Die Wall Street hat eine jener Wochen hinter sich, in denen sich die Realität und die Börsenkurse nur noch lose begegnen. Während im Nahen Osten weiter Krieg herrscht, die Straße von Hormus allenfalls auf dem Papier wieder geöffnet ist und selbst die Waffenruhen in der Region eher nach politischer Zwischenatmung als nach Frieden aussehen, feierten die Märkte am Freitag ein Fest der Erleichterung. Der Ölpreis fiel deutlich, Aktien schossen nach oben, der S&P 500 markierte den dritten Rekordtag in Folge, und der Nasdaq legte seine längste Gewinnserie seit 1992 hin. Die Frage ist nur: Was genau feiern die Anleger eigentlich?
Offenbar vor allem die Hoffnung, dass das Schlimmste bereits hinter ihnen liegt – oder zumindest nicht sofort eskaliert. Der globale Ölpreis gab kräftig nach, nachdem Irans Außenminister angekündigt hatte, die Straße von Hormus sei für Handelsschiffe wieder „vollständig offen“. Brent fiel um gut neun Prozent auf 90,38 Dollar pro Barrel, den tiefsten Stand seit Anfang März. Gleichzeitig sprang der Dow Jones um 869 Punkte nach oben und machte damit sämtliche Verluste wett, die seit Beginn des Iran-Krieges aufgelaufen waren. An der Wall Street reichte also schon die Aussicht auf eine vorübergehende Entspannung, um wieder in den altbekannten Modus zu schalten: Risiko rein, Zweifel raus.
Das Kalkül dahinter ist simpel – und womöglich gefährlich. Die Märkte wetten darauf, dass die Waffenruhen im Nahen Osten halten, dass der Konflikt regional begrenzt bleibt, dass Hormus zumindest teilweise wieder nutzbar wird und dass die wirtschaftlichen Schäden beherrschbar bleiben. Vor allem aber wetten sie darauf, dass die Notenbanken im Zweifel bereitstehen, um mögliche Schocks abzufedern. Anders gesagt: Die Börse handelt gerade nicht die Realität, sondern das bestmögliche Szenario in einer Lage, die objektiv noch immer hochgradig instabil ist.
Dazu passt, dass die Wall Street inzwischen fast reflexartig auf Entspannungssignale anspringt. Seit dem Tief Ende März hat der S&P 500 mehr als zwölf Prozent zugelegt, die kriegsbedingten Verluste nicht nur aufgeholt, sondern deutlich überkompensiert. Der Markt macht also wieder genau das, was er in den vergangenen Monaten gelernt hat: Rücksetzer kaufen, auf Trumps Rückzieher setzen, den Dip als Einladung verstehen. Viele Händler haben sich daran gewöhnt, dass politische Risiken in Washington am Ende oft an der Börse enden – und Donald Trump im Zweifel lieber rhetorisch eskaliert als wirtschaftlich abstürzt. Diese Logik hat sich tief eingegraben. Sie lautet: Wenn es an den Märkten ernsthaft weh tut, rudert Trump irgendwann zurück. Für viele Investoren ist das längst eine Art inoffizielle Sicherheitsgarantie.
Dass diese Strategie im Fall Iran komplizierter sein könnte, wird an der Wall Street derzeit erstaunlich souverän verdrängt. Denn anders als bei Zöllen, Handelsdrohungen oder innenpolitischen Machtspielen kann Trump in einem militärischen Konflikt eben nicht beliebig zurückrudern, wenn die Gegenseite nicht mitspielt. Und doch reicht schon die Serie seiner jüngsten Aussagen – der Krieg nähere sich dem Ende, ein Deal mit Iran sei nah, die Lage in Hormus entspanne sich –, um die nächste Rallye zu befeuern. Ob die Händler ihm wirklich glauben oder schlicht nur mitspielen, ist dabei fast schon zweitrangig. In beiden Fällen gilt: Wer jetzt nicht dabei ist, könnte die nächste Aufwärtswelle verpassen.
Genau darin liegt ein wesentlicher Teil der Dynamik. Neben den geopolitischen Hoffnungen spielen auch rein technische Faktoren eine wichtige Rolle. Sinkende Volatilität löst algorithmische Käufe aus, automatische Handelssysteme springen an, Momentum-Investoren verstärken die Bewegung. Wenn sich die Kurse erst einmal in Bewegung setzen, entsteht jener typische Sog, der aus Erleichterung schnell Euphorie macht. Ein Marktstratege sprach bereits von einer „Fütterungsorgie“ – niemand wolle die Rally verpassen. Die Angst, etwas zu verpassen, verwandelt sich an der Börse bekanntlich schnell in Gier mit Bloomberg-Terminal.
Hinzu kommt, dass auch die laufende Berichtssaison Rückenwind liefert. Rund zehn Prozent der Unternehmen im S&P 500 haben bislang Zahlen vorgelegt, und fast 88 Prozent davon übertrafen die Erwartungen beim Gewinn je Aktie. Corporate America liefert also, zumindest bislang, solide Ergebnisse. Das stärkt die Erzählung, dass die US-Wirtschaft trotz Krieg, Energiepreisschock und geopolitischer Verwerfungen robuster bleibt als befürchtet. Gleichzeitig erlebt der Technologiesektor gerade eine Art zweites Frühlingserwachen. Nachdem die Stimmung rund um künstliche Intelligenz zuletzt merklich abgekühlt war, kehrt nun das Vertrauen zurück, dass der Boom bei Rechenleistung, Chips und Rechenzentren noch lange nicht vorbei ist. Auch das treibt vor allem den Nasdaq weiter nach oben.
Und doch bleibt ein unangenehmes Gefühl. Denn während die Wall Street Rekorde feiert, spüren viele Amerikaner von dieser Zuversicht wenig. Der Ölpreis ist zwar gefallen, liegt aber noch immer über dem Niveau vor Kriegsbeginn. Benzin bleibt teuer. Für Verbraucher wird das Leben nicht leichter, nur weil der S&P 500 erstmals über 7100 Punkte steigt. Genau hier öffnet sich wieder jener Graben, der in den USA längst vertraut ist: Main Street kämpft mit steigenden Kosten, Wall Street handelt bereits die nächste Wachstumsstory. Ein Marktstratege brachte es auf den Punkt: Die Börse habe einen fast gravitativen Drang nach oben entwickelt und sei bereit, nahezu jede negative Nachricht auszublenden, solange sich irgendwo ein positiver Kern finden lasse.
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre dieser Woche. Nicht, dass sich die Lage im Nahen Osten nachhaltig entspannt hätte. Sondern dass die Märkte inzwischen selbst in einem Krieg vor allem nach dem nächsten Kaufargument suchen. Ein paar versöhnliche Töne aus Teheran, ein paar optimistische Sätze von Trump, ein Ölpreis unter der Marke von 100 Dollar – und schon wird aus einer geopolitischen Krise ein bullishes Narrativ.
Die Börse hat also nicht unbedingt verstanden, was gerade passiert ist. Sie hat vielmehr entschieden, dass es fürs Erste reicht, wenn es nicht noch schlimmer wird. Und an der Wall Street ist das bekanntlich oft schon Grund genug für neue Rekorde.
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