Startseite Allgemeines Warum uns die Schulzeit oft ein Leben lang prägt
Allgemeines

Warum uns die Schulzeit oft ein Leben lang prägt

stux (CC0), Pixabay
Teilen

Die Schulzeit liegt für viele Erwachsene Jahrzehnte zurück. Trotzdem erinnern sie sich erstaunlich genau an die damaligen Cliquen, Außenseiter und besonders beliebten Mitschüler. Namen von Lehrkräften verschwinden häufig aus dem Gedächtnis, während die Personen, die einst den Pausenhof beherrschten, lebendig in Erinnerung bleiben.

Nach Ansicht des Psychologen Mitch Prinstein von der University of North Carolina liegt das daran, dass Jugendliche in dieser Lebensphase grundlegende Vorstellungen über soziale Beziehungen entwickeln. Erfahrungen mit Anerkennung, Ablehnung und Gruppenzugehörigkeit werden zu Mustern, mit denen Menschen später auch Situationen am Arbeitsplatz, in Freundschaften und in Partnerschaften beurteilen.

Die psychologische Forschung unterscheidet dabei zwischen Beliebtheit im Sinne von Sympathie und einem hohen sozialen Status. Bereits in den frühen 1980er-Jahren ließ der Psychologe John Coie Schulkinder angeben, welche Mitschüler sie besonders mochten und welche sie ablehnten. Daraus entwickelte er fünf soziale Kategorien: akzeptierte, abgelehnte, kontroverse, wenig beachtete und durchschnittlich wahrgenommene Kinder.

Akzeptierte Kinder gelten häufig als freundlich, hilfsbereit und unterstützend. Wenig beachtete Schüler sind meist still und zurückhaltend. In der Gruppe der Abgelehnten finden sich sowohl aggressive Kinder als auch sozial ängstliche Jugendliche, die selbst Opfer von Mobbing werden. Kontroverse Schüler erhalten gleichzeitig viel Zustimmung und Ablehnung. Sie fallen beispielsweise als Klassenclowns, Rebellen oder dominante Persönlichkeiten auf.

Diese Einordnungen können überraschend beständig sein. Untersuchungen zeigen, dass Kinder ihren sozialen Status teilweise auch dann behalten, wenn sie in eine neue Gruppe wechseln. Etwa die Hälfte soll selbst fünf Jahre nach der Grundschule noch einer ähnlichen Kategorie zugeordnet werden.

Mit dem Wechsel auf eine weiterführende Schule verändert sich jedoch die Bedeutung von Popularität. Jüngere Kinder bewundern oft Mitschüler, die freundlich sind, gute Leistungen erbringen und sich an Regeln halten. Im Jugendalter gewinnen dagegen Aussehen, sportliche Erfolge, Selbstbewusstsein und die Anpassung an die Normen der Gleichaltrigen an Gewicht.

Auch scheinbar erwachsenes Verhalten kann den sozialen Status vorübergehend erhöhen. Jugendliche, die früh Alkohol trinken, Drogen ausprobieren oder romantische Erfahrungen sammeln, wirken auf Gleichaltrige mitunter besonders reif und interessant. Dieser Effekt lässt allerdings ungefähr ab dem 15. Lebensjahr nach. Mit zunehmender Reife werden echte Sympathie und verlässliche Beziehungen wieder wichtiger.

Forschende weisen darauf hin, dass ein hoher Status und persönliche Beliebtheit nicht dasselbe sind. Wer von anderen wirklich gemocht wird, hat langfristig häufig bessere Aussichten auf stabile Beziehungen, beruflichen Erfolg, psychisches Wohlbefinden und körperliche Gesundheit. Starkes Streben nach Status kann dagegen mit riskantem Verhalten und späteren Schwierigkeiten verbunden sein.

Eine Langzeitstudie der University of Virginia begleitete 184 Jugendliche vom 13. bis zum 23. Lebensjahr. Teenager, die besonders stark nach Anerkennung und einem reifen Image strebten, hatten später häufiger Probleme mit engen Beziehungen und auffälligem Verhalten. Früher Alkohol- und Drogenkonsum ging zudem mit einem erhöhten Risiko für spätere Abhängigkeit einher.

Auch Ablehnung kann langfristige Spuren hinterlassen. Wer in der Schule ausgegrenzt wurde, rechnet möglicherweise noch als Erwachsener schneller mit Zurückweisung. Mehrdeutige Bemerkungen werden dann eher als Angriff verstanden. Betroffene ziehen sich zurück oder reagieren abweisend, wodurch tatsächlich neue negative Erfahrungen entstehen können. So entwickelt sich ein Kreislauf, in dem frühere Erlebnisse die eigenen Erwartungen und das spätere Verhalten immer wieder bestätigen.

