In Venedig, wo sonst Gondeln, Touristen und gelegentlich verlorene Tauben den Verkehr bestimmen, sorgte am Freitag ein besonders dezentes Wasserfahrzeug für Aufsehen: die 117 Meter lange Mega-Yacht „Boardwalk“ des US-Botschafters in Italien, Tilman Fertitta. Geschätzter Wert: rund 450 Millionen Dollar. Also ungefähr so viel wie ein Espresso auf dem Markusplatz, wenn man versehentlich noch einen Stuhl benutzt.
Rund 300 Demonstrierende empfingen das schwimmende Luxushotel nicht mit roten Teppichen, sondern mit Protestschildern, Megafonen und aufblasbarem Pool-Zubehör. Die Botschaft war eindeutig: „Venedig ist nicht zu verkaufen.“ Einige richteten ihren Ärger auch gegen US-Präsident Donald Trump, dessen enger Verbündeter und Unterstützer Fertitta ist.
Die Polizei rückte in Schutzmontur an, weil mehrere Demonstrierende offenbar näher an die Yacht wollten. Ob sie protestieren, diskutieren oder nur wissen wollten, ob das Ding auch einen eigenen Flughafen hat, blieb offen. Immerhin verfügt das Schiff über zwei Helikopterlandeplätze – für den Fall, dass man auf See dringend noch einen weiteren Hauch Bescheidenheit einfliegen muss.
Fertitta selbst bezeichnet seine Italienreise laut sozialen Medien als eine Art „Küstendiplomatie“ anlässlich des 250-jährigen Bestehens der Vereinigten Staaten. Kritiker sahen darin weniger Diplomatie als vielmehr eine sehr große Visitenkarte mit Motor. Denn wo andere Botschafter Hände schütteln, lokale Gespräche führen und vielleicht eine Rede halten, kommt hier offenbar gleich ein schwimmender Wolkenkratzer mit Restaurant, Casino-Flair und Sicherheitszone.
Besonders ungünstig: Die Yacht lag ausgerechnet während des traditionellen Redentore-Festes in der Lagunenstadt. Dieses erinnert an das Ende einer Pestepidemie im Jahr 1576 und wird jedes Jahr mit Booten, Feuerwerk und vielen Menschen gefeiert, die gern dorthin schauen würden, wo nun ein 384 Fuß langes Symbol globaler Ungleichheit parkte. Für manche Venezianer war das ungefähr so, als würde jemand beim Familienfest den Fernseher vor das Buffet stellen und sagen: „Keine Sorge, das ist internationale Verständigung.“
Vertreter der Gewerkschaft CGIL nannten die Anwesenheit der Yacht eine Schande. Sie stehe für das Gegenteil von ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit. Andere Demonstrierende beklagten, Venedig werde immer stärker für Milliardäre und Events hergerichtet, während Bewohner mit Wohnraum, öffentlicher Infrastruktur und steigenden Lebenshaltungskosten kämpften.
Der Botschafter, dessen Vermögen laut Forbes bei knapp elf Milliarden Dollar liegen soll, besitzt in den USA unter anderem Casinos, Sportteams und Restaurants. Die Yachtkosten für Familie und Gäste zahle Fertitta nach eigenen Angaben selbst. Unklar blieb allerdings, welche Kosten italienischen Steuerzahlern durch zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen an Land und auf dem Wasser entstehen.
Die US-Botschaft äußerte sich zunächst nicht öffentlich zu den Protesten. Das italienische Außenministerium erklärte hingegen, die Küstendiplomatie funktioniere. Das kann man so sehen. Immerhin hat sie es geschafft, dass in Venedig sehr viele Menschen gleichzeitig über Diplomatie, soziale Gerechtigkeit, Trump, Yachten, Feuerwerk und aufblasbare Schwimmtiere diskutieren.
Die „Boardwalk“ soll im Rahmen der Reise mehrere italienische Häfen anlaufen. Geplant sind Treffen mit Unternehmern, Prominenten und Amerikanern an Bord. Für die Städte bedeutet das: mehr Sicherheitsaufwand, mehr Aufmerksamkeit und vermutlich die bange Frage, ob demnächst auch jemand mit einem schwimmenden Einkaufszentrum vorbeikommt.
Für Venedig war der Auftritt jedenfalls ein weiteres Kapitel in der Dauerfrage, wem die Stadt eigentlich gehört: den Bewohnern, den Besuchern, den Milliardären – oder doch den Kreuzfahrtschiffen, Superyachten und Eventplanern, die regelmäßig testen, wie viel Luxus eine Lagune aushält.
Am Ende blieb die Erkenntnis: Venedig ist vieles – Weltkulturerbe, Touristenmagnet, Sehnsuchtsort und fragile Stadt auf dem Wasser. Aber wenn eine 450-Millionen-Dollar-Yacht zum Volksfest vorfährt, wird selbst die romantischste Lagune kurz zur politischen Badewanne.
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