„Jetzt bin ich Privatmensch“
New York – Annalena Baerbock zieht sich aus der internationalen Spitzenpolitik zurück. Nach Stationen als Kanzlerkandidatin, Außenministerin und Präsidentin der UN-Generalversammlung beginnt für die 45-Jährige nun ein völlig gewöhnliches Privatleben: in New York, als Dozentin an einer weltberühmten Eliteuniversität.
So lebt ihn eben jeder, den klassischen Rückzug ins Private.
Baerbocks Amtszeit bei den Vereinten Nationen endet turnusgemäß nach einem Jahr. Hinter ihr liegen Auseinandersetzungen mit Russland, den USA und vermutlich mehreren Telepromptern. Kurz vor dem Abschied zeigt sie sich dennoch gelassen. „Man darf keine Angst vor Gegenwind haben“, sagt sie. Eine nützliche Haltung für jemanden, der in der deutschen Politik jahrelang schon für die falsche Betonung eines Satzes einen Sturmwarnbericht bekam.
Von der Reizfigur zum Privatmenschen mit öffentlichem Lehrauftrag
An Baerbock schieden sich stets die Geister. Die einen kritisierten ihre feministische Außenpolitik, die anderen verbreiteten wilde Gerüchte über angebliche Affären. Wieder andere störten sich vermutlich daran, dass sie überhaupt da war.
Während eines Ukraine-Besuchs 2024 wurde ihre Delegation nahe der Front von einer russischen Drohne verfolgt, woraufhin der Termin abgebrochen werden musste. In sozialen Netzwerken entstanden daraus zuverlässig Geschichten, gegen die selbst das Drehbuch einer schlechten Agentenserie nüchtern wirkt.
Nach dem Ende der Ampel-Koalition brauchte die damalige Außenministerin eine neue Beschäftigung. Fündig wurde sie bei den Vereinten Nationen. Andere aktualisieren in dieser Situation ihr LinkedIn-Profil, Baerbock übernahm gleich die UN-Generalversammlung.
Ganz konfliktfrei verlief auch dieser Karriereschritt nicht. Die US-Regierung soll hinter den Kulissen mit Konsequenzen gedroht haben, wenn ihr die Tagesordnung missfiel. Baerbock bezeichnete solche Manöver als „maskuline Powergames“. Früher nannte man das Großmachtpolitik, heute bekommt sie wenigstens eine treffende PowerPoint-Überschrift.
Auch Russland und die USA waren sich ausnahmsweise einmal einig: Beide warfen Baerbock vor, sich zu stark in die Auswahl des nächsten UN-Generalsekretärs einzumischen. Internationale Diplomatie funktioniert eben am besten, solange niemand versucht, Einfluss zu nehmen.
Der Teleprompter funktionierte, die Weltordnung eher nicht
Als US-Präsident Donald Trump während der UN-Generalversammlung über seinen Teleprompter schimpfte, stellte Baerbock klar: „Keine Sorge, die Teleprompter der Vereinten Nationen funktionieren einwandfrei.“
Damit war zumindest eines der großen Probleme der internationalen Gemeinschaft gelöst.
Weniger erfolgreich verlief Deutschlands Kandidatur für einen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Die Bundesrepublik scheiterte. Baerbock warnt deshalb davor, sich aus internationalen Organisationen zurückzuziehen. Sonst sei Deutschland bald „nur noch einer von vielen“.
Eine Aussicht, die für manche Staaten bereits als diplomatischer Normalzustand gilt.
Abschied von der Politik – mitten in Manhattan
Nun soll Schluss sein mit der Weltbühne. Baerbock bleibt in New York und wird an der Columbia University unterrichten. Die Stelle ist auf mehrere Jahre angelegt.
„Ich bin jetzt ganz froh, auch mal eine Auszeit zu nehmen“, sagt sie.
Eine Auszeit als Professor of Practice an einer Eliteuniversität in Manhattan: der kleine Erholungsurlaub für ehemalige Außenministerinnen, denen ein Ferienhaus an der Ostsee offenbar zu gewöhnlich ist.
Ganz verschwinden wird Baerbock damit nicht. Sie verlässt lediglich die politische Weltbühne und wechselt auf eine akademische Bühne mit besserem Campus.
Aber eben als Privatmensch.
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