Im besetzten Westjordanland sorgt ein Vorfall nahe der Stadt Dschenin für Entsetzen: Nach Angaben einer palästinensischen Familie sollen israelische Siedler sie gezwungen haben, den frisch beerdigten Vater wieder auszugraben. Die Vereinten Nationen sprechen von einem „erschütternden Beispiel der Entmenschlichung“ der Palästinenser.
Mohammed Asasa hatte seinen 80-jährigen Vater Hussein erst wenige Minuten zuvor beerdigt, als Kinder ins Haus stürmten und alarmiert riefen, Siedler würden das Grab öffnen. Der angesehene Familienvater war am Freitag eines natürlichen Todes gestorben und entsprechend islamischer Tradition auf einem kleinen Friedhof nahe des Dorfes Asasa beigesetzt worden.
Aus Sorge vor möglichen Problemen habe die Familie vor der Beerdigung sogar die Zustimmung eines nahegelegenen israelischen Militärstützpunkts eingeholt, sagte Mohammed Asasa der BBC.
Als die Söhne zum Friedhof zurückeilten, hätten mehrere bewaffnete israelische Siedler bereits begonnen, das frisch zugeschüttete Grab mit Werkzeugen aufzubrechen. Videoaufnahmen zeigen bewaffnete Männer neben dem Grab. Laut der Familie hätten die Siedler erklärt: „Entweder ihr grabt den Leichnam aus – oder wir tun es.“
Die Siedler stammen demnach aus der erneut errichteten Siedlung Sa-Nur oberhalb des Friedhofs. Die israelische Regierung hatte zuletzt die Wiederbesiedlung der früher aufgegebenen Siedlung genehmigt. Internationale Organisationen betrachten israelische Siedlungen im besetzten Westjordanland weiterhin als völkerrechtswidrig.
Mohammed Asasa schilderte, die Familie habe schließlich selbst das Grab geöffnet, um zu verhindern, dass die Siedler den Leichnam seines Vaters entweihen. Auf Videos ist zu sehen, wie Angehörige den eingehüllten Körper den Hügel hinuntertragen.
Die israelische Armee erklärte später, Soldaten hätten Werkzeuge der Siedler beschlagnahmt und versucht, weitere Spannungen zu verhindern. Die Familie wirft den Soldaten hingegen vor, untätig zugesehen zu haben.
Die israelischen Streitkräfte erklärten gegenüber der BBC, man verurteile jedes Verhalten, das „die öffentliche Ordnung, die Rechtsstaatlichkeit sowie die Würde der Lebenden und der Toten“ verletze.
Das UN-Menschenrechtsbüro reagierte scharf. Der Vorfall sei „erschütternd und symptomatisch für die Entmenschlichung der Palästinenser in den besetzten Gebieten“, erklärte der Leiter des UN-Menschenrechtsbüros vor Ort, Ajith Sunghay. Diese Entwicklung verschone „weder Lebende noch Tote“.
Bewohner des Dorfes berichten von wachsendem Druck seit der Wiedererrichtung der Siedlung Sa-Nur. Große Teile der Umgebung seien inzwischen zur militärischen Sperrzone erklärt worden. Dadurch seien Felder, Olivenhaine und selbst der Friedhof für die palästinensischen Eigentümer kaum noch zugänglich.
Menschenrechtsorganisationen warnen seit Monaten vor zunehmender Gewalt radikaler israelischer Siedler im Westjordanland. Nach Angaben der „New York Times“ wurden seit Beginn des Iran-Krieges bis Ende April mindestens 13 Palästinenser bei Siedlerangriffen getötet, Hunderte verletzt und zahlreiche Familien vertrieben.
Hussein Asasa wurde schließlich auf einem Friedhof in einem Nachbardorf erneut beerdigt. Seine Familie hofft nun zumindest dort auf Ruhe.
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