Es gibt diese Momente als Fan des TSV 1860 München, da fragt man sich nicht mehr: „Wann wird es endlich wieder besser?“
Man fragt sich nur noch: Wo genau ist eigentlich der Boden?
Und vor allem: Haben wir inzwischen jemanden beauftragt, ihn noch ein paar Meter tiefer zu legen?
Jetzt ist also das Insolvenzverfahren über die Fußball-Lizenzfirma offiziell eröffnet. Am 1. Dezember steigt die erste Gläubigerversammlung. Und wo?
In der kleinen Olympiahalle.
Natürlich.
Andere Vereine nutzen Hallen für Meisterfeiern, Mitgliederversammlungen oder vielleicht mal ein schönes Jubiläum. Bei Sechzig wird die Olympiahalle zum Gerichtssaal.
München hat eben Kultur.
Vom Fußballverein zum Insolvenz-Eventveranstalter
Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Wir reden hier über den TSV 1860 München. Deutscher Meister 1966. Europapokal-Finalist. Ein Verein mit einer Geschichte, bei der ältere Löwen noch heute glasige Augen bekommen.
Und 2026?
Da diskutieren wir darüber, wer bei der Gläubigerversammlung wo sitzen darf.
Das ist vermutlich diese viel beschworene „Tradition“, von der im Fußball immer alle reden. Nur hatte ich sie irgendwie anders in Erinnerung.
Der größte Gläubiger dürfte ausgerechnet die Agentur für Arbeit sein, weil sie zuletzt drei Monate lang die Gehälter der Angestellten übernommen hat.
Auch das muss man als Löwen-Fan erst einmal verarbeiten.
Früher zahlten Sponsoren.
Dann Investoren.
Jetzt offenbar der Staat.
Fehlt eigentlich nur noch, dass beim nächsten Heimspiel das Arbeitsamt Trikotsponsor wird.
TSV 1860 München – präsentiert von der Bundesagentur für Arbeit.
Ganz ehrlich: Ich würde inzwischen nicht einmal mehr ausschließen, dass wir irgendwann Bürgergeld für die Viererkette beantragen.
Und Hasan? Darf draußen bleiben
Dann wäre da natürlich noch Hasan Ismaik.
Seit 2011 sollen rund 80 Millionen Euro in das Abenteuer 1860 geflossen sein.
Achtzig Millionen.
Wenn man sich anschaut, wo wir heute stehen, stellt sich zwangsläufig die Frage:
Wo genau sind die eigentlich alle hingelaufen?
Für 80 Millionen bekommt man andernorts ein Trainingszentrum, eine Mannschaft und vermutlich noch einen brauchbaren Linksverteidiger dazu.
Bei Sechzig bekommt man offenbar 15 Jahre Streit, Pressemitteilungen, Gesellschafter-Zoff und am Ende einen Termin in der kleinen Olympiahalle.
Auch eine Leistung.
Das vielleicht schönste Detail dieser ganzen absurden Geschichte: Ismaik darf als Gesellschafter an der Gläubigerversammlung nicht teilnehmen.
Seine Darlehen gelten als Rangrücktritt. Vereinfacht gesagt: Wenn überhaupt noch irgendetwas verteilt wird, steht er ziemlich weit hinten in der Schlange.
Nach rund 80 Millionen Euro Investment endet man bei Sechzig also möglicherweise dort, wo wir Fans seit Jahren stehen:
draußen und ratlos.
Willkommen im Club, Hasan.
Wie tief geht es eigentlich noch?
Und genau da sitzt man dann als Löwen-Fan, schaut auf diese Meldungen und kann eigentlich nur noch lachen.
Nicht weil es lustig wäre.
Sondern weil die Alternative wäre, morgens um zehn schon einen Obstler aufzumachen.
Sportliche Peinlichkeiten? Kennen wir.
Abstiege? Hatten wir.
Stadionchaos? Natürlich.
Investorenkrieg? Aber selbstverständlich.
Regionalliga? Können wir.
Lizenztheater? Ein Klassiker.
Insolvenzverfahren? Packen wir auch noch drauf.
Wenn der TSV 1860 ein Fahrstuhl wäre, hätte jemand vor Jahren den Knopf fürs Erdgeschoss herausgerissen und stattdessen einen neuen eingebaut:
„Noch tiefer.“
Und jedes Mal denkt man: Das war’s jetzt. Schlimmer kann es wirklich nicht mehr kommen.
Dann kommt Sechzig um die Ecke und sagt:
„Halt mei Bier.“
Man bleibt trotzdem Löwe
Das eigentlich völlig Irrationale an der Geschichte ist ja:
Wir gehen trotzdem wieder hin.
Natürlich tun wir das.
Wir schimpfen. Wir fluchen. Wir erklären jedem, der es nicht hören will, dass wir „diesmal wirklich die Schnauze voll haben“.
Und ein paar Tage später diskutieren wir wieder über Aufstellungen, Trainer, Transfers und darüber, ob nicht vielleicht doch noch irgendwie etwas geht.
Das ist wahrscheinlich der entscheidende Unterschied zwischen Fan und vernünftigem Menschen.
Ein vernünftiger Mensch würde irgendwann sagen:
„Genug. Ich suche mir ein Hobby, das mir Freude macht.“
Töpfern vielleicht.
Angeln.
Briefmarken.
Als Löwe denkt man stattdessen:
„Nächstes Wochenende muss aber unbedingt ein Dreier her.“
Und vielleicht liegt genau darin die Tragikomik dieses Vereins.
Man kann 1860 vieles nehmen.
Das Geld offenbar sowieso.
Die Ruhe längst.
Den sportlichen Erfolg zeitweise ebenfalls.
Aber diesen völlig bescheuerten Glauben, dass irgendwann doch noch alles gut wird, bekommt man aus einem Löwen offenbar nicht heraus.
Trotzdem hätte ich inzwischen wirklich nur eine einzige Bitte:
Lieber TSV 1860 München, falls wir den Tiefpunkt irgendwann erreichen – könnten wir dort vielleicht einfach mal kurz stehen bleiben?
Nur ein paar Wochen.
Damit wir Fans wenigstens wissen, wie er aussieht.
Super Kommentar!!!!