Der politische Druck in Deutschland nimmt weiter zu. Während Zehntausende Menschen nach dem historischen AfD-Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt gegen Rechtsextremismus auf die Straße gingen, zeigen neue Umfragen einen dramatischen Vertrauensverlust für Bundeskanzler Friedrich Merz. Gleichzeitig kämpft die deutsche Industrie mit Werksschließungen, Stellenabbau und internationalem Wettbewerbsdruck. Und auf der weltpolitischen Bühne verschärfen sich die Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine.
Merz unter Druck – AfD zieht in Umfragen davon
Die Folgen der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sind längst nicht mehr nur ein regionales Thema.
Bei der Wahl am 6. September hatte die AfD 43,8 Prozent erreicht und war damit mit großem Abstand stärkste Kraft geworden. Die CDU kam lediglich auf 17,2 Prozent. Seitdem wird innerhalb der Union zunehmend darüber diskutiert, wie die Partei auf den Aufstieg der AfD reagieren soll.
Am Samstagabend folgte die nächste schlechte Nachricht für Bundeskanzler Friedrich Merz.
Nach einer aktuellen INSA-Umfrage im Auftrag von „Bild“ halten nur noch 14 Prozent der Befragten Merz für den richtigen Bundeskanzler. 78 Prozent verneinten die Frage. Selbst unter Anhängern von CDU und CSU sehen demnach 58 Prozent Merz kritisch, während 36 Prozent hinter ihm stehen. Umfragen sind Momentaufnahmen und keine Wahlprognosen – die Zahlen zeigen aber, wie stark der politische Druck auf den Kanzler inzwischen geworden ist.
Auch bei der Sonntagsfrage verschiebt sich das politische Kräfteverhältnis. In einer weiteren INSA-Erhebung erreicht die AfD 29 Prozent, CDU und CSU kommen gemeinsam nur noch auf 20 Prozent. Die Grünen liegen bei 14 Prozent, die SPD bei 13 und die Linke bei zehn Prozent. Damit beträgt der Abstand zwischen AfD und Union inzwischen neun Prozentpunkte.
Das ist politisch besonders brisant, weil die Union eine Zusammenarbeit mit der AfD weiterhin ausschließt. Gleichzeitig wächst innerhalb von CDU und CSU der Druck, Antworten auf die Frage zu finden, warum immer mehr Wähler zur AfD wechseln.
Zehntausende demonstrieren gegen die AfD
Parallel zur politischen Krise der Union gingen am Samstag in zahlreichen deutschen Städten Menschen gegen Rechtsextremismus und die AfD auf die Straße.
Berichte sprechen von Demonstrationen in etwa 20 Städten, darunter Berlin, München, Hamburg und Düsseldorf. Allein in Düsseldorf beteiligten sich nach Angaben der Veranstalter und Medienberichten rund 20.000 Menschen an einer Kundgebung unter dem Motto „Kein Schritt zurück! Gegen die AfD und rechte Hetze“.
Damit zeigt sich eine bemerkenswerte politische Polarisierung.
Auf der einen Seite erreicht die AfD historische Wahlergebnisse und steigt auch bundesweit in Umfragen. Auf der anderen Seite mobilisiert ihr Erfolg Zehntausende Gegner auf den Straßen.
Deutschland steht damit zunehmend vor einer politischen Grundsatzfrage: Reicht die bisherige Strategie der Abgrenzung noch aus – oder müssen die etablierten Parteien vor allem die politischen und wirtschaftlichen Ursachen angehen, die viele Wähler zur AfD treiben?
Wirtschaft: Werksschließungen bleiben das Warnsignal
Während sich Berlin mit Umfragen, Koalitionsfragen und der Zukunft der sogenannten Brandmauer beschäftigt, kommen aus der Wirtschaft weiter Warnsignale.
