Wieder einmal herrscht große Aufregung an den Tankstellen. Der Ölpreis ist im Mai um fast 20 Prozent gefallen, doch Benzin und Diesel werden nur sehr langsam günstiger. Diesel verbilligte sich um rund neun Prozent, Super E10 sogar nur um etwa drei Prozent.
Und sofort kommen wieder diese typischen Fragen:
„Warum sinken die Spritpreise nicht genauso schnell wie der Ölpreis?“
„Warum geht es immer sofort nach oben, aber nur im Schneckentempo nach unten?“
„Verdienen die Konzerne da vielleicht kräftig mit?“
Liebe Autofahrer, was erwartet ihr eigentlich?
Wir haben schließlich freie Marktwirtschaft.
Die Rakete und die Feder
Ökonomen sprechen vom sogenannten „Rocket-and-Feather-Effekt“. Steigende Preise schießen wie eine Rakete nach oben. Sinkende Preise schweben dagegen wie eine Feder langsam Richtung Boden.
Oder anders gesagt:
Wenn Öl teurer wird, besitzen die Tankstellen plötzlich modernste Hochgeschwindigkeits-Informationssysteme.
Wenn Öl billiger wird, erfolgt die Datenübertragung offenbar per Brieftaube.
Der komplizierte Weg des günstigen Öls
Natürlich ist die Sache hochkompliziert.
Da gibt es Raffinerien.
Da gibt es Großhändler.
Da gibt es internationale Märkte.
Da gibt es Logistik.
Da gibt es regionale Besonderheiten.
Da gibt es vermutlich noch drei Arbeitskreise, vier Gutachten und sieben Excel-Tabellen.
Jedenfalls so kompliziert, dass ein sinkender Ölpreis monatelang unterwegs sein kann.
Ein steigender Ölpreis findet den Weg zur Zapfsäule dagegen meist innerhalb weniger Stunden.
Eine bemerkenswerte Leistung moderner Marktwirtschaft.
Der Tankrabatt – ein Meisterwerk
Auch die Bundesregierung wollte helfen.
Die Energiesteuer wurde gesenkt.
Doch die Regierung erklärte später sinngemäß, dass die Steuerersparnis nicht automatisch beim Kunden ankommen müsse, sondern zunächst ein Kostenfaktor für die Unternehmen sei.
Das ist ungefähr so beruhigend wie die Aussage eines Restaurants:
„Natürlich haben wir die Preise für die Zutaten gesenkt. Ob das Auswirkungen auf Ihre Rechnung hat, müssen weitere Analysen zeigen.“
Die Ölkonzerne leiden mit
Man sollte auch die Mineralölkonzerne nicht vergessen.
Wenn der Ölpreis steigt, müssen sie leider sofort handeln.
Wenn der Ölpreis fällt, müssen sie ebenfalls handeln.
Allerdings deutlich langsamer.
Schließlich darf man die Kunden nicht mit plötzlichen Preisnachlässen überfordern.
Die Wissenschaft hat eine Erklärung
Besonders schön ist der Hinweis, dass in ländlichen Regionen die Preise oft höher sind, weil die Menschen dort auf das Auto angewiesen sind.
Anders formuliert:
Wer keine Alternative hat, zahlt den Premiumpreis.
Das nennt man dann Marktmechanismus.
Fazit
Die gute Nachricht lautet:
Der Ölpreis ist gefallen.
Die schlechte Nachricht lautet:
Die Information darüber befindet sich offenbar noch auf dem Weg zur Tankstelle.
Vielleicht kommt sie nächste Woche an.
Vielleicht nächsten Monat.
Vielleicht wird sie gerade noch in einer Raffinerie bearbeitet.
Aber keine Sorge.
Sollte der Ölpreis morgen wieder steigen, wird die Nachricht garantiert blitzschnell zugestellt. Schließlich funktioniert die freie Marktwirtschaft in Deutschland ausgesprochen effizient – zumindest in eine Richtung.
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