Es ist wieder so weit: Die Saison hat noch nicht begonnen, aber Dynamo Dresden ist praktisch schon durchgerechnet. Der Kader steht früh, die Mannschaft ist eingespielt, die Chefetage schweigt ausnahmsweise in dieselbe Richtung – und irgendwo zwischen Elbe und Großer Garten wird vermutlich bereits heimlich die Tabelle nach dem 34. Spieltag ausgedruckt.
Platz sieben bis elf soll möglich sein, heißt es. Vielleicht sogar mehr, wenn alles gut läuft. Vielleicht aber auch Abstiegskampf, wenn es schlecht läuft.
Das ist natürlich eine gewagte Prognose. In etwa so mutig wie: Wenn Dynamo mehr Tore schießt als der Gegner, könnte es Punkte geben.
Plötzlich sind wir hervorragend vorbereitet
Sportdirektor Sören Gonther hat den Kader früh zusammengestellt. Das allein fühlt sich für langjährige Dynamo-Fans schon verdächtig an. Normalerweise fehlten kurz vor dem ersten Spiel noch ein Rechtsverteidiger, zwei Flügelspieler und jemand, der wusste, wo die Mannschaftsbus-Schlüssel liegen.
Diesmal sieht es tatsächlich ordentlich aus. Thomas Keller, Robert Wagner, Ben Bobzien und Jonas Sterner konnten gehalten werden. Spieler, die den Verein, den Trainer und vermutlich sogar die Schlaglöcher auf dem Trainingsgelände kennen.
Die Mannschaft muss sich also nicht erst Ende Oktober gegenseitig vorstellen. Das ist für Dynamo-Verhältnisse beinahe revolutionär.
Auch in der Breite soll der Kader besser sein. Wobei „Breite“ im Fußball immer ein schönes Wort ist. Entscheidend ist am Ende nicht, wie viele Spieler auf dem Mannschaftsfoto stehen, sondern ob der eingewechselte Flügelmann in der 82. Minute einen vernünftigen Ball in den Strafraum bekommt.
Gonther soll noch Platz für einen weiteren Außenspieler haben. Einen „Schuss frei“, wie es heißt. Hoffentlich trifft der besser als manche Abschlüsse in den vergangenen Jahren.
Der Trainer sitzt fest im Sattel
Thomas Stamm genießt großes Vertrauen. Zu Recht. Der Schweizer arbeitet ruhig, akribisch und ohne jede Woche eine neue Fußballreligion auszurufen. Die Rückrunde war stark, die Mannschaft entwickelte sich, und plötzlich sah manches sogar nach einem Plan aus.
Das macht Hoffnung.
Es macht den erfahrenen Dynamo-Anhänger aber auch nervös. Denn sobald in Dresden alle sagen, dass jetzt endlich Ruhe eingekehrt sei, beginnt man automatisch, nach der versteckten Falltür zu suchen.
Auch in der Vereinsführung ist es derzeit erstaunlich still. Kein öffentlicher Streit, keine durchgestochene Sitzung, kein Funktionär, der zufällig einem Reporter erzählt, was er vom anderen Funktionär wirklich hält.
Vielleicht hat man tatsächlich verstanden, dass ein Fußballverein nicht erfolgreicher wird, wenn interne Befindlichkeiten im Wochentakt durch die Medien getragen werden.
Vielleicht ist aber auch einfach Sommerpause.
Das Auftaktprogramm: Danke für nichts
In Nürnberg, gegen Darmstadt, in Heidenheim und gegen Bochum: Wer diesen Spielplan erstellt hat, wollte offenbar frühzeitig überprüfen, wie belastbar die neue Dresdner Euphorie wirklich ist.
Vier Spiele, vier unangenehme Gegner. Kein gemütliches Hineingleiten in die Saison, kein freundlicher Aufbaugegner, kein kostenloser Gute-Laune-Nachmittag.
Und genau da liegt die Gefahr. Nach der starken Rückrunde träumt das Umfeld schnell. Zwei Siege zum Start, und in Dresden wird über die Bundesliga gesprochen. Zwei Niederlagen, und der erste möchte wissen, ob der Trainer die Kabine noch erreicht.
Dazwischen gibt es traditionell wenig.
Das 1:2 im Test gegen Aufsteiger Cottbus war deshalb gar nicht so schlecht. Ein kleiner Erinnerungszettel zur rechten Zeit: Nur weil der Kader rechtzeitig fertig ist, gewinnt er noch lange nicht automatisch Fußballspiele.
Die Fans müssen ihren Teil leisten
Über die Stimmung im Rudolf-Harbig-Stadion muss niemand diskutieren. Wenn Dynamo spielt, kann dieses Stadion eine Mannschaft tragen, Gegner beeindrucken und selbst einen gewöhnlichen Zweitligakick wie ein europäisches Endspiel klingen lassen.
Aber Leidenschaft ist kein Freifahrtschein.
Nach Vorfällen wie beim Spiel gegen Hertha muss jedem klar sein, dass erneute Eskalationen dem Verein sportlich, finanziell und öffentlich schaden können. Geldstrafen, Zuschauerausschlüsse oder verärgerte Sponsoren helfen weder der Mannschaft noch der viel beschworenen Entwicklung des Vereins.
Wer Dynamo liebt, muss nicht alles brav hinnehmen. Aber er sollte wenigstens vermeiden, dem eigenen Klub die Rechnung für den persönlichen Kontrollverlust zu schicken.
Und was wird aus den eigenen Jungs?
Nach dem Abgang von Stefan Kutschke braucht Dynamo neue Identifikationsfiguren. Spieler, die nicht nur für ein Jahr ausgeliehen sind, sondern dem Verein auch sportlich und wirtschaftlich etwas bringen können.
Friedrich Müller könnte den nächsten Schritt machen. Jonas Oehmichen muss nach seiner Rückkehr zeigen, dass er sich in der zweiten Liga durchsetzen kann. Tony Menzel sammelt Spielpraxis in Essen.
Natürlich sollen die Talente spielen. Aber nicht, weil sie aus Dresden kommen, sondern weil sie gut genug sind. Nachwuchsförderung bedeutet nicht, jeden Eigengewächs-Auftritt automatisch zum romantischen Heimatfilm zu erklären.
Also: Wo landet Dynamo?
Der Kader wirkt stabiler. Der Trainer passt. Die sportliche Leitung hat ihre Hausaufgaben offenbar rechtzeitig erledigt. Die Rückrunde macht Mut, und die Ruhe im Verein ist angenehm.
Das alles steht im Moment auf der Habenseite.
Doch Dynamo wäre nicht Dynamo, wenn man aus einer guten Vorbereitung nicht gleichzeitig Aufstiegshoffnung und Abstiegsangst entwickeln könnte.
Platz sieben bis elf? Möglich.
Abstiegskampf? Ebenfalls möglich.
Ein überraschender Lauf nach oben? Warum nicht?
Nur eines ist sicher: Die Wahrheit steht weder in einer Saisonvorschau noch in einem Tabellenrechner und schon gar nicht in irgendeinem großen Zeitungscheck.
Die Wahrheit liegt auf dem Platz.
Und dort interessiert es Nürnberg herzlich wenig, wie gut Dynamo Ende Juli auf dem Papier ausgesehen hat.
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