Der Spezialchemiekonzern Evonik will seine Standorte in Hamburg und Bitterfeld schließen. In Hamburg sind rund 50 Beschäftigte betroffen, in Bitterfeld etwa 40. Hamburg soll Mitte 2027 geschlossen werden, Bitterfeld Ende April 2027. Die Geschäfte selbst sollen an größeren deutschen Evonik-Standorten weitergeführt werden.
Evonik begründet den Schritt unter anderem mit zu stark fragmentierten Produktions-, Verwaltungs- und Laborstrukturen sowie mit hohen Kosten und wachsendem internationalen Wettbewerbsdruck.
In Bitterfeld kommt ein weiteres Problem hinzu: Beim dort produzierten hochreinen Siliciumtetrachlorid wächst das Angebot aus Asien. Gleichzeitig seien die Anlagen seit längerer Zeit nicht ausreichend ausgelastet, um wirtschaftlich betrieben werden zu können.
Die Werksschließungen sind zwar nicht erst in der vergangenen Nacht beschlossen worden, gehören aber zur aktuell diskutierten Wirtschaftslage und stehen beispielhaft für ein größeres Problem.
Denn zuletzt wurde bekannt, dass die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland im ersten Halbjahr 2026 auf den höchsten Stand seit 13 Jahren gestiegen ist. 12.812 Unternehmensinsolvenzen wurden gemeldet, 6,7 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Besonders betroffen waren Transport und Lagerwirtschaft.
Gleichzeitig laufen bei Volkswagen tiefgreifende Umbaupläne, andere Industrieunternehmen reduzieren Stellen und Standorte, und hohe Energiepreise bleiben ein Risiko.
Deutschland erlebt damit eine widersprüchliche Situation: Einerseits zeigen einzelne Konjunkturdaten wieder leichte Verbesserungen, andererseits verschwinden Arbeitsplätze und Produktionskapazitäten aus klassischen Industriebranchen.
Die entscheidende wirtschaftspolitische Frage lautet deshalb zunehmend nicht mehr nur, ob Deutschland wieder wächst.
Sondern: Wo wird dieses Wachstum künftig überhaupt noch stattfinden?
Neue Ölkrise könnte auch Deutschland treffen
Ein zusätzliches Risiko kommt aus dem Nahen Osten.
Saudi-Arabien musste seine strategisch wichtige Ost-West-Ölpipeline nach einem Drohnenangriff zeitweise stilllegen. Die Pipeline kann normalerweise mehrere Millionen Barrel Öl pro Tag transportieren und ist besonders wichtig, weil sie eine Alternative zur Straße von Hormus bietet.
US-Präsident Donald Trump erklärte, er halte eine iranische Beteiligung an dem Angriff für wahrscheinlich. Der Irak bestätigte inzwischen, dass die Drohnen von irakischem Gebiet gestartet worden seien.
Gleichzeitig haben die Huthi im Jemen ihre Kontrolle über strategisch wichtige Gebiete am Roten Meer ausgeweitet.
Damit geraten gleich mehrere der wichtigsten Transportwege für Öl unter Druck.
Das ist auch für Deutschland relevant. Steigende Ölpreise schlagen früher oder später auf Diesel, Benzin, Transportkosten, Chemieindustrie und zahlreiche andere Wirtschaftsbereiche durch.
Aus einem regionalen militärischen Konflikt kann damit sehr schnell ein deutsches Wirtschaftsproblem werden.
Weltpolitik: BRICS fordert Zurückhaltung – während die Konflikte eskalieren
Beim BRICS-Gipfel in Neu-Delhi versuchten unterdessen große Schwellen- und Entwicklungsländer, eine gemeinsame Position zur zunehmend instabilen Weltlage zu finden.
Die BRICS-Staaten verabschiedeten eine gemeinsame Erklärung und forderten angesichts der Eskalation im Nahen Osten größtmögliche Zurückhaltung. Gleichzeitig kritisierten sie einseitige Sanktionen und forderten eine stärkere Rolle multilateraler Institutionen.
