Michelle und Lavinia Osbourne wurden am selben Tag geboren, wuchsen gemeinsam auf – und hielten sich ihr Leben lang für „ganz normale“ zweieiige Zwillinge. Doch ein DNA-Test brachte Jahrzehnte später eine kaum vorstellbare Wahrheit ans Licht: Die beiden haben unterschiedliche Väter.
Die heute 49-jährigen Frauen sind ein Beispiel für ein extrem seltenes biologisches Phänomen, die sogenannte heteropaternale Superfekundation. Dabei werden in einem Zyklus mehrere Eizellen befruchtet – jedoch von Spermien verschiedener Männer. Weltweit sind nur etwa 20 solche Fälle dokumentiert, in Großbritannien gilt dieser als einzigartig.
Die Entdeckung kam eher zufällig. Michelle hatte Zweifel, ob der Mann, den ihre Mutter stets als Vater genannt hatte, tatsächlich ihr biologischer Vater war. Ein DNA-Test bestätigte ihre Vermutung – und führte sie zu einer anderen Familie. Ihre Schwester Lavinia ließ daraufhin ebenfalls einen Test durchführen. Das Ergebnis traf sie hart: Nicht nur hatte Michelle einen anderen Vater – auch ihr eigener war ein ganz anderer als angenommen.
Für Lavinia war das zunächst ein Schock. Die enge Bindung zu ihrer Schwester war für sie immer ein Anker gewesen, besonders in einer schwierigen Kindheit mit häufig wechselnden Bezugspersonen. „Sie war das Einzige, dessen ich mir immer sicher war“, sagt Lavinia. „Und plötzlich war selbst das nicht mehr eindeutig.“
Michelle reagierte anders. Für sie ergaben sich durch die neuen Informationen eher Antworten auf lange empfundene Unterschiede.
Die Lebensgeschichte der beiden ist geprägt von Unsicherheit. Ihre Mutter war sehr jung, als sie die Zwillinge bekam, und hatte selbst eine belastete Vergangenheit. Die Kinder wuchsen teilweise getrennt von ihr auf, wurden zwischen verschiedenen Haushalten hin- und hergeschickt. Die Frage nach ihrem Vater blieb lange unbeantwortet oder wurde ausweichend beantwortet.
Nach den DNA-Ergebnissen begann eine Suche nach den biologischen Wurzeln. Michelle fand ihren Vater, der jedoch ein schwieriges Leben führte. Für sie war die Begegnung eher ein Abschluss als ein Neuanfang. Lavinia hingegen lernte ihren Vater kennen und entwickelte eine enge Beziehung zu ihm.
Die genauen Umstände der Zeugung lassen sich heute nicht mehr vollständig klären. Die Mutter der beiden ist inzwischen verstorben. Hinweise deuten darauf hin, dass sie in einer schwierigen Situation Kontakt zu zwei verschiedenen Männern hatte.
Trotz der überraschenden genetischen Wahrheit sehen sich Michelle und Lavinia weiterhin als das, was sie immer waren: Zwillinge. Die Unterschiede, die sie schon immer gespürt hatten, haben nun eine Erklärung – aber sie haben ihre Beziehung nicht zerstört.
„Wir sind ein Wunder“, sagt Lavinia.
Und Michelle ergänzt: „Sie ist meine Zwillingsschwester. Daran ändert sich nichts.“
Gibt ja mit Castor und Pollux ein berühmtes Beispiel in der Mythologie. Hat die Menschen schon immer inspiriert, dieser Gedanke.