Das soziale Leben an Schulen wird zudem von Cliquen bestimmt. Besonders in den ersten Jahren sind deren Grenzen oft streng. Jugendliche ordnen sich und andere bestimmten Gruppen zu, weil dies eine unübersichtliche soziale Umgebung leichter verständlich macht. Solche Kategorien können Sicherheit bieten, zugleich aber Ausgrenzung und Intoleranz fördern.

Nicht alle Jugendlichen gehören einer klar erkennbaren Gruppe an. Eine Untersuchung aus den 1980er-Jahren ergab, dass sich rund 45 Prozent der Schüler schlicht als normal bezeichneten. Populäre Darstellungen konzentrieren sich zwar häufig auf Sportler, Rebellen, Außenseiter und Streber, doch ein großer Teil der Jugendlichen bewegt sich außerhalb dieser auffälligen Rollen.

Gegen Ende der Schulzeit werden die Grenzen zwischen den Gruppen meist durchlässiger. Mit wachsender Reife verstehen Jugendliche besser, dass andere Menschen nicht ständig über sie nachdenken oder ihr Verhalten bewerten. Dadurch nimmt die starke Selbstbeobachtung ab, soziale Situationen werden weniger bedrohlich und neue Freundschaften leichter möglich.

Die besondere Wirkung der Schulzeit hängt auch mit ihrer Intensität zusammen. Jugendliche verbringen über Jahre hinweg fast jeden Tag mit denselben Menschen und können sich unangenehmen sozialen Situationen nur schwer entziehen. Im Erwachsenenleben ist eine derart geschlossene Umgebung seltener. Am Arbeitsplatz oder im privaten Umfeld bestehen meist mehr Möglichkeiten, Beziehungen zu verändern oder einen belastenden Kreis zu verlassen.

Frühere Ablehnung muss dennoch keine lebenslange Belastung bleiben. Manche Betroffene entwickeln eine besonders gute Wahrnehmung für die Gefühle anderer und erkennen schneller, wenn Menschen ungerecht behandelt werden. Diese Form emotionaler Aufmerksamkeit kann später in Freundschaften, Partnerschaften und im Berufsleben hilfreich sein.

Auch wenige enge Beziehungen können eine starke Schutzwirkung entfalten. Jugendliche müssen nicht zur allgemein akzeptierten oder beliebten Gruppe gehören. Schon ein oder zwei verlässliche Freundschaften können das Wohlbefinden stärken und die Grundlage für gesunde spätere Beziehungen bilden.

Entscheidend ist, alte Denkmuster überhaupt zu erkennen. Wer beispielsweise eine beiläufige Bemerkung automatisch als Ablehnung deutet, kann bewusst nach alternativen Erklärungen suchen. Vielleicht war die Aussage nicht gegen die eigene Person gerichtet oder überhaupt nicht verletzend gemeint. Eine solche Neubewertung kann verhindern, dass frühere Erfahrungen weiterhin jede neue Begegnung bestimmen.

Die einstigen Rollen in der Schule sind daher kein unveränderliches Schicksal. Menschen können belastende Erfahrungen aufarbeiten, neue Beziehungen entwickeln und ihre Vorstellung davon korrigieren, wie andere sie sehen. Problematisch wird es vor allem dann, wenn alte Muster unbemerkt bleiben und sich deshalb ständig wiederholen.

Die Schulzeit verschwindet zwar nicht vollständig aus dem Gedächtnis. Doch die Etiketten von damals müssen nicht festlegen, wer ein Mensch im Erwachsenenleben ist.

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

BaFin warnt vor protrader-finanz.de

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) warnt vor Angeboten über die Internetseite protrader-finanz.de...

Allgemeines

Marlon B. James ist tot – Eine Stimme der Söhne Mannheims ist verstummt

Der frühere Söhne-Mannheims-Musiker Marlon B. James ist im Alter von 60 Jahren...

Allgemeines

DAX stabilisiert sich zum Wochenschluss – doch die Nervosität bleibt

Zum Ende einer schwachen Börsenwoche versucht der deutsche Aktienmarkt am Freitag eine...

Allgemeines

Bundestag streitet über Haushalt, Sicherheit und Deutschlands Rolle in der Welt

In der 92. Sitzung des Deutschen Bundestages am 9. September 2026 stand...