Vor einem Jahr war Arne Slot in Liverpool noch der Mann, der über Wasser laufen konnte. Heute reicht es nicht einmal mehr für den Weg vom Trainingsplatz ins Büro.
Der Niederländer hatte das geschafft, woran viele Experten gezweifelt hatten: Er trat die Nachfolge von Jürgen Klopp an, gewann auf Anhieb die Meisterschaft und wurde von den Fans bereits als Mischung aus Bob Paisley, Johan Cruyff und einem Fußballwunder gefeiert. Doch im Fußball gilt bekanntlich eine eiserne Regel: Der Held von gestern ist die Schlagzeile von heute und der Ex-Trainer von morgen.
Dabei begann alles traumhaft. Slot übernahm eine funktionierende Mannschaft, brachte Struktur ins Klopp-Chaos, machte Ryan Gravenberch plötzlich zum Weltklassespieler und ließ Liverpool souverän zum Titel marschieren. Die Fans waren begeistert, die Vereinsführung verliebt und die Presse verteilte Lobeshymnen wie Freibier auf einem Schützenfest.
Dann kam der Sommer.
Liverpool investierte rund 450 Millionen Pfund in neue Spieler. Im Nachhinein wirkt das ein wenig wie jemand, der ein funktionierendes Auto besitzt und vorsorglich den Motor, die Reifen, das Lenkrad und die Sitze gleichzeitig austauscht. Danach fährt es zwar noch – aber leider in die falsche Richtung.
Besonders kurios: Für Alexander Isak wurden Unsummen ausgegeben, obwohl bereits Hugo Ekitiké verpflichtet worden war. Florian Wirtz kam ebenfalls. Nur wusste irgendwann niemand mehr so genau, wo eigentlich alle spielen sollten. Die Transferpolitik erinnerte phasenweise an einen übermotivierten Manager im Fußball-Computerspiel kurz nach Gehaltseingang.
Parallel dazu verlor Mohamed Salah seine Magie, Virgil van Dijk plötzlich seine Unantastbarkeit und die Mannschaft ihre Balance. Was zuvor wie ein perfekt abgestimmtes Uhrwerk wirkte, erinnerte nun eher an einen Möbelbausatz ohne Anleitung.
Slot reagierte mit immer neuen Systemen, Wechseln und taktischen Experimenten. Manche Fans hatten irgendwann den Verdacht, der Trainer ziehe seine Aufstellungen morgens aus einer Tombola. Die berühmten Joker-Wechsel der Vorsaison verwandelten sich in Verzweiflungsakte mit pädagogischem Charakter.
Hinzu kamen tragische Ereignisse rund um den Verein, die Liverpool emotional schwer trafen. Doch sportlich wurde die Lage von Woche zu Woche prekärer. Aus dem Meister wurde eine Mannschaft, die mehr Fragen als Antworten lieferte.
Und so endet die Geschichte vorerst dort, wo viele Trainerkarrieren enden: beim Vereinspräsidenten, der irgendwann sagt, dass man „neue Impulse“ brauche.
Vor zwölf Monaten wurde Arne Slot noch als genialer Klopp-Nachfolger gefeiert. Heute darf er sich in die lange Liste jener Trainer einreihen, die gelernt haben, dass im modernen Fußball selbst eine Meisterschaft manchmal nur eine sehr teure Abfindung mit Verzögerung ist.
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