In England sind inzwischen über eine Million Kinder und Jugendliche an Kinder- und Jugendpsychiatrien verwiesen worden – ein neuer Höchststand. Oder anders gesagt: Die Wartelisten sind mittlerweile selbst ein eigener Jugendlicher mit voller Terminkalender-Krise.
Im Vergleich zu 2018/19 hat sich die Zahl fast verdoppelt. Hauptgrund: Angststörungen. Also genau das, was man bekommt, wenn man als junger Mensch in einer Welt aufwächst, in der alles gleichzeitig passiert – Schule, Social Media, Zukunft, Klima, Hausaufgaben und der leise Verdacht, dass Erwachsene auch nur improvisieren.
Besonders beliebt im System: „Bitte warten“. Mehr als 60.000 Kinder warten länger als zwei Jahre auf Unterstützung. Zwei Jahre – in Kindheit gerechnet ungefähr eine komplette Persönlichkeitsentwicklung plus Pubertät plus erste Lebenskrise.
Auch Diagnosen wie Autismus, ADHS und andere neuroentwicklungsbezogene Störungen nehmen stark zu. Gleichzeitig wartet ein großer Teil der Betroffenen so lange, dass man sich fragt, ob die eigentliche Therapie inzwischen „Geduldstraining“ heißt.
Die Kinderkommissarin spricht von „starken Herausforderungen“ – was in Behördenübersetzung ungefähr bedeutet: Es brennt, aber wir haben erstmal einen Arbeitskreis gegründet.
Besonders auffällig sind die Ungleichheiten: Kinder aus ärmeren Gegenden werden häufiger überwiesen, während andere Gruppen später oder seltener Hilfe bekommen. Oder anders gesagt: Wer es sich leisten kann, fällt manchmal erst später durchs Raster.
Auch die Kinderhilfsorganisation YoungMinds schlägt Alarm: Zu viele Kinder landen erst dann im System, wenn sie bereits in akuter Krise sind. Also genau dann, wenn man eigentlich sagen würde: Vielleicht wäre „früher“ eine gute Idee gewesen.
Unterm Strich entsteht ein ziemlich klares Bild: Die Nachfrage wächst schneller als die Versorgung – und die Wartelisten wachsen zuverlässig mit. Während die Kinder versuchen, mit ihrer Angst klarzukommen, versucht das System offenbar noch herauszufinden, wie man „Kapazität“ buchstabiert.
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