Startseite Allgemeines Hunderte Vermisste in Kursk: Russische Familien werfen Behörden Versagen vor
Allgemeines

Hunderte Vermisste in Kursk: Russische Familien werfen Behörden Versagen vor

takazart (CC0), Pixabay
Teilen

Mehr als zwei Jahre nach dem überraschenden ukrainischen Vorstoß in die russische Region Kursk suchen noch immer Hunderte Familien nach ihren Angehörigen. Viele wissen bis heute nicht, ob Eltern, Großeltern oder Geschwister getötet wurden, gefangen genommen wurden oder irgendwo anonym begraben liegen.

Eine von ihnen ist Lyubov. Einen Tag nach dem Einmarsch ukrainischer Truppen im August 2024 sprach sie zum letzten Mal mit ihrer Mutter. Heute sagt sie, ihr früheres Vertrauen in den russischen Staat sei weitgehend verschwunden.

Nach Angaben des Gouverneurs der Region Kursk gelten noch immer mehr als 300 Menschen als vermisst. Angehörige bezweifeln allerdings, dass diese Zahl vollständig ist.

Lyubov hatte ihre Mutter damals gedrängt, ihr Dorf im Gebiet Sudzha zu verlassen. Doch die ältere Frau blieb. Nach Einschätzung ihrer Tochter spielte dabei die Berichterstattung des russischen Staatsfernsehens eine entscheidende Rolle. Dort sei immer wieder vermittelt worden, die Lage sei unter Kontrolle und nach wenigen Tagen werde alles wieder normal sein.

Doch genau das geschah nicht.

Ukrainische Einheiten durchbrachen Anfang August 2024 überraschend die Grenze. Innerhalb von sechs Tagen brachten sie mehr als 777 Quadratkilometer russisches Gebiet unter ihre Kontrolle. Rund 2.000 Zivilisten sollen nach russischen Angaben in den besetzten Ortschaften zurückgeblieben sein.

Für viele Familien begann damit eine monatelange Zeit der Ungewissheit. Mobilfunk und Internet funktionierten in weiten Teilen des Gebietes nicht mehr. Ein von fast 200 Russen geforderter humanitärer Korridor zur Evakuierung der Zivilbevölkerung kam nicht zustande.

Als offizielle Informationen ausblieben, begannen Angehörige selbst zu recherchieren. Sie werteten Videos ukrainischer Soldaten und Journalisten aus, identifizierten darin Bewohner und erstellten eigene Listen mit Vermissten, Überlebenden und mutmaßlich Getöteten. Zeitweise standen darauf rund 1.000 Namen.

Viele Familien werfen den russischen Behörden vor, sie weitgehend allein gelassen zu haben.

Anfang 2025 veröffentlichte die russische Menschenrechtsbeauftragte schließlich eine Liste mit 517 vermissten Bewohnern. Doch selbst diese sorgte für Empörung: Nach Angaben der Angehörigen waren darin teilweise die Namen der Vermissten mit denen der Suchenden verwechselt worden.

Für Lyubov nahm die Geschichte schließlich ein besonders bitteres Ende.

Ihr Heimatdorf Darino war bei schweren Kämpfen fast vollständig zerstört worden. Nachdem russische Truppen das Gebiet zurückerobert hatten, meldete sich eine Überlebende bei ihr. Sie erzählte, sie habe in den letzten Wochen mit Lyubovs Mutter zusammengelebt. Die ältere Frau sei nach einer Kopfverletzung gestorben.

Doch ihre Leiche blieb verschwunden.

Monatelang versuchte Lyubov herauszufinden, wo ihre Mutter geblieben war. Sie schrieb Behörden an, stellte Fragen und hinterließ sogar eine DNA-Probe. Antworten bekam sie kaum.

Im Oktober 2025 ging sie schließlich selbst in eine Leichenhalle in Kursk und fragte nach einer unbekannten Frau aus Darino, Jahrgang 1949.

Ein Mitarbeiter drehte seinen Laptop zu ihr.

Auf dem Bildschirm erkannte Lyubov sofort ihre Mutter.

Das Foto zeigte die Tote auf einer Straße liegend. Lyubov erkannte ihr Gesicht und einen alten Pullover, den ihre Mutter häufig bei der Arbeit getragen hatte.

Besonders erschütternd: Die Leiche war bereits im April 2025 geborgen worden und hatte monatelang unidentifiziert in der Leichenhalle gelegen. Die zuvor abgegebene DNA-Probe der Tochter war nach ihren Angaben verloren gegangen.

Eigentlich wollte Lyubov ihre Mutter im Heimatdorf beerdigen. Doch das ist bis heute nicht möglich. Deshalb ließ sie sie einäschern. Die Urne steht nun in ihrer Wohnung in Belgorod.

Auch freiwillige Helfer berichten von erheblichen Problemen bei der Bergung der Toten. Leichensäcke und Treibstoff für Fahrzeuge seien teilweise aus eigener Tasche oder durch Spenden bezahlt worden – nicht vom Staat.

Die Angehörigen kritisieren deshalb nicht nur die schleppende Suche nach den Vermissten. Viele fragen auch, warum der ukrainische Vorstoß überhaupt möglich war und weshalb Bewohner gefährdeter Dörfer nicht rechtzeitig evakuiert wurden.

Für Lyubov ist das besonders schmerzhaft. Früher sei sie mit dem Fahrrad über die Grenze in die Ukraine gefahren, um dort einzukaufen. Menschen aus beiden Ländern hätten sich gegenseitig besucht.

Heute, sagt sie, existieren viele dieser Orte nicht mehr.

Zurück bleiben zerstörte Dörfer, Hunderte ungeklärte Schicksale – und Familien, deren Vertrauen in die eigenen Behörden schwer beschädigt ist.

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Eilmeldung: Schwerer Busunfall in Berlin – 15 Verletzte Ursache noch unbekannt

Berlin – Schwerer Busunfall in der Nacht: Ein BVG-Bus ist gegen 23.10...

Allgemeines

Bundesliga-Vereinsreport 13. September 2026

1. FC Köln Dallinga verschießt Elfmeter – Köln gibt Führung gegen Bremen...

Allgemeines

Mord mit dem Regenschirm: Der KGB-Anschlag, der London erschütterte

Es war ein Mord wie aus einem Spionagethriller – nur dass er...

Allgemeines

Afghanin aus den USA abgeschoben – erstmals geheimes Terrorgericht eingesetzt

In den USA ist erstmals ein bislang nie genutztes Sondergericht für mutmaßliche...