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Lesen gegen die Krise: Können Romane wirklich die Seele heilen?

LubosHouska (CC0), Pixabay
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Ein Roman als Trostspender, ein Gedicht gegen die innere Leere, eine literarische Figur als Begleitung durch eine schwierige Lebensphase: Die sogenannte Bibliotherapie gewinnt an Popularität. Ihre Grundidee klingt ebenso einfach wie verführerisch – Bücher sollen Menschen helfen, seelische Belastungen zu verarbeiten und ihr Wohlbefinden zu verbessern. Doch ob das gelingt, hängt stark vom jeweiligen Menschen, seiner Situation und vor allem vom ausgewählten Buch ab.

Elizabeth Russell befand sich im Sommer 2017 in einer schweren Lebensphase. Die Lehrerin und Schulbibliothekarin aus dem US-Bundesstaat Connecticut durchlebte eine konfliktreiche Scheidung, sorgte sich um ihre beiden jugendlichen Kinder und litt weiterhin unter einer langjährigen Depression.

Im Internet stieß sie auf das Angebot der britischen Bibliotherapeutin Ella Berthoud. Diese empfiehlt ihren Klienten gezielt Romane, deren Figuren ähnliche Konflikte, Verluste oder Lebensentscheidungen bewältigen müssen.

Berthoud befragte Russell ausführlich zu ihren Lesegewohnheiten und ihrer persönlichen Situation. Anschließend erhielt sie eine Liste mit Romanen über Menschen, die vor schwierigen Entscheidungen in Beziehungen und Familien standen.

Russell beschreibt die Wirkung als überraschend stark. Die Fehler, Entscheidungen und Erkenntnisse der literarischen Figuren hätten ihr geholfen, die eigene Lage mit größerem Abstand zu betrachten. Vor allem habe sie sich weniger allein gefühlt. Die Lektüre habe etwas in ihr geöffnet, das zuvor verschlossen gewesen sei.

Literatur auf Rezept

Bibliotherapie ist kein einheitlich geschütztes oder klar abgegrenztes Verfahren. Unter dem Begriff werden unterschiedliche Ansätze zusammengefasst: therapeutisch begleitete Selbsthilfebücher, von Ärzten oder Psychologen empfohlene Literatur und maßgeschneiderte Romanlisten für Menschen in persönlichen Krisen.

Die Idee ist nicht neu. Schon während des Ersten Weltkriegs wurden Bücher eingesetzt, um verwundeten und traumatisierten Soldaten Ablenkung und seelische Unterstützung zu geben. In den Neunzigerjahren gewann der Ansatz erneut an Aufmerksamkeit.

Heute bieten professionelle Bibliotherapeuten persönliche Sitzungen an. Auch einige Ärzte empfehlen ausgewählten Patienten Romane, Gedichte oder Sachbücher als Ergänzung zu anderen Behandlungen.

Der britische Arzt Andrew Schuman betont, dass Literatur keine Psychotherapie und keine medizinische Behandlung ersetzen könne. Als zusätzlicher Baustein könne sie jedoch ausgesprochen wirksam sein.

Ein Vorteil liege darin, dass Menschen das Tempo selbst bestimmen. Sie können ein Buch aufschlagen, wenn sie sich emotional dazu in der Lage fühlen – und es wieder zur Seite legen, sobald die Lektüre zu belastend wird.

Bücherlisten gegen Depression und Demenz

In Großbritannien stellt die gemeinnützige Organisation The Reading Agency seit 2013 Literaturempfehlungen für Menschen mit Depressionen, Demenz, Angststörungen und anderen gesundheitlichen Belastungen zusammen.

Die Titel werden von Fachleuten sowie von Menschen ausgewählt, die selbst Erfahrungen mit den jeweiligen Erkrankungen gemacht haben. Über öffentliche Bibliotheken in England und Wales wurden nach Angaben der Organisation bereits Millionen dieser Bücher ausgeliehen.

Auch in medizinischen Leitlinien werden Selbsthilfebücher bei bestimmten Erkrankungen als mögliche therapeutische Unterstützung berücksichtigt. Besonders gut untersucht sind strukturierte Programme, die auf etablierten psychologischen Methoden beruhen.

Bei Romanen ist die wissenschaftliche Lage dagegen wesentlich unübersichtlicher.

Wer liest, lebt besser – oder lesen vor allem Menschen, denen es besser geht?

