten und kündigt nach umfassender Prüfung mögliche rechtliche Schritte an. Verträge, Verpflichtungen und Rechte müssten gewahrt bleiben, heißt es.
Das ist selbstverständlich korrekt. Und trotzdem bekommt der durchschnittliche Löwenfan bei den Worten „Ismaik“, „Anwalt“ und „rechtliche Schritte“ inzwischen denselben Gesichtsausdruck wie andere Menschen bei einer unerwarteten Steuernachzahlung.
Noch wurde keine Klage eingereicht. Das ist nach den Maßstäben der vergangenen Jahre beinahe eine Phase außergewöhnlicher Harmonie.
Vielleicht endet alles friedlich. Vielleicht folgen jahrelange Verfahren. Vielleicht stellt sich irgendwann heraus, dass jemand noch Anteile an der Eckfahne besitzt. Beim TSV 1860 sollte man grundsätzlich keine Entwicklung ausschließen, die komplizierter ist als sportlich notwendig.
Ist das nun die Zukunft?
Beginnt mit dem Mietvertrag tatsächlich die Zukunft des TSV 1860 München?
Vielleicht.
Immerhin gibt es jetzt einen Ort, an dem der Neuaufbau sichtbar werden kann. Das Grünwalder Stadion gehört zur Identität des Vereins. Es ist eng, laut, traditionsreich und chronisch mit politischen, finanziellen und organisatorischen Diskussionen verbunden. Mit anderen Worten: Es passt perfekt zu Sechzig.
Doch ein Mietvertrag ist noch keine Mannschaft. Fünf Jugendspieler sind noch kein Kader. Eine neue GmbH ist noch kein funktionierender Profibetrieb. Und die Begeisterung der Fans darf nicht erneut als unerschöpfliche Geldquelle betrachtet werden.
Der Verein muss jetzt in wenigen Wochen einen Trainer verpflichten, Spieler unter Vertrag nehmen, Karten verkaufen, Strukturen schaffen und die Regionalligalizenz mit sportlichem Leben füllen.
Für normale Klubs wäre das eine kaum lösbare Aufgabe.
Für 1860 München ist es Dienstag.
Und so sitzen wir Löwenfans wieder da, irgendwo zwischen Galgenhumor und vorsichtiger Hoffnung. Wir wissen nicht, wer spielen wird. Wir wissen nicht, in welchen Trikots gespielt wird. Wir wissen nicht, ob alle Verträge rechtzeitig unterschrieben werden.
Aber wir wissen immerhin, wo das alles stattfinden soll.
An der Grünwalder Straße.
Man muss die Erfolge feiern, wie sie kommen.
Hört sich alles an wie der Untergang des römischen Reiches nur die Kampfstätte bleibt die selbe. 🤔