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Wie sinnvoll sind Apps, die Lebensmittel beim Einkauf bewerten?

qimono (CC0), Pixabay
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Mit einer Packung Kekse in der einen und ihrem Smartphone in der anderen Hand steht Nathalie in einem Supermarkt westlich von Paris. Sie scannt den Strichcode – und die App Yuka zeigt sofort ein tiefrotes Ergebnis: null von 100 Punkten.

Die Kekse gehören zu den Lieblingsprodukten ihres zwölfjährigen Sohnes. Nach Bewertung der App enthalten sie jedoch viel Zucker, gesättigte Fettsäuren und mehrere Zusatzstoffe. Einer davon wird von Yuka als möglicherweise problematisch eingestuft.

Nathalie ärgert sich darüber, dass solche Produkte gezielt für Kinder angeboten werden. Doch auch die italienische Alternative mit traditionell wirkender Verpackung schneidet kaum besser ab.

„Mein Sohn hasst es inzwischen, mit mir einkaufen zu gehen“, sagt sie. Das Scannen koste viel Zeit – und am Ende dürfe er häufig nicht das bekommen, was er sich ausgesucht habe.

Die App schlägt stattdessen ein Bio-Produkt mit Vollkorn, Früchten und Ballaststoffen vor. Solche Alternativen seien allerdings oft teurer, erklärt Nathalie.

Ampelfarben für Millionen Produkte

Yuka wurde 2015 in Frankreich entwickelt. Nutzer können mit ihrem Smartphone die Strichcodes von Lebensmitteln, Kosmetikartikeln und Pflegeprodukten scannen.

Die Bewertung funktioniert nach einem einfachen Farbsystem:

Grün steht für eine gute Beurteilung, Gelb für ein verbesserungswürdiges Produkt und Rot für eine schlechte Bewertung. Interessierte können zusätzlich detaillierte Angaben zu Nährwerten, Inhaltsstoffen und Zusatzstoffen aufrufen.

Nach Angaben des Unternehmens umfasst die Datenbank mittlerweile rund sechs Millionen Produkte. Täglich sollen ungefähr 1.200 neue Einträge hinzukommen.

Yuka gibt an, weltweit etwa 85 Millionen Nutzer in zwölf Ländern zu haben. Besonders erfolgreich ist die App in den USA. Dort sollen rund 28 Millionen Menschen den Dienst verwenden. In Frankreich sind es nach Unternehmensangaben sechs Millionen, in Großbritannien etwa fünf Millionen.

Auch der amerikanische Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. bezeichnete Yuka öffentlich als seine bevorzugte App.

In den USA besonders erfolgreich

Yuka wurde in Frankreich gegründet und hat dort weiterhin seinen Hauptsitz. Mitgründerin und Geschäftsführerin Julie Chapon zog jedoch vor einigen Jahren in die USA, weil die App dort besonders schnell wuchs.

Nach ihrer Einschätzung ist der Erfolg auch darauf zurückzuführen, dass bei der Zusammensetzung vieler amerikanischer Lebensmittel noch besonders großer Verbesserungsbedarf bestehe.

In Frankreich ist Yuka Teil einer breiteren Bewegung, die Verbrauchern mehr Informationen über Lebensmittel zur Verfügung stellen möchte.

Bereits 2012 gründete der Programmierer Stéphane Gigandet die Plattform Open Food Facts. Die kostenlose und gemeinschaftlich gepflegte Datenbank enthält inzwischen Angaben zu mehr als vier Millionen Produkten weltweit.

Anders als Yuka ist Open Food Facts keine gewinnorientierte Firma, sondern eine gemeinnützige Organisation.

Nutri-Score als staatliche Orientierung

Kurz nach dem Start von Yuka führte Frankreich den Nutri-Score ein. Das Bewertungssystem wurde vom Ernährungswissenschaftler Serge Hercberg von der Sorbonne-Universität entwickelt.

Als Vorbild diente unter anderem das britische Ampelsystem, das Zucker, Fett, Salz und Kalorien mit verschiedenen Farben kennzeichnet.

Hercberg wollte jedoch eine noch einfachere Darstellung. Der Nutri-Score fasst die Bewertung eines Lebensmittels deshalb in einer einzigen Skala von A bis E zusammen. A und Grün stehen für eine günstigere, E und Rot für eine ungünstigere Nährwertzusammensetzung.

Die Kennzeichnung befindet sich freiwillig auf der Vorderseite verpackter Lebensmittel. Viele große Hersteller verwenden sie. Andere Unternehmen verzichten darauf – insbesondere dann, wenn ihre Produkte wahrscheinlich schlecht abschneiden würden.

Genau an dieser Stelle können Apps wie Yuka und Open Food Facts zusätzliche Informationen bieten. Sie bewerten auch Produkte, auf deren Verpackungen kein Nutri-Score abgedruckt ist.

Apps berücksichtigen auch Zusatzstoffe

Yuka geht nach eigenen Angaben über die reine Nährwertbewertung hinaus und berücksichtigt auch Zusatzstoffe. Dazu gehören beispielsweise Stoffe, die Lebensmittel haltbarer machen, färben oder ihre Konsistenz verändern.

Eine hohe Zahl solcher Inhaltsstoffe kann ein Hinweis darauf sein, dass ein Produkt stark verarbeitet wurde. Allerdings bedeutet das Vorhandensein eines Zusatzstoffs nicht automatisch, dass das Lebensmittel bei üblichem Verzehr gesundheitsschädlich ist.

