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China Lernt

syafrani_jambe (CC0), Pixabay
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Der Krieg gegen den Iran liefert Chinas Militärstrategen nach Einschätzung von Experten wertvolle Einblicke in die tatsächliche Leistungsfähigkeit der US-Streitkräfte – und zugleich eine Erinnerung daran, dass moderne Kriege selten nach Plan verlaufen. Während die Kämpfe im Persischen Golf in den dritten Monat gehen, analysieren Militärbeobachter in Peking, Taipeh und Washington die Lehren des Konflikts mit Blick auf ein mögliches Szenario zwischen China und den USA.

Vor allem die Verwundbarkeit selbst hochentwickelter Luftabwehrsysteme sorgt in China offenbar für Aufmerksamkeit. Der frühere Oberst der chinesischen Luftwaffe, Fu Qianshao, erklärte gegenüber CNN, Iran habe gezeigt, dass selbst amerikanische Systeme wie Patriot oder THAAD nicht unangreifbar seien. Die Volksbefreiungsarmee müsse deshalb dringend ihre eigenen Schwachstellen im Verteidigungsbereich analysieren.

China hat seine offensiven Fähigkeiten in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut. Dazu gehören Hyperschallraketen, Tarnkappenjets vom Typ J-20 sowie ein geplanter Langstreckenbomber nach Vorbild der amerikanischen B-2- und B-21-Modelle. Doch Experten sehen insbesondere bei der Verteidigung Defizite.

Der Iran setzte im Konflikt vergleichsweise einfache und kostengünstige Mittel wie Shahed-Drohnen und ballistische Raketen ein – und konnte dennoch amerikanische Verteidigungssysteme durchbrechen. Die USA reagierten mit einem Mix aus Hightech-Waffen wie F-35-Kampfjets und B-2-Bombern sowie günstigeren Präzisionswaffen, die von älteren Flugzeugtypen eingesetzt wurden. Diese Kombination aus technologischer Überlegenheit und Masse dürfte auch für China relevant werden.

Besonders aufmerksam verfolgt man in Taiwan die Entwicklungen. Dort gilt ein möglicher Konflikt mit China weiterhin als realistisches Szenario. Analysten gehen davon aus, dass Peking im Ernstfall auf eine Kombination aus Langstreckenraketen und massiven Drohnenschwärmen setzen würde.

Der taiwanische Sicherheitsexperte Chieh Chung erklärte, Drohnen würden bei einem chinesischen Angriff auf Taiwan „definitiv eine Schlüsselrolle“ spielen. China gilt bereits heute als weltweit führender Hersteller unbemannter Systeme. Laut einer Analyse der Plattform „War on the Rocks“ könnten chinesische Hersteller innerhalb eines Jahres theoretisch bis zu eine Milliarde bewaffnete Drohnen produzieren.

Taiwan sieht sich dadurch unter Druck. Ein aktueller Bericht eines staatlichen Kontrollgremiums bezeichnete die bisherigen Abwehrmaßnahmen gegen Drohnen als „ineffektiv“ und warnte vor erheblichen Sicherheitsrisiken für Infrastruktur und Militärstützpunkte. Gleichzeitig versucht Taipeh, seine eigenen Produktionskapazitäten auszubauen. Gene Su, Geschäftsführer des taiwanischen Drohnenherstellers Thunder Tiger, forderte eine dauerhafte Serienproduktion „Tag und Nacht“, um einem möglichen Gegner standhalten zu können.

Auch die USA ziehen Konsequenzen aus dem Iran-Krieg. Militärs in Washington gehen zunehmend davon aus, dass Amerika in einem Konflikt im Pazifik eher in die Rolle des Verteidigers geraten könnte. Der Kommandeur des Indo-Pazifik-Kommandos, Admiral Samuel Paparo, hatte bereits vorgeschlagen, die Taiwanstraße im Krisenfall mit Tausenden Drohnen in der Luft, auf und unter Wasser zu „fluten“, um chinesische Truppenbewegungen zu behindern.

Der Iran-Krieg zeigt nach Ansicht vieler Analysten zudem, dass militärische Erfolge nicht automatisch politische Ziele garantieren. Craig Singleton von der Denkfabrik Foundation for Defense of Democracies erklärte, selbst massiver militärischer Druck habe bislang keine dauerhafte politische Lösung hervorgebracht. Für China sei das eine zentrale Lehre: Ein Sieg auf dem Schlachtfeld bedeute nicht zwangsläufig, auch das gewünschte politische Ergebnis zu erreichen.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: fehlende Kampferfahrung. Die chinesische Volksbefreiungsarmee war zuletzt 1979 im Krieg gegen Vietnam in größere Gefechte verwickelt. Die USA dagegen sammelten seitdem umfangreiche Kampferfahrung im Irak, in Afghanistan sowie bei zahlreichen kleineren Militäreinsätzen.

Der chinesische Militäranalyst Song Zongping bezeichnete den Iran-Krieg als Anschauungsunterricht dafür, „wie echter Krieg aussieht“. Amerikanische Streitkräfte hätten gelernt, flexibel auf wechselnde Situationen zu reagieren – etwa durch den Wechsel von Luftangriffen hin zu Blockadestrategien oder durch den besseren Schutz sensibler Infrastruktur nach eigenen Verlusten.

Wie schnell die chinesische Armee unter realen Kampfbedingungen reagieren und sich anpassen könnte, bleibt dagegen offen.

Der Sicherheitsexperte Drew Thompson erinnerte in diesem Zusammenhang an den Koreakrieg. Damals verfügte China mit sowjetischen MiG-15-Jets zwar über modernere Flugzeuge, die amerikanischen Piloten mit ihrer Erfahrung aus dem Zweiten Weltkrieg setzten sich jedoch häufig durch. Die Lehre daraus sei zeitlos: „Ein exzellenter Pilot in einem durchschnittlichen Flugzeug schlägt fast immer einen durchschnittlichen Piloten in einem exzellenten Flugzeug.“

Für China dürfte der Iran-Krieg deshalb weit mehr sein als ein ferner regionaler Konflikt. Er gilt zunehmend als Testlabor dafür, wie moderne Großmachtkonflikte tatsächlich verlaufen – chaotisch, teuer und mit globalen Folgen weit über das eigentliche Schlachtfeld hinaus.

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