Fußball ist bekanntlich ein einfacher Sport: 22 Spieler laufen einem Ball hinterher, am Ende diskutieren Millionen Menschen über den Schiedsrichter. Seit dieser WM gibt es dafür allerdings neues Material.
Beim Auftaktspiel der USA gegen Paraguay erlebte die Fußballwelt eine Premiere. Nicht etwa ein Traumtor, eine taktische Revolution oder ein spektakulärer Fallrückzieher sorgte für Aufsehen, sondern etwas deutlich Selteneres: Eine Schwalbe wurde tatsächlich entlarvt.
Jahrelang gehörte es zum festen Inventar des Fußballs, dass Spieler nach einer leichten Brise zusammenklappen wie Gartenstühle im Sturm. Arme fliegen durch die Luft, schmerzverzerrte Gesichter werden aufgesetzt und für einen kurzen Moment glaubt man, auf dem Rasen habe sich ein schweres Unglück ereignet. Spätestens beim nächsten Angriff sprintet der vermeintlich Schwerverletzte dann wieder mit Höchstgeschwindigkeit über den Platz.
Genau dieses Schauspiel führte nun zur ersten Anwendung der neuen WM-Regel gegen Spielerverwechslungen. Der Schiedsrichter bestrafte zunächst den falschen Mann, bis der VAR eingriff und feststellte: Das eigentliche Opfer der Szene war gar nicht der am Boden liegende Spieler, sondern die Wahrheit.
Die Bilder waren eindeutig. Keine Berührung, kein Foul, kein Vergehen. Dafür eine Darbietung, die eher in einem Schauspielseminar als auf einem Fußballplatz ausgezeichnet worden wäre.
Bemerkenswert ist dabei weniger die Gelbe Karte für die Schwalbe. Bemerkenswert ist, dass der Fußball nach Jahrzehnten plötzlich beschlossen hat, offensichtliche Täuschungsversuche nicht mehr einfach als kreative Spielfortsetzung zu akzeptieren.
Natürlich werden Kritiker jetzt warnen, dass der VAR das Spiel weiter zerstört. Andere werden behaupten, Emotionen gingen verloren. Doch wenn ein Spieler eine Berührung erfindet, die selbst die Zeitlupe nicht finden kann, dann darf man ruhig fragen, ob die eigentliche Gefahr für den Fußball wirklich vom Videoschiedsrichter ausgeht.
Vielleicht erleben wir gerade den Beginn einer neuen Ära. Einer Ära, in der Verteidiger nicht mehr für Fouls bestraft werden, die nie stattgefunden haben. Einer Ära, in der Schauspielunterricht nicht mehr automatisch zur Profi-Ausbildung gehört.
Sollte sich diese Entwicklung durchsetzen, könnte sie den Fußball tatsächlich verändern.
Und das wäre vermutlich die größte Überraschung dieser Weltmeisterschaft.
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