Mehrere Untersuchungen zeigen, dass Menschen, die regelmäßig zum Vergnügen lesen, im Durchschnitt weniger gestresst und einsam sind. Sie berichten häufiger von sozialer Verbundenheit, Selbstvertrauen und einem höheren Wohlbefinden.

Doch daraus folgt noch nicht, dass Bücher die Ursache für diese Unterschiede sind.

Möglicherweise verbessert das Lesen tatsächlich die psychische Gesundheit. Ebenso denkbar ist jedoch, dass Menschen, denen es bereits vergleichsweise gut geht, häufiger die Konzentration, Zeit und Ruhe für Literatur besitzen.

Dieser Unterschied ist wissenschaftlich schwer zu erfassen. Um eine therapeutische Wirkung nachzuweisen, müssten große Gruppen von Patienten über längere Zeit untersucht werden. Dabei müsste man Menschen, die einen bestimmten Roman lesen, mit einer geeigneten Vergleichsgruppe gegenüberstellen.

Solche aussagekräftigen Studien fehlen für viele psychische Erkrankungen bislang.

Ein Roman ist keine Universalmedizin

Der Kognitionswissenschaftler James Carney warnt deshalb vor übertriebenen Erwartungen. Bücher würden teilweise wie beinahe magische Gegenstände behandelt, die jedes Problem lösen könnten.

Für bestimmte Menschen und bestimmte Situationen könne Literatur tatsächlich hilfreich sein. Die Vorstellung, Bücher seien eine universell wirksame Medizin, sei jedoch falsch.

Der Nutzen hängt unter anderem davon ab, ob sich ein Leser emotional auf eine Geschichte einlassen kann. Entscheidend ist nicht allein, welches Buch gelesen wird, sondern auch, wie intensiv sich ein Mensch mit dem Text beschäftigt.

Wer Figuren, Konflikte und Gefühle lediglich oberflächlich wahrnimmt, dürfte weniger profitieren als jemand, der sich tief in eine Geschichte hineinversetzt und anschließend über sie nachdenkt.

Literatur kann einen geschützten Raum schaffen. Leser erleben Verlust, Angst, Verrat oder Krankheit aus sicherer Entfernung. Sie können schwierige soziale Situationen gedanklich durchspielen, ohne selbst unmittelbar von ihnen betroffen zu sein.

Wenn ein Buch die Krankheit verstärkt

Dass Literatur nicht immer hilft, zeigen Untersuchungen zu Essstörungen.

Die Literaturwissenschaftlerin Emily Troscianko befragte gemeinsam mit der britischen Hilfsorganisation Beat fast 900 Menschen, von denen die meisten selbst eine Essstörung erlebt hatten.

Viele Teilnehmer berichteten, dass Romane mit essgestörten Figuren ihre Symptome nicht gelindert, sondern verschlimmert hätten. Einige fühlten sich durch die beschriebenen Körperbilder, Essgewohnheiten und Verhaltensweisen zusätzlich unter Druck gesetzt.

Troscianko vermutet, dass solche Darstellungen Konkurrenzgedanken und zwanghafte Vergleiche auslösen können. Menschen mit einer Essstörung könnten sich besonders stark auf jene Passagen konzentrieren, die ihre bestehenden Ängste und Obsessionen bestätigen.

Die Lektüre führe dann nicht aus der Erkrankung heraus, sondern tiefer in deren begrenzte Gedankenwelt hinein. Die Vorstellung, ein Buch über ein bestimmtes Problem müsse für Betroffene automatisch hilfreich sein, sei daher gefährlich vereinfachend.

Ähnliche Risiken könnten bei Suchterkrankungen entstehen. Romane, in denen Alkohol- oder Drogenkonsum romantisiert wird, können bei anfälligen Menschen möglicherweise Verlangen oder Rückfälle fördern.

Auch bei akuten Psychosen oder Suizidgedanken wäre es unangemessen, einem Menschen lediglich eine literarische Empfehlung zu geben. In solchen Situationen ist professionelle medizinische oder psychotherapeutische Hilfe notwendig.

Manchmal hilft gerade die Flucht in eine andere Welt

Die Reading Agency reagierte auf diese Erkenntnisse und passte einige ihrer Empfehlungen an.

Statt Menschen mit einer bestimmten Erkrankung grundsätzlich Geschichten über genau diese Erkrankung vorzuschlagen, enthält das Programm auch bewusst aufmunternde und unterhaltsame Bücher. Diese sollen keine Symptome spiegeln, sondern eine zeitweise Flucht aus dem belastenden Alltag ermöglichen.