Das ist geopolitisch bemerkenswert.
Denn zum BRICS-Verbund gehören sowohl Iran als auch die Vereinigten Arabischen Emirate. Gleichzeitig sitzen mit Russland, China und Indien drei Staaten am Tisch, die sehr unterschiedliche Beziehungen zum Westen besitzen.
BRICS versucht damit zunehmend, sich als Stimme des sogenannten Globalen Südens und als Gegengewicht zu westlich dominierten Institutionen zu positionieren.
Ukraine: Fast 500 russische Drohnen an einem Tag
Auch der Krieg in der Ukraine verschärft sich weiter.
Bei russischen Angriffen am Samstag wurden nach ukrainischen Angaben mindestens zehn Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, Russland habe seit dem Morgen nahezu 500 Drohnen eingesetzt. Getroffen wurden unter anderem Wohngebiete und wirtschaftlich wichtige Infrastruktur.
Der Krieg verschiebt sich damit immer stärker von der eigentlichen Front auf Energieanlagen, Verkehrswege, Industrie und wirtschaftliche Infrastruktur.
Nach Angaben der ukrainischen Regierung haben russische Angriffe allein 2026 bereits Schäden von fast zehn Milliarden Dollar an Infrastruktur verursacht. Gleichzeitig setzt der Krieg den ukrainischen Staatshaushalt massiv unter Druck.
Damit wird der kommende Winter erneut zu einer strategischen Frage.
Russland versucht, die wirtschaftliche und energetische Widerstandsfähigkeit der Ukraine zu schwächen. Kiew wiederum greift verstärkt russische Industrie- und Energieanlagen an.
USA: Gericht erklärt Trumps FEMA-Kürzungen für rechtswidrig
Auch aus den Vereinigten Staaten kam in der Nacht eine politisch bedeutende Entscheidung.
Eine US-Bundesrichterin erklärte den Versuch der Trump-Regierung, die Belegschaft der Katastrophenschutzbehörde FEMA ungefähr zu halbieren, für rechtswidrig.
Nach Auffassung des Gerichts überschritt das Heimatschutzministerium seine Befugnisse, als es FEMA daran hinderte, Verträge Tausender Katastrophenhelfer zu verlängern. Über konkrete Konsequenzen soll später entschieden werden.
Trump hatte zuvor mehrfach darüber gesprochen, FEMA grundlegend umzubauen oder Verantwortung stärker auf die Bundesstaaten zu übertragen.
Damit erlebt die US-Regierung erneut, dass Gerichte Grenzen beim radikalen Umbau des Staatsapparates setzen.
Ein Sonntagmorgen mit vielen offenen Fragen
Deutschland wacht an diesem Sonntagmorgen in einer ungewöhnlich angespannten Lage auf.
Ein Bundeskanzler verliert massiv an Zustimmung.
Die AfD erreicht neue Umfragehöhen.
Zehntausende Menschen demonstrieren dagegen.
Die Industrie baut Standorte und Arbeitsplätze ab.
Im Nahen Osten geraten zentrale Ölwege unter militärischen Druck.
Russland intensiviert seine Angriffe auf die Ukraine.
Und gleichzeitig versuchen Staaten wie China, Indien, Russland und Brasilien innerhalb der BRICS-Strukturen eine neue internationale Ordnung mitzugestalten.
Viele dieser Entwicklungen haben unterschiedliche Ursachen.
Doch sie haben einen gemeinsamen Nenner:
Politische und wirtschaftliche Gewissheiten, die über Jahrzehnte selbstverständlich erschienen, geraten gleichzeitig ins Wanken.
Die entscheidende Frage für Deutschland wird deshalb nicht nur sein, wer die nächste Wahl gewinnt.
Sondern ob Politik und Wirtschaft schnell genug Antworten auf eine Welt finden, die sich gerade wesentlich schneller verändert als noch vor wenigen Jahren.
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