Die Bewertung hängt von der jeweiligen Menge, den gesetzlichen Grenzwerten, der wissenschaftlichen Datenlage und dem gesamten Ernährungsverhalten ab. Eine einzelne App-Bewertung sollte deshalb nicht mit einer medizinischen Diagnose oder einer behördlichen Gefahrenwarnung verwechselt werden.

Nicht jeder hat Zeit zum Scannen

Der Lebensmittelpolitiker Christian Reynolds von der City St George’s University in London sieht Apps als einen möglichen Baustein für gesündere Kaufentscheidungen. Gleichzeitig warnt er davor, ihre Wirkung zu überschätzen.

Untersuchungen hätten gezeigt, dass nur wenige Menschen ausreichend Zeit, Interesse oder Kraft hätten, beim täglichen Einkauf jedes Produkt ausführlich zu prüfen. Die meisten Verbraucher kauften stark nach Gewohnheit.

Auch Hercberg sieht soziale Grenzen. Angebote wie Nutri-Score, Yuka und Open Food Facts würden vor allem Menschen erreichen, die bereits über mehr Bildung, Zeit und finanzielle Möglichkeiten verfügten.

Ausgerechnet Bevölkerungsgruppen mit einem erhöhten Risiko für ernährungsbedingte Erkrankungen könnten solche Hilfsmittel daher seltener nutzen.

Die von Apps empfohlenen Alternativen sind zudem häufig teurer. Wer über ein knappes Haushaltsbudget verfügt, kann nicht jedes schlecht bewertete Produkt problemlos durch eine Bio- oder Premiumvariante ersetzen.

Woher stammen die Bewertungen?

Yuka beschäftigt eigene Lebensmittelwissenschaftler, greift nach Unternehmensangaben aber hauptsächlich auf wissenschaftliche Veröffentlichungen und öffentlich zugängliche Daten zurück.

Auch Angaben des Nutri-Scores fließen in die Produktbewertungen ein.

Im Gegensatz zum staatlichen Nutri-Score und zur gemeinnützigen Plattform Open Food Facts ist Yuka ein privates, gewinnorientiertes Unternehmen.

Geschäftsführerin Chapon betont jedoch, dass Yuka keine Einnahmen durch Werbung, bezahlte Platzierungen oder gesponserte Empfehlungen erziele. Lebensmittelhersteller könnten demnach nicht dafür bezahlen, eine bessere Bewertung zu erhalten.

Das Unternehmen finanziere sich hauptsächlich durch die kostenpflichtige Premiumversion. Zwar bezahle nur ein kleiner Anteil der Nutzer dafür. Wegen der hohen Gesamtzahl reiche dies jedoch aus, um das Unternehmen profitabel zu betreiben.

Verändert die App tatsächlich das Einkaufsverhalten?

Nach einer unternehmenseigenen Befragung aus dem Jahr 2024 legen 94 Prozent der befragten Yuka-Nutzer ein Produkt zurück ins Regal, wenn es von der App rot bewertet wird.

Da es sich um eine Befragung des Unternehmens unter bestehenden Nutzern handelt, lässt sich daraus allerdings nicht automatisch ableiten, wie sich die gesamte Bevölkerung verhält.

Dennoch gibt es Hinweise, dass die Apps auch Hersteller und Händler beeinflussen.

Die französische Supermarktkette Intermarché erklärte, zahlreiche Rezepturen ihrer Eigenmarken wegen schlechter Yuka-Bewertungen verändert zu haben.

Seit 2017 seien mehr als 3.000 Rezepturen überarbeitet und rund 160 Zusatzstoffe aus Produkten entfernt worden. Allein im vergangenen Jahr habe das Unternehmen etwa 300 Artikel neu zusammengesetzt.

Sind Lebensmittel-Apps gut für die Gesundheit?

Apps wie Yuka können dabei helfen, Zutatenlisten und Nährwertangaben schneller zu verstehen. Sie machen Unterschiede zwischen ähnlichen Produkten sichtbar und können Verbraucher dazu bringen, bewusster einzukaufen.

Sie haben jedoch auch Grenzen.

Eine einzelne Punktzahl vereinfacht komplexe wissenschaftliche Fragen. Sie berücksichtigt nicht unbedingt, wie häufig oder in welchen Mengen ein Produkt gegessen wird. Ein schlecht bewerteter Keks macht eine Ernährung nicht automatisch ungesund – genauso wenig garantiert ein grünes Produkt insgesamt eine ausgewogene Lebensweise.

Auch die psychologische Wirkung sollte nicht unterschätzt werden. Wer jedes Lebensmittel ausschließlich in „gut“ und „schlecht“ einteilt, kann unnötige Ängste oder ein übermäßig kontrolliertes Essverhalten entwickeln.

Am sinnvollsten sind solche Apps daher als Orientierungshilfe – nicht als unfehlbare Instanz.

Sie können beim Vergleichen helfen, sollten aber nicht das eigene Urteilsvermögen ersetzen. Entscheidend bleiben die gesamte Ernährung, die Portionsgrößen, die Häufigkeit des Verzehrs und die persönliche gesundheitliche Situation.

Für Nathalie verändert die App den Einkauf bereits deutlich. Er dauert länger, kostet teilweise mehr und führt gelegentlich zu Diskussionen mit ihrem Sohn.

Gleichzeitig fühlt sie sich besser informiert. Genau darin liegt vermutlich der größte Nutzen solcher Anwendungen: Sie treffen die Entscheidung nicht für den Verbraucher – aber sie können dafür sorgen, dass er sie bewusster trifft.

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