Bei Essstörungen werden Erwachsenen vor allem Bücher mit praktischen Hilfestellungen empfohlen und keine fiktionalen Erzählungen über Körperbilder oder problematisches Essverhalten.

Auch mehrere Romane über Demenz wurden aus den Listen entfernt. Betroffene hatten zurückgemeldet, dass sie authentische Erfahrungsberichte bevorzugten, weil diese ihre komplexe Lebenswirklichkeit besser abbildeten.

Die Auswahl des richtigen Buches ist daher keine rein literarische Geschmacksfrage. Was einen Menschen tröstet, kann einen anderen überfordern.

Gemeinsam lesen wirkt stärker

Besonders hilfreich könnte Literatur sein, wenn Menschen nicht allein lesen.

In kleinen Studien berichteten Teilnehmer mit Depressionen nach gemeinsamen Lesungen von Gedichten und Romanen über ein verbessertes Wohlbefinden. Auch Menschen mit chronischen Schmerzen beschrieben Vorlesegruppen als Quelle von Gemeinschaft, Ablenkung und neuer Lebensqualität.

Die Gespräche nach der Lektüre scheinen dabei eine wichtige Rolle zu spielen.

Wer mit anderen über eine Geschichte spricht, kann persönliche Sorgen indirekt thematisieren. Statt sofort über die eigene Angst, Trauer oder Einsamkeit sprechen zu müssen, lässt sich zunächst über eine Romanfigur diskutieren.

Die Distanz der Fiktion kann schützen. Gleichzeitig ermöglicht sie es, schwierige Gefühle, moralische Konflikte und soziale Situationen gedanklich zu erproben.

Das gemeinsame Gespräch macht diese Erfahrung greifbarer. Es verwandelt das Lesen von einer privaten Tätigkeit in ein soziales Erlebnis.

Es muss nicht der große Roman sein

Wer Bibliotherapie ausprobieren möchte, braucht weder eine professionelle Beratung noch besonders anspruchsvolle Literatur.

Öffentliche Bibliotheken bieten die Möglichkeit, unterschiedliche Bücher kostenlos zu testen. Bleibt eine Geschichte fremd oder unangenehm, darf sie ohne schlechtes Gewissen abgebrochen werden.

Auch kürzere Texte, Gedichte, Hörbücher oder Unterhaltungsliteratur können hilfreich sein. Entscheidend ist nicht das kulturelle Ansehen eines Werkes, sondern die persönliche Reaktion darauf.

In einer Untersuchung hörten ältere Menschen selbst ausgewählte Hörbücher. Noch zwei Wochen später berichteten einige Teilnehmer von einem stärkeren Wohlbefinden und einem größeren Gefühl von Sinnhaftigkeit.

Der Effekt zeigte sich allerdings nur bei jenen Personen, die sich emotional intensiv auf das jeweilige Buch eingelassen hatten.

Bücher können begleiten – aber nicht jeden retten

Elizabeth Russell ist bis heute von der Bibliotherapie überzeugt. Sie nahm mehrfach weitere Beratungen in Anspruch, verschenkte Gutscheine für Literaturempfehlungen und nutzt Bücher auch in ihrer Arbeit mit Schülern.

Sie wählt Geschichten über Migration, Verluste und andere schwierige Erfahrungen aus. Der wichtigste Effekt sei für sie das Gefühl, mit dem eigenen Weg nicht allein zu sein.

Darin liegt vermutlich die größte Stärke der Bibliotherapie.

Ein Roman kann keine Scheidung rückgängig machen, keine Depression heilen und keine medizinische Behandlung ersetzen. Er kann aber Erfahrungen in Worte fassen, für die ein Leser selbst noch keine Sprache gefunden hat.

Manche Bücher öffnen neue Perspektiven. Andere bieten für einige Stunden einen Zufluchtsort. Wieder andere können irritieren oder sogar schaden.

Literatur ist komplex, weil Menschen komplex sind. Eine allgemeingültige Bücherapotheke kann es deshalb nicht geben.

Doch das richtige Buch im richtigen Moment kann einem Menschen zeigen, dass andere ähnliche Ängste, Verluste und Hoffnungen kennen. Manchmal ist schon diese Erkenntnis ein Anfang.

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