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UNO sucht neuen Chef – diesmal bitte möglichst weiblich, lateinamerikanisch und veto-fest

Ronile (CC0), Pixabay
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In New York beginnt wieder eines der kompliziertesten Bewerbungsgespräche der Welt: Die Vereinten Nationen suchen eine Nachfolge für Generalsekretär Antonio Guterres. Vier Kandidatinnen und zwei Kandidaten stellen sich den Hearings. Normalerweise würde man sagen: Möge die oder der Beste gewinnen. Bei der UNO heißt es eher: Möge die Person gewinnen, gegen die sich USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien nicht gegenseitig mit dem Veto-Wedel bedrohen.

Guterres macht nach zehn Jahren Platz. Und er hat sogar einen Wunsch hinterlassen: Es sei „eindeutig Zeit für eine Frau“ an der Spitze der UNO. Das ist bemerkenswert, denn nach fast 80 Jahren Vereinte Nationen ist diese Erkenntnis ungefähr so früh gekommen wie ein verspäteter Nachtzug mit diplomatischer Immunität.

Die besten Chancen dürften diesmal Kandidatinnen aus Lateinamerika haben. Auch das folgt einer ungeschriebenen UNO-Tradition: Der Chefsessel wandert irgendwie um die Kontinente, solange die Großmächte nicht vorher den Stuhlkreis umwerfen. Nach Afrika, Asien und Europa wäre also Lateinamerika dran. Die UNO nennt das Rotation. In jeder normalen Firma hieße es: Wir schauen mal, wer diesmal politisch am wenigsten unmöglich ist.

Im Rennen ist unter anderem Michelle Bachelet aus Chile: frühere Präsidentin, frühere Menschenrechtskommissarin, frühere Chefin von UNO Women. Also eine Frau mit Lebenslauf, bei dem normale Bewerberinnen spätestens nach Seite zwei aus dem Drucker Papier nachlegen müssten. Sie will Veränderungen bewältigen, zu den Grundlagen globalen Engagements zurückkehren und Wege zum Frieden ebnen. Das klingt schön – und in der UNO vermutlich schon fast rebellisch, weil es das Wort „Frieden“ noch nicht vollständig aufgegeben hat.

Auch Rebeca Grynspan Mayufis aus Costa Rica bewirbt sich. Sie leitet derzeit die UNO-Handels- und Entwicklungsorganisation und beschreibt sich als reformorientierte Multilateralistin. Das ist ein Begriff, den man nur bei der UNO sagen kann, ohne dass jemand sofort den Notarzt ruft. Übersetzt heißt es wohl: Sie glaubt noch an internationale Zusammenarbeit, aber vermutlich nicht mehr ganz naiv.

Carolyn Rodrigues Birkett aus Guyana will die UNO neu bekräftigen, reformieren und mobilisieren. Ein ehrgeiziges Programm. Die UNO mobilisieren ist allerdings ungefähr so, als wolle man einen sehr großen, sehr alten Dampfer mit einem Teelöffel beschleunigen. Möglich vielleicht, aber man sollte Verpflegung für mehrere Jahrzehnte einplanen.

Maria Fernanda Espinosa aus Ecuador bringt ebenfalls klare Worte mit. Die Welt brauche keine weiteren Bekenntnisse zu multilateralen Idealen, sondern Ergebnisse. Das ist in New York ungefähr so, als würde jemand beim Yoga-Kurs plötzlich verlangen, dass wirklich gearbeitet wird. Ergebnisse! Bei der UNO! Man spürt förmlich, wie irgendwo ein Ausschuss einen Unterausschuss zur Prüfung dieser Formulierung einrichtet.

Bei den männlichen Bewerbern ist Rafael Grossi aus Argentinien dabei, Chef der Internationalen Atomenergieagentur. Er gilt als Favorit und weiß immerhin beruflich, wie man mit Dingen umgeht, die explodieren könnten. Das ist für den UNO-Job nicht die schlechteste Vorbereitung.

Macky Sall aus Senegal hat es dagegen schwerer, weil nach inoffizieller Weltregionen-Mathematik Afrika gerade nicht dran ist. Das ist für ihn bitter, aber UNO-logisch. Dort kann man noch so qualifiziert sein – wenn der falsche Kontinent auf dem Bewerbungsformular steht, hilft manchmal nicht einmal ein guter Lebenslauf.

Das Verfahren selbst ist ein diplomatischer Mehrkampf: Erst hört man sich alle an, dann testet der Sicherheitsrat, wer wie viel Unterstützung bekommt, und am Ende müssen sich ausgerechnet jene Großmächte einigen, die sich sonst schon bei der Frage uneinig sind, ob Wasser nass ist. Mindestens neun Stimmen sind nötig, aber ein Veto der ständigen Mitglieder kann alles stoppen. Kurz gesagt: Die Welt sucht jemanden, der Weltfrieden, Klimakrise, KI, Gaza, Ukraine, Sudan, humanitäre Not und Großmacht-Eitelkeiten gleichzeitig managen soll – aber bitte nur, wenn niemand im Sicherheitsrat schlechte Laune hat.

Die Generalversammlung bestätigt dann am Ende die Empfehlung. Das gilt meist als Formsache. Wie vieles bei der UNO klingt auch das beruhigend, bis man merkt, dass vorher der Sicherheitsrat sortiert hat, also das Gremium, in dem globale Verantwortung regelmäßig mit nationalem Trotz verwechselt wird.

Die Aufgaben für die nächste UNO-Spitze sind gewaltig. Kriege, Klimakrise, künstliche Intelligenz, humanitäre Katastrophen, schwindendes Vertrauen in internationale Institutionen. Dazu Großmächte, die Reformen, Sparsamkeit und Relevanznachweise verlangen, während sie selbst die Regeln gern behandeln wie Hotelhandtücher: nützlich, solange man sie braucht, ansonsten flexibel.

Am Ende könnte die UNO also tatsächlich erstmals eine Frau an die Spitze bekommen. Das wäre historisch. Noch historischer wäre nur, wenn sie danach auch handeln dürfte, ohne bei jedem ernsten Konflikt an den politischen Haustüren der Vetomächte zu klingeln.

Bis dahin läuft das Bewerbungsverfahren. Sechs Kandidaturen, viele gute Sätze, noch mehr diplomatische Vorsicht – und die Hoffnung, dass die Weltorganisation jemanden findet, der nicht nur Generalsekretär oder Generalsekretärin heißt, sondern gelegentlich auch etwas generalsekretieren darf.

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