Peter Ticktin gehört seit Jahrzehnten zum engsten persönlichen Umfeld von US-Präsident Donald Trump. Nach eigenen Angaben verbindet beide eine Freundschaft, die bis in ihre gemeinsame Zeit auf der New York Military Academy zurückreicht. Heute sorgt der 80-jährige Anwalt jedoch mit Forderungen für Aufsehen, die nach Einschätzung von Verfassungsrechtlern die Vereinigten Staaten in eine schwere Staatskrise stürzen könnten. Ticktin drängt Trump dazu, für die bevorstehenden Kongresswahlen einen nationalen Notstand auszurufen und die Kontrolle über den Wahlprozess auf Bundesebene zu übernehmen.
Zur Begründung behauptet Ticktin erneut, ausländische Staaten hätten bereits die Präsidentschaftswahl 2020 manipuliert. Nach seiner Darstellung bestehe weiterhin die Gefahr, dass elektronische Wahlsysteme von ausländischen Akteuren beeinflusst würden. Er argumentiert, die Demokratische Partei wolle sich auf diese Weise genügend Sitze im Kongress sichern, um anschließend ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump und Vizepräsident JD Vance einzuleiten. Im Falle eines Erfolgs würde nach seiner Darstellung der demokratische Fraktionsführer im Repräsentantenhaus, Hakeem Jeffries, Präsident der Vereinigten Staaten werden. Für diese Behauptungen legte Ticktin jedoch keine überprüfbaren Belege vor.
Verfassungsrechtler und Wahlrechtsexperten weisen darauf hin, dass die US-Verfassung die Durchführung von Wahlen grundsätzlich den Bundesstaaten und dem Kongress überträgt. Dem Präsidenten komme hierbei keine Befugnis zu, die Kontrolle über nationale Wahlen zu übernehmen. Ein entsprechender Schritt würde daher nach Einschätzung zahlreicher Experten eine erhebliche Verfassungskrise auslösen.
Ticktin gehört seit Jahren zu den prominentesten Vertretern der These, die Präsidentschaftswahl 2020 sei Donald Trump durch Wahlbetrug entzogen worden. Er vertritt unter anderem die ehemalige Wahlleiterin Tina Peters aus Colorado, den früheren Overstock-Chef Patrick Byrne sowie zahlreiche Teilnehmer des Sturms auf das Kapitol vom 6. Januar 2021. Peters war wegen ihrer Beteiligung an der Manipulation von Wahlsystemen verurteilt worden und kam nach einer Begnadigungsentscheidung des Gouverneurs von Colorado wieder frei. Ticktin sieht sie dagegen als Opfer eines politischen Komplotts und hatte sich intensiv für ihre Freilassung eingesetzt.
Nach eigenen Angaben steht Ticktin weiterhin in Kontakt mit Donald Trump und verschiedenen Mitarbeitern der US-Regierung. Ein Sprecher des Weißen Hauses relativierte allerdings seinen Einfluss. Zwar kenne Trump seinen langjährigen Freund persönlich, Ticktin spiele jedoch nach Angaben des Weißen Hauses keine Rolle bei der Ausarbeitung der Regierungsstrategie in Wahlrechtsfragen.
Im Mittelpunkt von Ticktins Argumentation stehen erneut elektronische Wahlsysteme. Er behauptet, Wahlmaschinen verschiedener Hersteller könnten von ausländischen Regierungen manipuliert worden sein. Diese Vorwürfe wurden allerdings bereits mehrfach von amerikanischen Sicherheitsbehörden untersucht und zurückgewiesen. Sowohl das US-Justizministerium als auch das Heimatschutzministerium kamen bereits 2021 zu dem Ergebnis, dass keinerlei glaubwürdige Hinweise auf eine Manipulation der Wahlinfrastruktur durch ausländische Staaten vorliegen. Auch eine Untersuchung der amerikanischen Nachrichtendienste stellte fest, dass zwar verschiedene Staaten versucht hätten, Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen, es jedoch keine Hinweise auf technische Eingriffe in die Stimmabgabe oder Stimmenauszählung gebe.
Ungeachtet dieser Feststellungen hält Ticktin an seiner Darstellung fest. Er verweist unter anderem auf das Vorgehen der Trump-Regierung gegen den venezolanischen Staatschef Nicolás Maduro. Ticktin behauptet, Maduro könne künftig Informationen liefern, die seine Vorwürfe eines internationalen Wahlbetrugs bestätigen würden. Das US-Justizministerium widerspricht jedoch auch dieser Darstellung. Die Ermittlungen gegen Maduro beziehen sich ausschließlich auf internationale Drogendelikte und nicht auf mutmaßliche Manipulationen amerikanischer Wahlen.
Bereits im vergangenen Jahr arbeitete Ticktin nach eigenen Angaben an einem Entwurf für eine präsidiale Notstandsverordnung. Diese sollte es ermöglichen, Briefwahl erheblich einzuschränken und den Einsatz elektronischer Wahlmaschinen weitgehend zu verbieten. Zwar unterzeichnete Donald Trump später eine Anordnung mit Einschränkungen für die Briefwahl, sie ging jedoch deutlich weniger weit als die von Ticktin vorgeschlagenen Maßnahmen. Teile dieser Anordnung wurden inzwischen von Bundesgerichten gestoppt.
Auch Ticktins juristische Laufbahn verlief nicht ohne Kontroversen. In Florida geriet er mehrfach mit Gerichten und der Anwaltskammer in Konflikt. Seine Zulassung als Anwalt wurde zeitweise ausgesetzt. Darüber hinaus wurde er gemeinsam mit weiteren Anwälten in einem Zivilverfahren sanktioniert, nachdem ein Gericht Klagen gegen Hillary Clinton wegen angeblicher Wahlverschwörungen als unbegründet und teilweise wissentlich falsch eingestuft hatte. Auch in mehreren Verleumdungsverfahren rund um die Wahlmaschinenhersteller Dominion und Smartmatic fiel Ticktin durch ungewöhnliches Verhalten und Auseinandersetzungen mit gegnerischen Anwälten auf.
Dennoch bleibt Peter Ticktin ein wichtiger Akteur innerhalb jener politischen Bewegung, die weiterhin an den Vorwürfen eines systematischen Wahlbetrugs im Jahr 2020 festhält. Seine aktuellen Forderungen nach einem nationalen Notstand und einer stärkeren Kontrolle der Zwischenwahlen durch den Präsidenten zeigen, dass die Debatte um die Legitimität amerikanischer Wahlen auch sechs Jahre nach der Präsidentschaftswahl von 2020 nicht beendet ist. Während Ticktin von einer notwendigen Sicherung der Demokratie spricht, warnen Verfassungsrechtler und Wahlbehörden vor einem gefährlichen Eingriff in die föderale Ordnung der Vereinigten Staaten.
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