Startseite Allgemeines 1.741 Freunde sollt ihr sein: dict.cc und das Cookie-Banner als Lebensaufgabe
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1.741 Freunde sollt ihr sein: dict.cc und das Cookie-Banner als Lebensaufgabe

qimono (CC0), Pixabay
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Wer bisher dachte, ein Onlinewörterbuch sei vor allem dazu da, schnell ein englisches Wort ins Deutsche zu übersetzen, hat das Internet nicht verstanden. Denn nach Ansicht der Datenschutzorganisation noyb kann man bei dict.cc offenbar nicht nur Vokabeln lernen, sondern auch sehr viel über moderne Zustimmungskultur. Zum Beispiel, wie man mit einem einzigen Klick angeblich 1.741 Partnerunternehmen in sein digitales Wohnzimmer lässt.

Noyb, die Datenschutzorganisation des österreichischen Juristen Max Schrems, hat deshalb Beschwerde bei der österreichischen Datenschutzbehörde eingebracht. Der Vorwurf: Nutzerinnen und Nutzer würden durch das Cookie-Banner dazu gedrängt, dem Tracking durch 1.741 Unternehmen auf einmal zuzustimmen. Also ungefähr so, als würde man an der Haustür sagen: „Ja, der Postbote darf rein“ – und plötzlich stehen Werbeagenturen, Datenhändler, Analysefirmen und ein Mann mit Klemmbrett im Badezimmer.

Nach der Datenschutz-Grundverordnung muss eine Einwilligung freiwillig, informiert, eindeutig und zweckgebunden sein. Das klingt nach einer klaren Sache. In der Praxis bedeutet es aber offenbar, dass der durchschnittliche Internetnutzer vor der Frage steht: Lese ich jetzt Datenschutzerklärungen für 1.741 Unternehmen – oder wollte ich eigentlich nur wissen, was „hedgehog“ auf Deutsch heißt?

Noyb-Datenschutzjurist Felix Mikolasch rechnete vor, dass allein das Lesen dieser Erklärungen mindestens 170 Stunden dauern würde, wenn man pro Unternehmen großzügig nur sechs Minuten veranschlagt. Das wären gut sieben Tage am Stück – ohne Schlaf, ohne Essen, ohne Pause und vermutlich ohne jede Erinnerung daran, welches Wort man ursprünglich nachschlagen wollte.

Damit wird das Cookie-Banner endgültig zum Fernstudium. Früher brauchte man für ein Wörterbuch Konzentration. Heute braucht man Urlaub, juristische Grundkenntnisse und eine Thermoskanne Kaffee.

Dict.cc ist nach Darstellung von noyb allerdings kein einsamer Sonderling im digitalen Gebüsch. Solche Cookie-Banner seien im Internet weit verbreitet. Häufig werde versucht, mit einer einzigen Zustimmung das Tracking durch Hunderte oder Tausende Werbeunternehmen abzusegnen. Ein Klick, und schon beginnt die große europäische Datensafari.

Die Onlinewerbung interessiert sich dabei nicht nur dafür, dass jemand „Apfel“ übersetzen möchte. Gesammelt werden laut noyb unter anderem Surfgewohnheiten, Interessen, Interaktionen und Standortdaten. Aus dem harmlosen Wörterbuchbesuch könnte so ein kleines Persönlichkeitsprofil werden: bevorzugt englische Begriffe, klickt unsicher bei Cookie-Bannern, möglicherweise anfällig für Werbung für Sprachreisen, Datenschutzratgeber und Beruhigungstee.

Noyb verlangt nun, dass die Datenschutzbehörde den Fall prüft. Die Organisation fordert unter anderem die Löschung unrechtmäßig verarbeiteter Daten und eine Information aller Empfängerinnen und Empfänger über diese Löschung. Außerdem regt sie eine Geldstrafe an, damit ähnliche Praktiken künftig weniger attraktiv werden.

Ob dict.cc tatsächlich gegen die DSGVO verstoßen hat, muss nun die österreichische Datenschutzbehörde entscheiden. Eine Stellungnahme des Unternehmens zu den Vorwürfen lag zunächst nicht vor. Bis dahin gilt: Es handelt sich um eine Beschwerde, nicht um ein rechtskräftiges Urteil.

Für Internetnutzer bleibt die Erkenntnis: Wer im Netz nur schnell ein Wort nachschlagen will, sollte inzwischen ausreichend Zeit einplanen. Nicht für die Übersetzung – die geht meist schnell. Sondern für die Frage, ob man vorher 1.741 Unternehmen in sein digitales Leben einladen möchte.

Vielleicht braucht dict.cc demnächst einfach einen neuen Beispielsatz:

„Consent“ heißt auf Deutsch: Zustimmung.

„Informed consent“ heißt: Wir melden uns nach 170 Stunden wieder.

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