Der britische Premierminister Keir Starmer gerät erneut massiv unter Druck. Nachdem bekannt wurde, dass der frühere britische Botschafter in Washington, Peter Mandelson, offenbar trotz nicht bestandener Sicherheitsüberprüfung auf den prestigeträchtigen Posten berufen wurde, wächst in London die Kritik am Regierungschef. Starmer verteidigte sich am Freitag mit sichtbarer Verärgerung – und erklärte, er sei über den Vorgang schlicht nicht informiert worden. Genau diese Verteidigung könnte ihm nun politisch gefährlich werden.
Denn die zentrale Frage lautet nicht mehr nur, warum Mandelson überhaupt ernannt wurde. Sondern: Wie kann ein Premierminister von einer derart brisanten Personalie nichts gewusst haben?
Starmer, der erst 2024 mit einer historischen Mehrheit für Labour ins Amt gekommen war, steht damit kurz vor wichtigen Regional- und Kommunalwahlen plötzlich wieder als Regierungschef da, dessen Urteilsvermögen und Kontrolle über den eigenen Apparat infrage gestellt werden. Drei Wochen vor erwarteten Verlusten bei den Wahlen in England, Schottland und Wales ist das für Labour ein denkbar ungünstiger Moment.
Der Fall ist politisch explosiv. Mandelson, einer der bekanntesten Labour-Veteranen, war als Botschafter in den USA zurückgetreten, nachdem seine Verbindungen zum inzwischen verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein erneut in den Fokus geraten waren. Starmer hatte die Personalie schon zuvor verteidigt und im Parlament erklärt, das übliche Verfahren sei eingehalten worden, die Sicherheitsprüfung sei erfolgt, Warnsignale habe es nicht gegeben. Nun aber kam heraus, dass Mandelson die Sicherheitsüberprüfung offenbar gar nicht bestanden hatte – und dass Starmer nach Darstellung seines Teams davon bis in diese Woche hinein nichts wusste.
Der Premier reagierte demonstrativ empört. Es sei „unverzeihlich“, dass man ihn nicht informiert habe, sagte er am Freitag in Frankreich, wo er an Gesprächen zur Iran-Krise teilnahm. Besonders heikel: Während er im Parlament noch versichert hatte, dass der Prozess ordnungsgemäß verlaufen sei, fehlte ihm offenbar selbst die entscheidende Information. Auf die Frage, ob er deshalb zurücktreten müsse, wich Starmer aus. Er werde am Montag im Parlament „die relevanten Fakten“ darlegen. Sein Sprecher stellte allerdings klar: Rücktrittspläne gebe es nicht.
Downing Street versuchte noch am Donnerstagabend, den Schaden zu begrenzen – und entließ kurzerhand mit Olly Robbins den ranghöchsten Beamten im Außenministerium. Doch die politische Brandmauer hält bislang nur bedingt. Denn je energischer Starmers Team betont, niemand im Kabinett und niemand im Umfeld des Premiers habe von der gescheiterten Sicherheitsprüfung gewusst, desto stärker drängt sich ein anderer Verdacht auf: Hat Starmer seine Regierung überhaupt im Griff?
In Labour wächst die Nervosität. Öffentlich stellt sich die Partei bislang noch hinter ihren Premier. Hinter verschlossenen Türen klingt das anders. Ein Labour-Abgeordneter sprach gegenüber Reuters von einem „Geschenk, das immer weiter gibt“ – ein Skandal also, der Starmer ausgerechnet in einer Phase dauerhaft beschädigen könnte, in der Labour ohnehin mit einem schlechten Abschneiden bei den anstehenden Wahlen rechnet. Ein anderer Parlamentarier forderte bereits den Rücktritt von David Lammy, heute Vizepremier, damals aber als Außenminister politisch mitverantwortlich. Die Wahl sei nun nur noch zwischen „Inkompetenz und Täuschung“, sagte der Abgeordnete. Beides ist für eine Regierung kein besonders attraktives Angebot.
Die Opposition wittert entsprechend Morgenluft. Konservative Parteichefin Kemi Badenoch nannte Starmers Darstellung „abenteuerlich“. Nigel Farage, dessen Reform UK sich zunehmend als gefährlichster Herausforderer Labours etabliert, sprach von „offensichtlicher Unehrlichkeit“. Badenoch spottete auf X sogar, unter Starmer zu arbeiten sei inzwischen „eine der gefährlichsten Beschäftigungen im Vereinigten Königreich“ – eine Anspielung auf mehrere personelle Abgänge aus dem engsten Umfeld des Premiers.
Juristisch und politisch entscheidend wird nun die Frage, ob Starmer das Parlament wissentlich falsch informiert hat. Oppositionspolitiker werfen genau das in den Raum. Das Problem: Ein Schreiben des Außenministeriums aus dem Januar 2025, das Mandelson den Botschafterposten offiziell anbot und das später im Parlament veröffentlicht wurde, legt zunächst nahe, dass seine Sicherheitsfreigabe bestätigt worden sei. Wörtlich heißt es dort, seine Sicherheitsfreigabe sei durch die zuständige Stelle bestätigt und bis 2030 gültig. Sollte sich nun herausstellen, dass diese Darstellung unzutreffend war – oder dass intern längst andere Informationen vorlagen –, könnte der Fall für Starmer noch deutlich unangenehmer werden.
Mandelson selbst schweigt bislang öffentlich. Gegen ihn wird inzwischen zudem wegen des Verdachts ermittelt, Regierungsdokumente an Epstein weitergegeben zu haben. Starmer hatte sich bereits für die Ernennung entschuldigt und dem früheren Botschafter eine „Kette von Täuschungen“ über seine Beziehungen zu Epstein vorgeworfen. Doch auch diese Distanzierung schützt ihn nur bedingt. Denn die entscheidende politische Verantwortung liegt nicht mehr bei Mandelson. Sie liegt bei dem Mann, der ihn berufen hat – und der nun erklärt, von den wichtigsten Warnhinweisen nichts gewusst zu haben.
Noch ist ein Sturz Starmers nicht unmittelbar wahrscheinlich. Innerhalb der Labour-Fraktion wäre eine formelle Herausforderung nur möglich, wenn sich mindestens 20 Prozent der Abgeordneten hinter einem Gegenkandidaten versammeln. Das wären 81 Parlamentarier – eine hohe Hürde. Doch selbst wenn es dazu nicht kommt, ist der Schaden bereits da. Ein Premierminister, der mit Kompetenz, Seriosität und Kontrolle angetreten war, verteidigt sich plötzlich mit einem Satz, der selten Vertrauen schafft: Ich wusste von nichts.
Und genau darin liegt die eigentliche politische Gefahr für Keir Starmer. Nicht der Skandal allein könnte ihn beschädigen – sondern die Art, wie er ihn erklärt.
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